http://www.faz.net/-gqz-q1ko

Rezension: Sachbuch : Stumpf tönt das Hammerklavier

  • Aktualisiert am

Yasmina Reza schreibt Prosa

          "Es gibt Gebiete, die müssen dunkel bleiben. Weder unscharf noch unbekannt, sondern einfach ohne das Licht der Worte." Wenn Yasmina Reza ihre eigenen weisen Worte beherzigt hätte, wäre ihr essayistisches Bändchen "Hammerklavier" wohl nicht zustande gekommen.

          Der Untertitel "Sonate" und der appetitlich strenge Einband versprechen kluge Komposition und sorgfältige Intonation, eben jene Qualitäten, die Yasmina Reza mit ihrem Theaterstück "Kunst" berühmt werden ließen. Seit der deutschsprachigen Erstaufführung vor vier Jahren wurde diese bizarre Komödie, die von dem erbitterten Streit dreier Freunde um ein weißes Bild handelt, auch hierzulande viel gespielt. Sie ist ein Wortstreit um Nichts - oder eben um all das, was sich in Serges sündhaft teurem, jungfräulich weißem Stück Leinwand an Deutungen, Status, ästhetischem Unfug verbergen könnte. Ist nun der Kaiser in seinen neuen Kleidern nackt? Wozu dient Kunst? Hat Serge sich prahlerisch in die moderne Kunstszene eingekauft oder ein mutiges, unzeitgemäßes Bekenntnis zur Zweckfreiheit abgelegt? Das Gespräch der drei Männer wird unerbittlich, Beziehungen, Freundschaften und Geschmacksurteile geraten in die Wortmühle, Phrasen und Psychologismen schwirren durch den Raum und entlarven sich selbst.

          Im "Hammerklavier" entlarvt sich nichts, weil die kühle und doch unwiderstehlich komische Leichtigkeit des Stückes fehlt. Die Szenen, Erinnerungsbilder und Gedankengänge kommen mit dem düsteren Ernst eines literarisch ambitionierten Tagebuches daher. Alle großen Themen, Kunst, Liebe, Zeit, Vergänglichkeit, werden angeschnitten, aber es fällt schwer, der Autorin von "Kunst" Sätze wie diesen durchgehen zu lassen: "Zum dunklen Abhang der Liebe, dem einzigen, auf dem man sich verirren kann, werde ich heimlich und in aller Stille gehen, denn es gibt keine Lust, die nicht Einsamkeit ist, und keine Ekstase, die nicht Schmerz ist." Erginge sich so der kunsthandelnde Dermatologe Serge oder sein wehleidiger Freund Yvan, könnte man den Blick auf das weiße Bild richten und mit den Schultern zucken. Doch hier ist keine rettende Leerstelle in Sicht. Man weiß sich beunruhigend nahe am autobiographischen Ich, das in der Melancholie schwelgt und von sich behauptet, "als Perspektive nur das kalte Bett und das Nichts zu haben". Wenn es genug gefröstelt hat, wärmt es sich ein wenig, denn es ist ein bildungsbürgerliches Ich, in Matinees, Symphoniekonzerten und daheim im Lesesessel an erstklassiger Kultur, Balzac, Beethoven und Roland Barthes. Nur wenn sie aus ihren schwermütigen Meditationen auftaucht, findet Yasmina Reza wieder eine Schärfe, die daran erinnert, zu was sie imstande ist. Leider geschieht das zu selten. ANNETTE PEHNT

          Yasmina Reza: "Hammerklavier: Eine Sonate". Aus dem Französischen übersetzt von Eugen Helmlé. Ammann Verlag, Zürich 1998, 139 S., geb. 36,- DM.

          Weitere Themen

          Mehr Streit wagen

          TV-Kritik: Anne Will : Mehr Streit wagen

          Friedrich Merz wird bei Anne Will gegrillt. Das scheint ihm Spaß zu machen. Und manchmal muss er sogar ein bisschen kichern.

          „24 Frames“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „24 Frames“

          Am Montag, dem 19. November, läuft um 23:35 Uhr „24 Frames“ auf Arte.

          Wer räumt nach einem Mord auf?

          Tatort-Sicherung : Wer räumt nach einem Mord auf?

          Im neuen „Tatort“ aus Hamburg fehlt ein Tatortreiniger und auch sonst wird die Arbeit der Kommissare von vielen Seiten angezweifelt. Was sagt die echte Polizei dazu?

          Topmeldungen

          Friedrich Merz zu Gast bei „Anne Will“

          TV-Kritik: Anne Will : Mehr Streit wagen

          Friedrich Merz wird bei Anne Will gegrillt. Das scheint ihm Spaß zu machen. Und manchmal muss er sogar ein bisschen kichern.
          Matteo Salvini und Silvio Berlusconi

          Salvinis Taktik : Finanzpoker mit Brüssel

          Rom macht zu viele Schulden. Ein Bußgeld droht. Doch statt zu zahlen, verhöhnt Innenminister Salvini die „Bürokraten in ihrem Brüsseler Bunker“, denn er hat noch ein paar Asse in der Hinterhand.
          Lächelnd im Konfettiregen: Alexander Zverev wandelt endgültig auf den Spuren von Boris Becker und Michael Stich.

          ATP-WM in London : Alexander Zverev überrollt Djokovic

          Das hätte ihm kaum jemand zugetraut: Der Hamburger besiegt den Weltranglistenersten in zwei glatten Sätzen und gewinnt beim ATP-Finale in London den bislang größten Titel seiner Karriere.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.