Home
http://www.faz.net/-gr0-6q0oz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rezension: Sachbuch Sie waren aus anderem Holz geschnitzt

 ·  Wenn es irgendwo doch einen deutschen Sonderweg gegeben hat, dann bestand dieser in der Herausbildung weltlicher Fürstentümer durch die Bischöfe des römisch-deutschen Reiches und in deren Konservierung bis zur Französischen Revolution. Zu dieser Sonderform von Staatsbildung gibt es - vom Kirchenstaat des ...

Artikel Lesermeinungen (0)

Wenn es irgendwo doch einen deutschen Sonderweg gegeben hat, dann bestand dieser in der Herausbildung weltlicher Fürstentümer durch die Bischöfe des römisch-deutschen Reiches und in deren Konservierung bis zur Französischen Revolution. Zu dieser Sonderform von Staatsbildung gibt es - vom Kirchenstaat des Papstes abgesehen - nur schwache Parallelen in anderen europäischen Regionen, gelegentlich einen Herzogs- oder Grafentitel, öfters die festen Vertretungen in den obersten Ratskammern der alten Monarchien, etwa in England, Polen, Ungarn. Den Titel "Fürstbischof" finden wir bis nach dem Zweiten Weltkrieg im Bereich der Habsburger-Monarchie. Als der letzte Fürstbischof von Trient, der korpulente und beliebte Monsignore Enrici, von Pius XI. dieses Titels entkleidet wurde, sagte der lachend: "Non sono più altezza, sono soltanto larghezza" - "Jetzt bin ich keine Hoheit mehr, sondern nur noch Breite."

Wenn wir heute an der Spitze einen Bundeskanzler haben und keinen Ministerpräsidenten, so ist das eine Folge der Ehrfurcht vor der tausendjährigen Tradition, daß dieses Reich, wie sich der letzte geistliche Kurfürst von Mainz, Dalberg, einmal ausdrückte, "doch nicht ohne einen Erzkanzler leben könne", denn zu der Funktion des Landesherrn waren den geistlichen Fürsten nicht nur eine zahlreiche Vertretung am Reichstag, das letzte Wort bei der Königswahl, sondern eben auch das Kanzleramt zugewachsen, welches das eigentliche Verbindungsstück zwischen den einzelnen Gliedern des Reiches bildete.

In diese Welt geistlicher Fürsten führt uns der jüngste Band des inzwischen wohlbekannten Gatzschen Bischofslexikons, der die Zeit vom dreizehnten bis fünfzehnten Jahrhundert abdeckt. Er enthält Lebensläufe aller Bischöfe des Reiches. So wie das Entstehen der deutschen Nation nach dem Ende der Karolinger nicht vorstellbar ist ohne die Existenz des Episkopats - was wäre wohl aus den Stämmen östlich des Rheins geworden, wenn sie um 900 noch nicht christianisiert gewesen wären? -, so spiegelt dieses Lexikon einen zentralen Aspekt der deutschen Geschichte vom Blickwinkel der zivilisatorischen Macht aus, die von Bistumsgründungen ausgeht. Daher läßt sich dieser voluminöse Band gewissermaßen auch als Handbuch der Reichsgeschichte lesen, besonders wenn man sich bei der Lektüre zuerst den rheinischen Erzbistümern zuwendet und dann nach Osten wandert, zu den großen ost- und südostdeutschen Sitzen, schließlich weiter nach Böhmen und Polen. Es ist beachtlich, daß die Einträge der jetzt zu Polen, Tschechien und den baltischen Staaten gehörenden Sitze von renommierten Historikern dieser Länder verfaßt wurden, in denen die "Genealogie" der Bistumsgründungen als Teil der Nationalgeschichte nicht vergessen werden konnte. Vielleicht war diese Kooperation auch eine Frucht des Ausgangspunktes dieses Werkes, des Collegiums vom Campo Santo in Rom, von wo aus betrachtet jüngere nationale Gegensätze leicht überwunden werden können.

Was nun den Inhalt der Lebensläufe angeht, so sucht man vergeblich nach überragenden Heiligen und findet auch nur selten bedeutende Gelehrte. Solche Personen waren in der deutschen Adelskirche unterrepräsentiert. Wohl aber stößt man oft auf kraftvolle Politiker, Organisatoren, Kriegsherren, Finanzgenies, gelegentlich auch auf Stifter und Reformer. Ganz im Vordergrund steht der "Ausbau der Landesherrschaft", in fast ermüdender Monotonie, und das hieß: Burgenbau, Zölle und Steuern, Adelsfehden, Bürgeraufstände, Kriege mit konkurrierenden Mächten. Der große Metropolit träumte von der totalen Legatenvollmacht, der kleine Bischof im Osten davon, ein paar Äcker mehr zu erwerben.

Zahlreiche Bischöfe werden in militärischer Rüstung angetroffen und auch gefangengenommen; besonders der Bischof von Paderborn scheint öfters den Waffenrock dem Priesterkleid vorgezogen zu haben. Ganz widrig waren die Verhältnisse bei den Bischofswahlen, bei denen es dauernd zu Schismen kam und anschließenden "Stiftsfehden". Gelegentlich wurde das Domkapitel von den aufgebrachten Bürgern im Dom belagert. Es tut wohl, daß hier nicht mehr irgendeine Beschönigung versucht wird. Die "Verweltlichung" war radikal und ausweglos. Wilhelm Janssen, der die Kölner Oberhirten behandelt und dem dabei die anschaulichsten Porträtmedaillons gelingen, hat errechnet, daß Erzbischof Friedrich von Saarwerden (1370 bis 1414) nur noch fünfzehn Prozent seiner Dokumente geistlichen Angelegenheiten widmete, der Rest galt der Verwaltung des Kurfürstentums.

Problematisch blieb das Verhältnis zum Papsttum. Bischof Nikolaus von Regensburg (1314 bis 1340) weigerte sich, die Bannbulle gegen König Ludwig den Bayern anzunehmen, kerkerte die Boten, die mit diesem Dokument sein Bistum bereisten, in Donaustauf ein und ließ sie erst wieder frei, als sie bereit waren, die entsprechenden Kopien eigenhändig in die Donau zu werfen.

Man muß daher genauer hinsehen, um die von dem Kampfgetöse und Prozeßlärm übertönten zivilisatorischen Leistungen der Bischöfe noch wahrnehmen zu können. Bischof Ulrich Putsch von Brixen, eines der bürgerlichen Mitglieder des Episkopates, wurde 1419 vom Grafen von Tirol zum Aufseher über alle Tiroler Berkwerke ernannt. 1429 setzte ihn das Domkapitel für dreizehn Monate gefangen. Dabei wurde er auch von dem Ritter Oswald von Wolkenstein "durch Ohrfeigen und Spottverse gedemütigt". Nach seiner Befreiung verzieh der dem letzten Minnesänger und ernannte ihn zu seinem Rat. Als Autor zahlreicher Schriften, Sammler illuminierter Manuskripte und Stifter architektonischer Denkmäler konnte der Bischof seine guten Talente betätigen.

Im ganzen wird daher klar, daß diese Reichskirche einer Krise zustrebte, die unabwendbar war. Zu viele Kräfte und Energien wurden von der "Landesherrschaft" absorbiert, um noch eine positive kirchliche Gesamtbilanz zu ermöglichen. Man legt den Band überaus reich belehrt aus der Hand und hat nur einen Wunsch an den Herausgeber, nämlich daß dieses Werk bis zu den Anfängen der deutschen Bistümer zurückverfolgt werde. Dann nämlich erst kämen die Strukturen voll ins Bild, die wir in der hier behandelten Epoche bereits in einem Verfallsstadium erblicken.

CHRISTOPH WEBER.

Erwin Gatz unter Mitwirkung von Clemens Brodkorb (Hrsg.): "Die Bischöfe des Heiligen Römischen Reiches 1198 bis 1448". Ein biographisches Lexikon. Verlag Duncker & Humblot, Berlin 2001. CXCII, 926 S., 1 farbige Karte auf Aufschlagtafel, geb., 149,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.09.2002, Nr. 227 / Seite 40
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen