Die Konstellation ist reizvoll: Der Franzose Eric Darragon, Professor für Geschichte der modernen Kunst in Paris, sucht den deutschen Maler Georg Baselitz zwischen 1993 und 1998 regelmäßig in seinem Atelier auf, um mit ihm Gespräche zu führen. Der deutsch-französische Kulturaustausch hat bekanntlich Tücken. Wenn französischer Kulturstolz sich also um einen deutschen Großkünstler bemüht, darf man gespannt sein. Gelungene Gesprächsprotokolle - man denke an Brassaïs großartige Gespräche mit Picasso - sind ohnehin eine faszinierende Lektüre, lassen sie doch oft Temperament und Denkweise des Befragten besonders klar hervortreten. Allerdings bedient das zum Zweck der Veröffentlichung geführte Gespräch häufig einen gewissen Voyeurismus. Sollen Elemente für eine Interpretation des Werkes herauspräpariert werden, die durch das Künstlerwort beglaubigt und dadurch vermeintlich besonders legitim sind? Das anzunehmen ist so verführerisch wie problematisch, da es meist den Blick vom Werk auf verbal formulierte Haltungen und Intentionen hinlenkt, deren Wert begrenzt ist. Cézanne etwa hat seine vielen Gesprächspartner mit ganz unterschiedlichen Äußerungen bedient. Außerdem erscheint die Vorstellung, die Meinungen, Vorlieben und Abneigungen des Künstlers als herausragendem Individuum seien besonders belangvoll, als eine der letzten Bastionen des Geniekults.
Welchem Zweck sie dienen, fragt man sich auch bei der Lektüre der Gespräche zwischen Darragon und Baselitz des öfteren. Der Kunstprofessor führt eine ganze Menge fixer Ideen mit sich, wie Kunst und Kultur generell und Baselitz' Werk im besonderen funktioniert. Nun will er sie am lebenden Subjekt überprüfen: "Wenn ich mich richtig erinnere, haben Sie für die ,Orangenesser' an die Orangen von Hans von Marées gedacht?" Baselitz ist geduldig: "Nein. Ich habe bei meinen Bildern nie an Hans von Marées gedacht. Ich bewundere ihn nur als großen Maler." Solche Fragen sind zwar gut gemeint, aber in ihrer oft schulmeisterlichen Beflissenheit komisch hilflos. Wären sie doch wenigstens richtig naiv! Aber Darragon hat zu allem und jedem schon seine eigene Theorie. Besonders enervierend ist sein Lieblingsthema, die angewandte Nationalästhetik. Zur Erleichterung des Lesers nimmt Baselitz manchmal, leider nicht immer, sein Gegenüber spöttisch hoch. Auf die bizarre Frage: "Aber haben die Deutschen nicht diese Fähigkeit, die die Franzosen nicht in derselben Form haben, von der Fiktion zur Wirklichkeit, von der Ebene der Darstellung zur realen Tatsache überzugehen?", antwortet er: "Man sagt es den Russen immer nach, daß sie so seien. Wir sagen, die Russen seien so, und Sie sagen, die Deutschen seien so. Es muß ein Problem des Ostens sein."
Sofern es einem gelingt, sich an Darragons mäandernde, halb devote, halb eitle, eigentümlich verbohrte Befragungstechnik zu gewöhnen oder lässig darüber hinwegzulesen, lohnt sich die Lektüre der Gespräche dennoch. Auf der Beziehungsebene bekommt man immerhin einen psychologisch interessanten Zweikampf mit Unterhaltungswert vorgeführt. Auf die peinliche Frage: "Wollen Sie noch etwas träumen? Oder haben Sie genug gesagt?", etwa antwortet Baselitz: "Sind Sie fertig? Wollen Sie sagen, daß Sie fertig sind? Also fertig."
Ergiebig sind Baselitz' differenzierte Bemerkungen zu Malerei und Literatur, die den passionierten Kenner verraten. Ebenso wie seine Überlegungen zu einem weiteren Hauptthema der Gespräche, dem Verhältnis von Kunst und Gesellschaft, zeugen sie von einem unabhängigen, prägnanten Urteil. Seine pointierten Äußerungen zu anderen Malern - Seitenhiebe auf Zeitgenossen von Richter bis Grützke inklusive - künden von seiner originellen, bisweilen polemischen Auseinandersetzung mit Tradition und Gegenwart. Dabei reizt Baselitz' Kritik an den Impressionisten - "... und überhaupt, wo ist denn das Licht auf diesen Bildern?" - ebenso zur Überprüfung wie die fast obsessiven, auf das eigene Werk verweisenden Aperçus zu den schlecht gemalten Füßen bei Manet oder Matisse. Den idiosynkratischen Beobachter verrät auch die Bemerkung zu Frank Lloyd Wright, den Baselitz als "aggressiven Sektierer" haßt und in dessen Bauwerken ihm die niedrigen Geländer aufgefallen sind: "Er wartet auf Selbstmörder oder auf Leute, die zufällig runterfallen."
Aus solchen Partikeln entsteht auf Umwegen ein durchaus fesselndes Selbstporträt des Künstlers. Allerdings eines, das genauso verhackstückt wirkt wie die Köpfe in Baselitz' Zyklus "45". Und sozusagen kopfunter hängt.
BARBARA BASTING
Georg Baselitz/Eric Darragon: "Darstellen, was ich selber bin". Georg Baselitz im Gespräch mit Eric Darragon. Nachwort von Eric Darragon. Aus dem Französischen von Andreas Ginhold. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2001. 196 S., Abb., geb., 36,- DM.