http://www.faz.net/-gqz-6qe2t

Rezension: Sachbuch : Siegel der Verstiegenheit

  • Aktualisiert am

Artur Boelderl versteht sich auf das Unverständliche

          "Hermetisch verschlossen" nennt man Einmachgläser, aber auch Texte nach dem sagenhaften ägyptischen Weisen Hermes Trismegistos, der die Kunst erfunden haben soll, eine Glasröhre mit einem geheimnisvollen Siegel luftdicht zu verschließen. Er soll Sekretär des Sonnengottes Re und Erfinder der Hieroglyphen gewesen sein. Ihm und seinem Kreis, zu dem auch Asklepius gehörte, wurde das sogenannte "Corpus Hermeticum" zugeschrieben, eine Reihe von Traktaten, die im römisch beherrschten Teil Ägyptens zusammengestellt wurden und die neben philosophischen Texten auch Arbeiten über Magie, Alchimie, Astrologie und andere "Geheimwissenschaften" umfassen. Die sogenannte literarische Hermetik der Moderne (Mallarmé, Artaud, Trakl, Celan und andere) verdankt dieser Tradition das Etikett des Esoterischen.

          Paradoxerweise teilt Hermes Trismegistos seinen Vornamen mit dem griechischen Hermes, Sohn des Zeus und der Nymphe Maia, meist nur als "Götterbote" bekannt und seinerseits Namensgeber der Hermeneutik, der Kunst des Verstehens also, die eine prinzipielle Unzugänglichkeit und "Verschlossenheit" von Texten nicht oder allenfalls als Noch-nicht-Offenheit konzediert. Aus dieser doppelten Namensvergabe schlägt Artur Boelderl in seiner Abhandlung über "Literarische Hermetik" Kapital.

          Er sucht nachzuweisen, daß die allesverstehende Hermeneutik, indem sie sich auf Hermes beruft, sozusagen ohne ihr Wissen "ägyptisch kontaminiert" sei. Auch der griechische Hermes, so wird im ersten Teil des Buches in Anlehnung an Karl Kerényi gezeigt, ist nämlich als Träger des hermeneutischen Zirkels und Vermittler der Kommunikation zwischen Göttern nur höchst unzureichend begriffen. Wie sein ägyptischer Namensvetter Gott der Schrift, ist er zugleich auch der Gott der Diebe und Betrüger, ein Trickster von Kindesbeinen an, ebenjener "Gott der Frechheit", als welchen Sten Nadolny in seinem gleichnamigen Roman ihn schilderte.

          Nicht nur, daß er bereits kurz nach der Geburt seiner Mutter davonläuft, um seinen Halbbruder Apollon um fünfzig Rinder zu erleichtern, er bringt es dann auch noch fertig, die Tiere rückwärts über den sandigen Boden zu treiben und so den (Verbrechens-)Aufklärer Apollon in die Irre zu führen. Als Apollon doch endlich den Weg in die Kinderstube findet, liegt Hermes längst wieder unschuldig lächelnd in seinem Körbchen: "hermetisch offen", könnte man sagen, als könne er kein Wässerchen trüben.

          Anhand dieser und anderer Episoden aus der Vita des listigen Halbgotts, der sich später selber in den Rang eines Olympiers erhebt, indem er sich selbst ein Opfer darbringt, zeigt Artur Boelderl ihn als geborenen Aporetiker: Apollinische Unterscheidungskunst unterlaufend, "entzieht (er) sich jeglicher Festschreibung in Oppositionen, bleibt im Bereich des Unentscheidbaren", der "Ununterscheidbarkeit" von Grund und Folge, Sinn und Unsinn, Licht und Dunkel. Als Gott der Dämmerung steht er ein für ein "primordiales, traumatisches Nicht-Verstehen, das sich aber der Einteilung in Kategorien des Verstehens eigentlich entzieht beziehungsweise einer solchen irreduzibel vorausliegt".

          Boelderl bemüht die griechische und ägyptische Legendenbildung zur Einführung seiner These, daß letztlich jeder Text in seinem Kern hermetisch sei. "Hermetisches" meint dabei jedoch kein Negatives mehr, das "den reibungslosen Verlauf des hermeneutischen Verstehens bedroht", es meint vielmehr eine allgemeine "Eigenschaft der Schrift, vielleicht auch ihr "Hieroglyphisches": den unabdingbaren Aufschub des Sinns. Das Hermetische als das Unverstandene an einem Text, so Boelderl, mache dessen Textcharakter erst aus: Es sei das Enigmatische, "auf dem das, was verstanden werden kann, allererst ,aufruht'", der Nicht-Sinn im Innern des Sinns, der dem späten Adorno zufolge in seiner radikalen Heterogenität so etwas wie Kunst erst gewährleistet.

          Freilich sei dieses Hermetische, das mit den Texten auch Subjekt und Sprache konstituiere, durch die hermeneutische Tradition verdrängt worden. Der "Metaphysik der Präsenz" verpflichtet, erschöpfe Hermeneutik sich nämlich in dem ebenso aussichtslosen wie hartnäckig festgehaltenen Bestreben, "ohne Rest" das Andere aufs Selbe, den Nicht-Sinn auf Sinn, das Abwesende aufs Anwesende zu reduzieren. Erst Derrida, Lacan und Lévinas hätten das Hermetische als ein Positivum wiederentdeckt; Artur Boelderl faßt ihre Theorien daher unter der Bezeichnung "HermEthik" (literarische Hermetik als "postmoderne" Ethik) zusammen.

          Die acht Kapitel des Buchs variieren die Grundthese in verschiedenen Lektüren. Nadolnys Roman steht ebenso zur Diskussion wie Heinrich Rombachs philosophische Hermetik und die Frage, "warum Jacques Derrida Hermes Trismegistos sei". Das letzte Kapitel versucht den Nachweis, daß die von Lévinas in den Mittelpunkt der Ethik gerückte Relation zum Anderen, insofern sie dem hermeneutischen Verstehen vorausliegt, als eine Beziehung der Schrift im "hermetischen" Sinn gedacht werden muß: "Der Text ist der Andere und bleibt es, wie der Andere Text ist und bleibt."

          Der höchst verschachtelte Satzbau des Autors erschwert die Lektüre ebenso wie die nicht weniger verschachtelte Wiedergabe des interpretierten Materials zum Beispiel in den Hermes-Kapiteln. Erscheint die Zusammenschau der genannten Theorien im großen und ganzen plausibel, so leiden Boelderls Argumentationsketten doch unter zahlreichen Umwegigkeiten. Schlicht manieriert wollen der geneigten Leserin, die Boelderl im Vorwort anspricht, Formeln wie die von der "nezessären Anderheit" der Literatur vorkommen, und auch mit Neologismen wie "HermEthik" ist sie nicht gerade glücklich. So einleuchtend ihr die These vom hermetischen Kern eines jeden Textes ist, so wenig vermag sie darum jedes Bemühen um Lesbarkeit, will sagen: Verständlichkeit, zumal wissenschaftlicher Texte, gleich für eine Todsünde zu halten. Boelderls Buch kommt weniger "hermetisch" als vielmehr "esoterisch" daher: adressiert an die Eingeweihten gewisser theoretischer Zirkel, die soviel Belehrung über das "Anti-Hermeneutische" ihres Tuns eigentlich nicht nötig haben. SUSANNE LÜDEMANN

          Artur R. Boelderl: "Literarische Hermetik". Die Ethik zwischen Hermeneutik, Psychoanalyse und Dekonstruktion. Parerga Verlag, Düsseldorf 1997. 248 S., br., 48,- DM.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Friedrich Merz bei der CDU-Regionalkonferenz in Lübeck vergangenen Donnerstag.

          Friedrich Merz : „Ich verdiene eine Million Euro“

          Was kaum jemand anzweifelte, bestätigt der Blackrock-Deutschland-Aufsichtsratschef und Kandidat um den CDU-Vorsitz nun selbst: Friedrich Merz gehört zu den Großverdienern im Land. Zur Oberschicht will er sich allerdings nicht zählen lassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.