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Rezension: Sachbuch : Ratschläge für Hitler

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Hören Sie sich meine Operette doch erst einmal an: Franz Lehárs erstaunliche Karriere führte den Komponisten vor die Türen der Macht

          Zwischen Wilhelm Furtwängler und Franz Lehár gibt es eine Gemeinsamkeit, die auf den ersten Blick erstaunlich, auf den zweiten jedoch symptomatisch ist: Der "Heros" unter den deutschen Dirigenten, markanter Beethoven-, Bruckner- und Wagner-Interpret, schenkte Adolf Hitler zum Geburtstag 1942 ein Magnetofon, mit dessen Hilfe der Führer sich des Abends im Hauptquartier Musik anhören konnte. Und der weltweit berühmte Operettenkomponist hatte es sich zu eigen gemacht, neben Hitler auch Goebbels, Göring und Kulturstaatskommissar Hinkel "alle Jahre wieder schriftlich zu ihrem Geburtstag zu gratulieren". Dies hat Stefan Frey als eines von vielen Details für sein Buch "Franz Lehár und die Unterhaltungsmusik im zwanzigsten Jahrhundert" recherchiert und weist damit direkt auf einen wunden Punkt deutscher Kulturgeschichte hin.

          So bekannt das verstörende Phänomen der Nähe zwischen Kunst und "Drittem Reich" durch Fälle wie Furtwängler, Richard Strauss, Karl Böhm, schließlich Bayreuth auch sein mag, im konkreten Ereignis ist es doch immer wieder frappierend. Bei Lehár fällt in diesem Zusammenhang dessen liebenswürdig-naive Persönlichkeit auf, die ihn vielleicht gerade anfällig für das Pathos von Hitlers Gunst machte. Zwei weitere solcher Einzelereignisse: Vor der Uraufführung seiner Operette "Giuditta" 1934 an der Wiener Staatsoper schickte Lehár Libretto und Klavierauszug nach Rom, um sie Mussolini zu widmen, den er 1924 kennengelernt hatte. Der Duce jedoch lehnte ab, wohl wegen des Stoffes, bei dem ein fahnenflüchtiger Offizier die Hauptrolle spielt. Frey zitiert aus der damals gleichgeschalteten, ursprünglich von Robert Schumann gegründeten "Zeitschrift für Musik", die neue Operette sei "textlich darauf aus, Führerprinzip und Autorität in jeder nur denkbaren Form lächerlich zu machen". Doch noch acht Jahre später buhlt Lehár um die Gunst der Nazis und versendet Telegramme an die Größen des "Dritten Reichs" mit der Aufforderung, sie möchten doch die Rundfunkübertragung seiner Operette "Paganini" am 4. Juli 1942 anhören.

          Die beiden Schlußkapitel in Freys Buch, die von "Lehárs Doppelexistenz 1933-1938" und von "Lehár unterm Hakenkreuz" handeln, umfassen nur rund fünfzig der insgesamt dreihundertfünfzig Seiten. Doch zeigen sie auf beeindruckende Weise das Spektrum von Kultur- und Vernichtungspolitik auf, nicht zuletzt auch deshalb, weil der Autor wertvolle Daten für seine Darstellung aus dem Berlin Document Center heranziehen kann. Frey hat jedoch alles andere im Sinn, als seine Hauptfigur menschlich zu desavouieren. Er verbirgt seine Sympathie für den liebenswürdigen "ungarischen Staatsbürger deutscher Abstammung" nicht und versucht gerade deshalb alles aufzudecken, was Lehár selbst in seinen am Sterbebett diktierten Memoiren zu verdecken trachtete. Abschließend zitiert Frey aus einem Interview, das Lehár 1945, unmittelbar nach Kriegsende, dem Salzburger Rundfunksender gab. Der Komponist wird von der Vergangenheit eingeholt und verliert stockend und schluchzend die Fassung, als er von seinen zahlreichen jüdischen Kollegen - hauptsächlich Librettisten und Sängern - sprechen will. Doch sowohl vorher als auch danach bis zu seinem Tod 1948 hatte Lehár stets das Bedürfnis, sich als unpolitischen Künstler hinzustellen, dem es um nichts als sein Werk zu tun war.

          Lehárs künstlerische und pekuniäre Karriere verlief brillant, geradezu märchenhaft. Da sein Vater als Kapellmeister bei der k.u.k. Armee diente und häufig versetzt wurde, wuchs Franz, geboren 1870, als "Tornisterkind" auf. Als Musikstudent in Prag brach er manchmal vor Hunger und Kälte zusammen und mußte stundenlange Fingerübungen auf der verhaßten Geige machen. Mit zwanzig wurde er Militärkapellmeister und hatte mit seinen Stellen manchmal unverhofftes Glück wie in Istrien, wo er ein mit 103 Mann gut besetztes Sinfonieorchester zur Verfügung hatte und an diesem Klangkörper unschätzbare Lernerfahrungen machen konnte. Mit seinem rebellischen Geist und seiner genießerischen Lebensart brachte er jedoch Eltern und Offiziere in Harnisch und wartete nur auf die Gelegenheit, ins Reich des Theaters, genauer: der Oper zu desertieren.

          Nachdem seine erste Oper "Kukuska" in Leipzig und Budapest erfolgreich angelaufen war, zog Lehár nach Wien, wo er die dortige Hofoper mit seinen Operetten eroberte. Mit der "Lustigen Witwe", die Ende 1905 (im Jahr der "Salome" von Richard Strauss) am Theater an der Wien uraufgeführt wurde, begann Lehárs Weltkarriere. In Wien wurde sie bis 1907 vierhundertdreißigmal en suite gegeben, in London als "The Merry Widow" bis 1909 siebenhundertachtundsiebzigmal. Es folgten New York und Chicago, ein Produzent organisierte eine amerikanische Tournee mit fünftausend Aufführungen, der englische Theatermogul George Edwardes bespielte mit dem Stück die britischen Kolonien. Als "La Viuda alegre" erreichte sie Buenos Aires und Manaus in Amazonien. Paris, die Stadt der Offenbachschen Operettentradition, "fiel als letzte Bastion" und erlag erst 1909 der Verführung der "Veuve joyeuse".

          Die Erklärung für den außerordentlichen internationalen Erfolg sucht Frey in einer veränderten Publikumsstruktur, zu der nicht mehr nur das Großbürgertum gehörte. Die "Lustige Witwe" verband sich zudem bald mit Film, Rundfunk und Grammophon, die sich besonders gern des "Vilja-Lieds" und des Walzers "Lippen schweigen" bedienten. Dieser Walzer wurde geradezu "von der Epoche gemodelt": In der Wiener Premiere gab es noch nicht das gesungene Duett, sondern nur ein Walzerfragment an anderer Stelle. Doch Frey berichtet, daß, "obwohl ohne Worte in einer pantomimischen Nummer versteckt, der Walzer schon bei der Premiere dreimal zur Wiederholung verlangt wurde - vom Publikum zum Schlager erkoren". Das Stück hält aber auch Einzug in die literarischen Kreise Hofmannsthals und Schnitzlers und findet ironischen Niederschlag in Thomas Manns "Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull": Der Attaché und Schürzenjäger Danilo diente als Vorbild.

          Es gehört zu den Vorzügen des Buchs, daß der Autor sein Thema so tief durchdrungen hat, daß er souverän mit solchen Querverweisen operiert und sich zugleich die zur guten Darstellung notwendige Distanz erarbeitet hat. Sehr informativ sind Freys Kapitel über weniger bekannte Werke Lehárs, die er musikalisch und dramaturgisch ausleuchtet, oder über die Werkstatt der Operettenlibrettisten, die stets als Duo auftreten: Einer gestaltet den Plot, der andere die Operettenlyrik. Die Biographie kommt nicht wissenschaftlich daher und verfügt doch über ein Werkverzeichnis mit genauen Aufführungsdaten sowie einen großen Anmerkungsapparat. Daraus noch eine Verbindung zwischen Lehár und Furtwängler: Der Dirigent debütierte 1907 in Zürich mit einer Aufführung der "Lustigen Witwe".

          ANJA-ROSA THÖMING

          Stefan Frey: "Franz Lehár und die Unterhaltungsmusik im zwanzigsten Jahrhundert". Insel Verlag, Frankfurt am Main 1999. 459 S., Abb., geb., 48,- DM.

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