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Rezension: Sachbuch : Spion in der eigenen Seele

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Böse, böse: Michael Shelden erzählt das Leben von Graham Greene

          Das Lieblingsspiel von Graham Greene hieß "Leute hassen". Anfangs spielte er es für sich allein, später erklärte er ausgesuchten Freunden die einfache Spielregel. Man setzte sich in ein beliebiges Restaurant und beschloß, die achte Person, die am Nebentisch Platz nahm, zu hassen. Gründe für diesen Haß stellten sich zuverlässig ein. Ob der Mann am Nebentisch Sahneparfaits schlemmte oder dem Kellner zuwenig Trinkgeld gab - alles, was er von nun an tat, konnte gegen ihn verwendet werden. Der Reiz bestand darin, daß die flüchtige Laune im Laufe des Spiels zu eiskaltem Ressentiment erstarrte. Am Ende hatte jener Fremde im Restaurant sich in einen persönlichen Feind verwandelt.

          Graham Greene war ein Jung-Siegfried, der in Haßgefühlen badete wie im Drachenblut. Dabei gab es kein Lindenblatt auf seiner Schulter, das ihn verwundbar gemacht hätte. Es sei falsch, meint Michael Shelden in seiner Biographie, Greene einen Mann von freundlicher Tücke zu nennen: "Besser sagt man, es sei ihm gut gelungen, seine Tücke freundlich erscheinen zu lassen." Greene war ganz buchstäblich ein Zyniker, er verachtete die Menschen und machte sich einen Spaß daraus, es sie immer wieder spüren zu lassen.

          Dank Michael Shelden sehen wir die Flecken auf seiner Weste nun schwarz auf weiß: Greene war ein Rassist, ein Antisemit und ein Päderast. Asiaten erinnerten ihn beinahe unfehlbar an Affen. "Neger" desgleichen, und noch im September 1939 erdachte Greene eine unangenehme jüdische Figur namens Furtstein, einen Mann mit "Rosinenaugen" und "hochgewölbter Semitenstirn", der christlichen (Greene schrieb: arischen) Mädchen nachstellt.

          Den Geschmack für Knaben lebte der Schriftsteller in seiner Villa auf Capri aus. In den fünfziger Jahren war diese Insel ein Paradies für Päderasten, und zu jedem Geburtstag, den er dort verbrachte, schickte ihm ein ehemaliger deutscher Offizier namens Ekkehard von Schack einen Orchideenstrauß nebst einem kleinen Jungen.

          Man könnte fragen: Geziemt sich ein solches Betragen für einen katholischen Autor? Shelden antwortet mit einer Gegenfrage: War Greene überhaupt ein katholischer Autor? Zum Katholizismus konvertierte er nur, weil er einer jungen Frau gefallen wollte. In einem Essay, in dem er die Vorliebe des modernen Menschen für Sex attackierte, hatte Greene beiläufig behauptet, Katholiken würden die Mutter Gottes anbeten. Vivienne Dayrell-Browning bestand in einem empörten Leserbrief darauf, statt "anbeten" müsse es "verehren" heißen. Greene lud die Briefschreiberin zum Tee ein. Drei Monate später machte er ihr einen Heiratsantrag. Greenes Interesse für Vivienne reicht indessen nicht aus, um seine Neigung zum Katholizismus zu erklären, dafür behandelte er sie zu schlecht. Der Schriftsteller blieb der katholischen Konfession treu, lange nachdem er aufgehört hatte, seiner Ehefrau treu zu sein. Tatsächlich betrog er sie nach Strich und Faden, wobei die Betonung auf "Strich" liegt. Greene frequentierte Bordelle von London über Havanna bis Saigon.

          Wenn der Schriftsteller durch all diese Eskapaden ein Sohn der Kirche blieb, so bestimmt nicht deswegen, weil er sich christlichen Wertvorstellungen verpflichtet fühlte. Kostbar war der Katholizismus für Greene aus viel handfesteren Gründen. Die Kirche schenkte ihm "Regeln, die man brechen konnte, Versatzstücke zum Umstürzen". Graham Greenes private Dogmatik hatte mit den offiziellen Lehren der Kirche nichts gemein. Ihre Grundannahmen, die in seinen Romanen entfaltet werden, sind einfach, aber kraftvoll. Sie lauten nach Michael Shelden: "Gott ist ein Tyrann; die Seele muß ihre Unabhängigkeit behaupten; die Sünde kann ihre eigenen Reize haben; bedenkenlose Tugend kann moralisch korrupt sein; das Böse vermag den Menschen zu überwältigen; die Verdammnis kann ein heroischer Akt der Auflehnung sein."

          Am meisten imponierte Greene am Katholizismus der Satan. "Katholisch sein", so definierte er einmal, "heißt, an den Teufel zu glauben. Wer gewiß sein kann, vom Teufel geholt zu werden, dessen Existenz ist immerhin nicht gänzlich sinnlos. Schon George Orwell spottete, in Greenes Schilderung nehme die Hölle sich wie ein exklusiver Nachtclub aus, zu dem nur Katholiken Zutritt haben. Es ist also eher ein Mißverständnis, daß Greene als katholischer Schriftsteller gehandelt wird. Ein noch größeres Mißverständnis war, daß er in den siebziger Jahren als Linker galt. Greene, der die Illoyalität zur Kardinaltugend erhob, pfiff im Zweifel auf alle politischen Ideologien - nach einer Melodie, die Michael Shelden nun als geheimen Code entschlüsselt: Greene war ein begeisterter Amateurspion.

          Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg hielt der angehende Schriftsteller in Oxford Verbindung zu deutschen Agenten. Von 1941 bis 1944 arbeitete er offiziell für den britischen SIS. Danach benutzte er den Geheimdienst als Reisebüro, der ihm aufwendige Trips in exotische Weltgegenden finanzierte. Von dort sandte er mal stramm antikommunistische, mal wütend antiamerikanische Reisereportagen nach England - und ganz nebenbei immer auch Berichte an seine Arbeitgeber in London.

          Greens unmittelbarer Vorgesetzter zwischen 1941 und 1944 war Kim Philby, der berühmteste jener Doppelagenten aus gutem Hause, die in den fünfziger Jahren enttarnt wurden und in die Sowjetunion flüchteten. Greene machte nachträglich keinen Hehl daraus, daß er Philby über die Maßen bewunderte. Er fand freundliche Worte für seinen Verrat und hatte für die Unglücksmenschen, die ihm ins Tellereisen gingen, nur Verachtung übrig. Michael Shelden legt überzeugend dar, daß Greene diese zynische Posse vor einem ernsten Hintergrund spielte - der Schriftsteller hatte frühzeitig um Philbys doppeltes Spiel gewußt und seinen Verdacht für sich behalten.

          Es wäre indessen ein Fehler, daraus auf eine grundsätzliche prosowjetische Haltung Greenes zu schließen. Grundsätzlich war an Graham Greene nur eines. Er verehrte den Verrat, und er verehrte starke Männer. Die zweite Leidenschaft bescherte uns eines der peinlichsten Bücher, die Greene hinterlassen hat. In "Mein Freund, der General" schildert er, wie er mit Gefolgsleuten des Putschisten Torijos in Panama herumzieht, sich mit ihnen betrinkt und über Politik diskutiert. Unter diesen Gefolgsleuten befand sich auch ein Drogengroßhändler namens Manuel Noriega, von Torijos zärtlich mi gangster genannt. Später entdeckte Graham Greene seine Sympathie für Tomas Borge, den Stasi-Chef der Sandinisten in Nicaragua. Nicht das verlogene Morgenrot des Marxismus-Leninismus war es, was den Schriftsteller faszinierte, sondern der ehrliche Blutdunst der Macht.

          Michael Sheldens Biographie stellt jenseits aller Zweifel klar: Diesem Autor war nichts Unmenschliches fremd. Dennoch - oder gerade deshalb - hat er neben vielen mittelmäßigen auch eine Handvoll hervorragender Bücher geschrieben. "Am Abgrund des Lebens", "Die Kraft und die Herrlichkeit", "Das Herz aller Dinge" und "Der menschliche Faktor" - das sind vier harte Nüsse, denen der Zahn der Zeit wohl nichts anhaben wird.

          "Unter den großen unzuverlässigen Erzählungen", sagt Shelden, "muß den seinen ein hoher Rang zugewiesen werden." Dieser hohe Rang gebührt Greene auch deswegen, weil er ein verkappter Lyriker war. Wie Shelden beobachtet, hat er die Gedichte von Ezra Pound und T. S. Eliot in glanzvolle Prosa transponiert und so einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Dabei verwirklichte Graham Greene zugleich einen Wunschtraum seines Lieblingsdichters. Er trug die leiche Muse des Abenteuer- und Kriminalromans aus dem Tal der Mißachtung empor auf den Parnaß der Literatur. Das ist keine geringe Leistung.

          Was aber leistet Michael Sheldens Biographie? Sie ist einigermaßen umfassend. Sie ist - wie man das bei einem Buch von gut fünfhundert Seiten wohl auch erwarten darf - stellenweise geschwätzig. Manchmal galoppiert Shelden hoch zu Roß in die weite Prärie der Spekulationen. Dabei kann ihm der Leser, der ja nur zwei Beine hat, nicht folgen. Gelegentlich sehen wir Shelden an Greenes Bettwäsche schnüffeln, das ist ein unerfreulicher Anblick. Eine Biographie zu verfassen, meint Michael Shelden, sei "eine Kunst, die schamlosen hingebungsvollen Voyeurismus erfordert". Wohl wahr, aber um eine Biographie mit Genuß zu lesen, sollte diese Untugend nicht erforderlich sein.

          Sympathisch berührt indessen, daß der Biograph dem großen Hasser Greene seine Bewunderung dann doch nicht verwehrt. Dieser Schriftsteller, schreibt er, war "so genial, seinen Haß in Romane einzuarbeiten, die immer wieder gelesen werden wollen", letzten Endes sei also gleichgültig, was eine Lebensbeschreibung an Schmutz zutage fördert. Übrigens war Greene klug genug, sich nicht für eine moralische Instanz zu halten. "Alles, was irgendwie gut in mir ist, alles, was sich an mir lohnt, steckt in den Büchern", sagte er in einem lichten Moment der Selbsterkenntnis. "Mein Leben ist einfach das, was übrigbleibt." HANNES STEIN

          Michael Shelden: "Graham Greene". Eine Biographie. Aus dem Englischen übersetzt von Joachim Kalka. Steidl Verlag, Göttingen 1995. 536 S., geb., 68,- DM.

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