21.08.1996 · Das ungemeine Selbst und die Gruppe: Walter Benjamin in seinen Briefen der Jahre 1919 bis 1924
Auf der Rückreise von Capri im Herbst 1924 schreibt Walter Benjamin an Gershom Scholem, in Rom habe ihn das "moderiert Weltstädtische" kühl angesprochen. In Neapel aber hatte ihn das "extreme Temperament" des Stadtlebens begeistert: Tempo und Improvisation auf vulkanischem Grund, dazu "Glut" und ein orientalischer Einschlag, den der Briefschreiber festgestellt haben will - alles trägt dazu bei, hier einen Kultur gewordenen Ausnahme- und Spannungszustand zu erkennen, gegen den Rom, der Inbegriff alteuropäischer Kontinuität, zurücktritt.
Benjamin bewegt sich in einem neuen Europa, das gerade ins Zeitalter der Extreme eintritt; seine Briefe der Jahre 1919 bis 1924 geben einen genauen Eindruck von der glücklichsten Zeit (wenn das Wort in diesem Zusammenhang erlaubt ist), der Bildungszeit des intellektuellen Extremismus. Ihn sollte man zunächst als Form betrachten, gegen die die Inhalte für einen kurzen Moment zurücktreten; in der alles zusammenkommt, was der neue Stil zu bieten hat. An Gottfried Salomon-Delatour meldet Benjamin seine Hochschätzung für die "ausgezeichnete, tolle und extreme Action Française" - das führende Blatt des französischen Rechtsradikalismus, das er wegen seiner literarischen Qualitäten abonnierte. Gleichzeitig lernt er Asja Lacis kennen, eine "bolschewistische Lettin aus Riga", verliebt sich in sie und teilt mit, seine neugewonnenen politischen Einsichten "versuchsweise extrem" formulieren zu wollen; "neue extreme bürgerliche Ideologien", die seines Freundes Florens Christian Rang nämlich, von Benjamin selbst zeitweise unterstützt, verspricht er in einer Moskauer Zeitschrift zu rezensieren.
Das Neue verlangt nach philosophischer Durcharbeitung. Erste Hinweise auf eine Logik des Extremismus findet Benjamin in der 1918 erschienenen Schrift "Schöpferische Indifferenz" des philosophischen Outsiders Salomo Friedlaender, in der, mit ferner Erinnerung an Goethes Lehre von Polarität und Steigerung, der Umgang mit den Extremen als Lebenskunst und "Äquilibristik" vorgestellt wird: "Im gemeinen Selbste zerreissen die Extreme zur Parteiung; im ungemeinen kooperieren sie zur Totalität. Im gemeinsamen Selbste verkreuzen sich die Extreme zum Kompromiss, im ungemeinen grenzen sie rein aneinander. Es gilt die Kultur dieser Grenze." Das war eine Philosophie, die erkennbar ihre Zeit auf den Begriff brachte.
Im Winter 1920/21 lernt Benjamin Friedlaender kennen - vorhergegangen waren briefliche Verständigungen mit Scholem über die "Schöpferische Indifferenz" - und schreibt über ihn: "Er wirkte auf mich irgendwie bezwingend, durch einen Ausdruck unendlicher Vornehmheit und gleich unendlichen Leidens. Von seinen eignen Sachen spricht er mit echter Bescheidenheit." Im Mai 1921 berichtet er, "mit Vergnügen bisher viel in den Aphorismen" von Friedlaenders Buch gelesen zu haben. Benjamins Philosophie, die in der "Erkenntniskritischen Vorrede" zu seiner gescheiterten Habilitationsschrift "Ursprung des deutschen Trauerspiels" einen ersten Zenit erreicht, ist diesem Denken in Extremen verpflichtet; sie ist sein merkwürdigster, verrätselter Ausdruck.
Benjamins nächster Umgang ist zu dieser Zeit der mit Erich Gutkind, dem Verfasser des esoterischen Traktats "Siderische Geburt", der als jüdischer New-Age-Philosoph verstanden werden kann; an Gutkind allerdings haben sich keine Briefe erhalten, da man in Berlin miteinander sprechen konnte. Zu nennen ist weiter Gershom Scholem, damals mit dem Studium kabbalistischer Texte und der Edition des Buches Bahir befaßt; der junge Ernst Schoen (später Leiter des Südwestdeutschen Rundfunks in Frankfurt), dem Benjamin viele Lektüreeindrücke mitteilt; sodann Florens Christian Rang, ehemaliger protestantischer Pfarrer, preußischer Geheimrat und zuletzt Direktor des Raiffeisen-Verbandes; mit ihm trifft sich Benjamin in der Diskussion kunsttheoretischer Fragen, vor allem aber in einem Frankfurter Kreis, aus dem das politische Manifest "Deutsche Bauhütte" hervorgeht, das zur freiwilligen Wiedergutmachung an Belgien und Frankreich aufruft.
Alle spüren, daß für die deutschen Juden die Gefahr näherrückt: Scholem geht 1923 nach Palästina, Rang plädiert entschieden für das politisch-philosophische Engagement in Deutschland, während im Zwischenraum Benjamin nach einer Orientierung sucht. Das "arme Deutschland", so die Formulierung in einem Brief nach der Besetzung des Ruhrgebiets durch französische Truppen, ist zugleich auch das, in dem Pogrome wieder auf die Tagesordnung kommen: "Hier sah es gestern besonders böse aus. Daß es im Zentrum antisemitische Unruhen gab, werden Sie gelesen haben" (8. 11. 1923, an Gottfried Salomon-Delatour).
Ungeschickt fällt Benjamins Versuch aus, sich in der deutschen akademischen Welt zu situieren. Zu seinem Berner Lehrer Paul Häberlin verliert er langsam den Kontakt, und nur zu dem Frankfurter Dozenten Gottfried Salomon-Delatour stellt sich ein vertrauteres Verhältnis her. Ansonsten sind absprechende Urteile über die geisteswissenschaftlichen Hauptvertreter geradezu die Regel: die Lektüre Diltheys erscheint ihm "gänzlich vergeblich"; Gundolf und Jaspers, die er bei einem Heidelberger Aufenthalt hört, werden als "schwächlich" bezeichnet, und Erich Rothacker, der gerade die Herausgabe der "Deutschen Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte" übernommen hat, als Autor einer "gedankenarmen" Abhandlung.
Geradezu für symbolisch möchte man Benjamins Scheitern in dem erlauchten Zirkel von Marianne Weber in Heidelberg halten, einem der geisteswissenschaftlichen Zentren der Zeit: Hier trug er im Dezember 1922 vor, was er über die Gedichte seines Freundes Fritz Heinle zu sagen hatte. Über das Resultat berichtet er Scholem: "Dafür habe ich eine Woche fast Tag und Nacht gearbeitet und die Arbeit im Entwurf zu Ende geführt. Aber der Vortrag prallte ab. Ich mache mir darüber keine Vorwürfe, denn: wollte ich überhaupt hervortreten, so war nichts anderes zu tun. Meiner Arbeit hat es genützt."
Kein Zweifel: Benjamins Loyalitäten liegen, schon vor der gescheiterten Habilitation, nicht im Bereich der Universität. Daß er nichts unternimmt, ohne dafür ein Programm grundsätzlicher Neuorientierung zu entwerfen, wie er es in jenen Jahren für die Bereiche der Kunstkritik, der Übersetzung und der Erkenntnistheorie versucht, folgt eher der Logik des Extremismus als der einer universitären Karriere.
Dagegen ist der Kontakt zur künstlerischen Avantgarde sehr lebhaft. Ein Brief an Francis Picabia von Februar 1919 wird hier erstmals gedruckt. Enger scheint die Berührung mit dem Filmkünstler Hans Richter gewesen zu sein; besonders ist hier auch die persönliche Begegnung mit Filippo Marinetti zu erwähnen, den Benjamin später, in der Abhandlung zum "Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit", als Prototyp des faschistischen Künstlers geschildert hat. In einem Brief an Salomon-Delatour vom September 1924 aus Capri ist der Tonfall noch ein ganz anderer: "Ich lernte die weitbeschrienen Häupter des Futurismus kennen: Marinetti, bei dem ich in sehr interessanter Umgebung zum Tee war, Vasari und den sympathischen Maler (Prampolini). Marinetti ist in der Tat ein Kerl. Er trug auf höchst virtuose Weise ein ,Lärmgedicht' vor: Pferdewiehern, Kanonendonner, Wagenrasseln und Maschinengewehrfeuer etc." Eine eigene Betrachtung verlangt die Form dieser Briefe. Es handelt sich um eine Korrespondenz, in der Benjamins Freundeskreis dem Leser als soziales Gebilde überhaupt erst deutlich wird: Menschen zwischen Anfang zwanzig und Anfang dreißig (nur Rang und Gutkind sind bereits wesentlich älter), die in ihren Lebensentscheidungen einander beeinflussen, und das mit einer Intensität, die gewiß aus der biographischen Phase zu erklären ist, durch das gemeinsame Philosophieren aber, wie es vor allem Rang und Benjamin verbindet, noch gesteigert wird. "Sturmzeichen" erkennt Benjamin 1923 in der Tatsache, daß die "Vereinsamung der geistigen Menschen im Wachsen begriffen ist", und ohne Übertreibung kann man sagen: Sein Handeln zu Beginn der zwanziger Jahre widmet sich keiner Aufgabe so sehr wie der Überwindung dieser Isolation.
Nicht nur, daß er fast während des gesamten Zeitraums an der Einleitung zum Nachlaß Fritz Heinles arbeitet, mit Exkursen in die antike Lyrik (der Verlust dieser Arbeit ist als besonders schmerzlich zu betrachten: Heinles Gedichte bilden im engeren Freundeskreis einen Brennpunkt der Kommunikation, leider sind sie bis heute nur in der Ost-Berliner Diplomarbeit von Erdmut Wizisla gesammelt worden), und damit wissenschaftliche Arbeit und Freundespflicht verbindet. Scholem gegenüber bekennt er, ihm die neue "Richtung" seines Lebens zu verdanken - gemeint ist die Aufnahme des Hebräischstudiums, das dann allerdings bald wieder abgebrochen wird-; ausführlich werden in den Briefen die Wege der Freunde besprochen: der Entschluß Alfred Cohns, Volksschullehrer zu werden, trifft auf Mißbilligung, während Ernst Schoen von Benjamin Ermutigung erfährt.
Neben den brieflichen Gesprächen über den Lebensweg, den die Freunde einschlagen, ist die materielle Unterstützung einzelner zu nennen: die Geldsammlung für die Behandlung des lungenkranken Wolf Heinle nimmt breiten Raum ein (gern wüßte man mehr über den Kontakt zu dem Bildhauer Georg Kolbe, der bestanden haben muß), während bei anderen praktischen Schwierigkeiten Rang als Berater im Hintergrund sichtbar wird (er empfahl unter anderem Benjamin die Habilitation in Gießen). Die geplante Zeitschrift "Angelus Novus" sollte, mit den dichterischen Beiträgen der Gebrüder Heinle, den kritischen Rangs und Benjamins und den wissenschaftlichen Gershom Scholems, der literarischen Darstellung dieses Freundeskreises gewidmet sein. Ist es Zufall, daß Benjamin in jenen Jahren mit einer von ferne bewundernden Neugier George beobachtet, das Vorbild eines Kreisgründers? "Stunden waren mir nicht zuviel", schreibt er Jahre später, "im Schloßpark von Heidelberg, lesend, auf einer Bank, den Augenblick zu erwarten, da er vorbeikommen sollte. Eines Tages kam er langsam daher und sprach zu einem jüngeren Begleiter." Als Wolf Heinle stirbt, schreibt Benjamin an Rang die Zeilen, deren Georgescher Duktus unüberhörbar ist: "Er und sein Bruder waren die schönsten Jünglinge, die ich gekannt habe."
Nach dem Scheitern des "Angelus Novus" denken Benjamin und Rang über ein "Blatt der Freunde" nach; "Plakette für Freunde" sollte die "Einbahnstraße" zunächst heißen: ihr erster Plan lief auf eine neue Apotheose des Freundeskreises hinaus, wie man aus dem Brief an Scholem vom 22. Dezember 1924 erfährt: "In mehreren Kapiteln, die je als einzige Überschrift den Namen eines mir Nahestehenden tragen, will ich meine Aphorismen, Scherze, Träume versammeln. Und Muri soll sich unter dem Deinigen entfalten." Man hat sich angewöhnt, literarischen Gruppen und Bünden wie dem George-Kreis die Verlustrechnung aufzumachen, und findet dann freilich allenthalben unter den Epheben des Meisters Neurosen und gestörte Persönlichkeiten. Und so unsensibel ist ja heute keiner mehr, daß er Anmaßungen, Selbstüberschätzung und diktatorisches Gebaren auch in Benjamins Briefen und in seinem Umkreis übersehen könnte.
Daß aber eine Gruppierung, wie sie hier erkennbar wird, vor allem die Widerstandskraft ihrer Mitglieder zu stärken vermag, daß in ihr der Anteil, den die einzelnen aneinander nehmen, überhaupt Gestalt finden kann, ist dabei die andere, verdeckte Seite. Auf die Frage, wie philosophische Positionen, die in dem Augenblick ihrer Formulierung nicht mehrheits-und anschlußfähig sind, anders als in solchen Gruppen überdauern können, bleiben deren soziologische Kritiker die Antwort schuldig. Wo die Gesellschaft atomisiert und transparent schlechthin wird, ist sie zugleich in jedem ihrer Glieder Instanzen botmäßig, die erst recht keiner mehr kontrolliert. Für den, der keinen philosophisch belangvollen Begriff der Freundschaft hat, wird diese Briefsammlung stumm bleiben. LORENZ JÄGER
Walter Benjamin: "Gesammelte Briefe". Band II: "1919-1924". Hrsg. von Christoph Gödde und Henri Lonitz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996. 549 S., geb., 98,- DM.