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Rezension: Sachbuch : Seestern, ich dich grüße

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Manfred Sommer singt dem Sammeln ein erlesenes Loblied / Von Burkhard Spinnen

          Das Staunen, so heißt es, ist der Anfang aller Philosophie. Und ich staune nicht schlecht. Denn Manfred Sommer, ordentlicher Professor für Philosophie in Kiel, Schüler von Hans Blumenberg, hat ein philosophisches Buch über das Sammeln geschrieben. Schon das ist erstaunlich. Doch viel erstaunlicher noch: Er hat es für mich geschrieben.

          Was soll das heißen: für mich? Wir kennen einander nicht einmal. Das soll heißen, dass dieses wahrlich dicke, 453 Seiten starke und bisweilen auch durchaus wälzerartige Buch eine Philosophie vorführt und betreibt, die sich auf eine listig-vertrackte Weise als weitgehend voraussetzungslos gibt. 453 Seiten ohne eine einzige Fußnote, ohne eine Literaturangabe; und wenn im Text die Namen von Philosophen fallen, so scheinen damit weniger die Gewährsmänner oder Kontrahenten aufgerufen als vielmehr versteckte Widmungsadressen platziert zu sein. Kurz, man (also zum Beispiel ich) braucht, um dieses Buch nicht nur lesen, sondern auch verstehen zu können, beinahe keine Kenntnisse von der Geschichte der Philosophie und ihrer konkurrierenden Systeme. Es reichen: interesselose Neugier, eine gewisse Hochschätzung alltäglicher, ja humiler Phänomene, eine stille Lust an der Exaktheit der Reflexion und ein wenig Langmut. (Freilich auch dies keine Eigenschaften, die einem jeden schon in die Wiege gelegt sind.)

          Und das Thema des Buches! Warum ein solcher philosophischer Versuch ausgerechnet über das Sammeln? Ich versuche eine dramatisch knappe und womöglich blauäugige Antwort: Weil der Philosoph Manfred Sommer offenbar an die Möglichkeit glaubt, man könne auch nach acht bis zehn Jahrtausenden menschlicher Hochkultur und über alle ihre Denkgebäude beziehungsweise über deren Ruinen hinweg noch im Handstreich zurückphilosophieren in die paläolithische Zeit. In jene zwei bis drei Millionen Jahre also, aus der wir keine Zeugnisse über eine eventuelle Selbstreflexion des Menschen besitzen.

          Und präziser noch: Dieser philosophische Handstreich zielt auf die Hand, die einstreicht. Der Mensch im Paläolithikum ist, daran zweifelt ja keine Fakultät, ganz wesentlich Sammler und Jäger. Dann geschieht die neolithische Revolution, die Metamorphose des nomadischen Sammlers zum sesshaften Bauern. Nach Maßgabe unseres Kurzzeitgedächtnisses ist auch das schon lange her, doch unter menschheitsgeschichtlichem Aspekt ist es vorgestern geschehen - und weiterhin wird allenthalben dies und das gesammelt: Bierdeckel und Gemälde, Dokumente und Streichholzschachteln, Fingerhüte und Datensätze.

          Aus diesem vorderhand betörend schlichten Umstand nun zieht Sommer den Impetus und die Legitimation, ein anthropologisches Standard- und Alltagsphänomen zum Vehikel eines philosophischen Versuchs über den Menschen schlechthin zu machen. Der Mensch, so die Grundthese, ist immer noch, und immer noch wesentlich, Sammler. Das Ausgehen und Herholen ist immer noch sein Lebensmuster: und wenn er heute hauptsächlich Wissen beziehungsweise dessen Verschriftlichung sammelt, so ist das nur eine Weiterentwicklung, kein Bruch mit seiner Herkunft. Woraus folgert, dass eine Theorie des Sammelns nach wie vor die Strukturen seiner Grundverfassung offen legen kann.

          Das alles hat mich, ich sage es offen, begeistert. Dabei ist dieses Buch keineswegs eine entspannende Lektüre für heitere Sommerabende. Seine Argumentation ist kleinschrittig, bisweilen bürokratisch und überexakt, ja schulmeisterlich scholastisch, und gelegentlich gibt es sich sogar ein wenig verliebt in die Windungen seiner Gedankengänge. Was Sammeln heißt beziehungsweise wie eine Theorie des Sammelns auszusehen hätte, das wird hier weniger anhand skurriler Beispiele aus der Kulturgeschichte oder qua Psychologie entwickelt, vielmehr listet Sommer unter weitgehender Vermeidung des Anekdotischen und mit strukturbewusster Herzenskälte jede der dem Sammeln zugehörigen Bewegungen auf, beschreibt er ihre Varianten und analysiert er ihre Bezüge, um sie schließlich der Gesamttheorie zu integrieren. "Von dieser Art der Beschreibung sagten, wenn ich mich recht entsinne, die Fachleute früher, sie sei phänomenologisch."

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