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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rezension: Sachbuch Oi Bilettle, send so gut!

 ·  Als Froben Ferdinand Fürst von Fürstenberg 1725 von Kaiser Karl VI. das Amt des Prinzipalkommissars beim Reichstag in Regensburg angetragen bekam - also die überaus ehrenvolle Aufgabe, die kaiserliche Majestät auf dem bedeutendsten Forum des Heiligen römisch-deutschen Reiches zu repräsentieren -, da ...

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Als Froben Ferdinand Fürst von Fürstenberg 1725 von Kaiser Karl VI. das Amt des Prinzipalkommissars beim Reichstag in Regensburg angetragen bekam - also die überaus ehrenvolle Aufgabe, die kaiserliche Majestät auf dem bedeutendsten Forum des Heiligen römisch-deutschen Reiches zu repräsentieren -, da drohte die Übernahme dieses Amtes an dem Umstand zu scheitern, daß der Fürst nicht über das erforderliche "ansehnliche Silbergeschirr" verfügte. Schon die regelmäßigen Repräsentationskosten von 75000 Gulden im Jahr, so rechneten ihm seine Räte vor, würden die zu erwartende Besoldung um ein Vielfaches übersteigen, so daß der Ruin seiner schwäbischen Herrschaften die notwendige Folge sei.

Trotzdem sah sich Froben Ferdinand genötigt, das Amt zu übernehmen, obwohl der Kaiser weder bereit war, seine gesteigerten Besoldungswünsche zu erfüllen, noch ihn mit nutzbaren Privilegien oder Lehen zu entschädigen; ja selbst mit dem regulären Amtsgehalt war nicht sicher zu rechnen. Warum tat er es dann? Rang, Ruhm, Reputation, "splendor" für das ganze Haus Fürstenberg waren es, die Froben Ferdinand im Dienst des Kaisers erwarb: persönlichen Zugang zum Wiener Hof, Aufnahme in den Orden vom Goldenen Vlies, Erhebung in den Fürstenstand, Sitz und Stimme auf dem Reichstag. Als Froben Ferdinand auf dem Höhepunkt seiner Karriere in seine Residenz Meßkirch inmitten der hoch überschuldeten Territorien im Schwarzwald zurückkehrte, bereiteten ihm seine Untertanen fürstenmäßige offizielle Empfänge mit Kanonendonner, paradierender Landmiliz, Triumphbögen, Reden, Geschenken und feierlichem Gottesdienst. Aufwendige, gedruckte Fest-Diarien legten davon schriftlich Zeugnis ab und sorgten dafür, daß Rang und Ehre des Hauses reichsweit zur Kenntnis genommen wurden.

Die bürgerlichen Beamten allerdings warnten umgekehrt vor der wachsenden "Disreputation": Schon hätten Gläubiger die fürstenbergischen Amtleute "auf offentlicher gassen" angehalten und beschimpft; der Eingriff einer kaiserlichen Schuldenkommission und die Sequestration der Güter drohe, kurz: es werde "der weeg zum undergang ie länger ie mehr gebahnet" und das ganze Haus "in völligen schimpf und spott gestürzet werden". Wer hatte recht? Auch wenn die Räte unter der Ehre eines adeligen Hauses offenbar etwas anderes verstanden als die Grafen und Fürsten selbst, so konnten sich auch diese der langfristigen Wirkung ökonomischer Zwänge doch kaum entziehen. Oder waren die aristokratischen "Werbungskosten" womöglich doch richtig angelegt?

Von der Konkurrenz zwischen "Geld, Reputation und Karriere" auf der sozialen Prioritätenliste in der Adelswelt des Alten Reiches um 1700 handelt die kluge, sorgfältige und überaus materialreiche Studie von Esteban Mauerer. Er untersucht die sozialen Handlungsstrategien des kaisernahen südwestdeutsch-katholischen Reichsadels am Beispiel des Hauses Fürstenberg, genauer: anhand der Generation der um 1660 geborenen Männer aus allen drei Linien. Dazu bedient er sich vor allem des dichten Quellenmaterials aus dem Fürstenbergischen Hausarchiv. Zahlreiche Gutachten, Korrespondenzen und Tagebücher erlauben eine erstaunlich genaue Rekonstruktion der durchaus unterschiedlichen Karrierestrategien dieser Generation. Eines zeigt sich dabei überdeutlich: Ob man nun mehr Wert auf "pietas, mores und litterae" oder auf höfische Exerzitien im Tanzen, Reiten und Fechten legte, ob man eine Kumulation kirchlicher Pfründen anstrebte oder es im Kriegsdienst für Kaiser und Reich zu etwas bringen wollte, immer stellte sich das gleiche Dilemma zwischen hausväterlicher Sparsamkeit und standesgemäßem Aufwand.

Die verschiedenen Amtskarrieren in Kirche, Militär und hohen Justiz- und Regierungsämtern, die Mauerer überaus akribisch nachzeichnet, erforderten fast immer mehr Mittel, als sie unmittelbar einbrachten. Da mußten Kavaliersreisen und akademische Graduierungen finanziert, "Handsalben" an Fürsprecher gezahlt, Pensionen für scheidende Amtsvorgänger ausgesetzt, Regimenter ausgestattet und vor allem die standesgemäßen Anforderungen an Gefolge, Pferde, Kutschen, Kleidung, Möbel und Quartier erfüllt werden, mit anderen Worten: Sparsamkeit galt es demonstrativ zu verachten. Wenn diese Zwänge tatsächlich zu (bescheidenen und meist nicht durchgeführten) Plänen führten, die zersplitterten Herrschaften, aus deren chaotischen Finanzen all das zu bestreiten war, verwaltungstechnisch zu zentralisieren und zu rationalisieren, dann gewiß nicht, um moderner Staatlichkeit den Weg zu bereiten, wie die traditionelle Verfassungsgeschichte meinte. Es ging vielmehr darum, sich die nötigen Ressourcen für Karriere und Ansehen in der Adelsgesellschaft des Reiches zu verschaffen.

Mauerers Studie macht überzeugend klar, welch hohen handlungsleitenden Stellenwert die demonstrative Symbolisierung des adeligen Status in der Vormoderne hatte: Ohne Sichtbarkeit existierte er nicht. Allerdings gibt Mauerer keine ausdrückliche Antwort auf die Frage, ob das Kalkül des Fürsten Froben Ferdinand und seiner Vettern auch langfristig tatsächlich aufging. Das tat es durchaus, wie sich bei näherem Hinsehen herausstellt. Geld, Reputation und Karriere waren indes nicht die einzigen relevanten Variablen dieses sozialen Kalküls: hinzu kam ganz wesentlich Verwandtschaft. Mauerer weiß das und erwähnt es immer wieder beiläufig, untersucht es aber nicht systematisch. Erst wenn man indessen die generationenübergreifenden Heiratsstrategien in den Blick nimmt, erschließt sich die volle, letztlich auch ökonomische Vernünftigkeit adligen Handelns.

Das zeigt sich gerade im Falle der Fürstenbergs. Froben Ferdinands Mündel nämlich, sein jüngerer Vetter Joseph Wilhelm Ernst, wurde sein Nachfolger im Amt des kaiserlichen Prinzipalkommissars. Als er dieses Amt antrat, hatte er seinerseits keinerlei Probleme mehr mit ansehnlichem Silbergeschirr, wertvollen Pferden, teuren Mobilien und livrierten Lakaien. Er konnte nicht nur dank vorausschauender fürstenbergischer Erbverträge die zersplitterten Herrschaften wieder in seiner Hand vereinigen, er hatte auch die außergewöhnlich begüterte Erbin des böhmischen Hauses Waldstein geheiratet und war seitdem aller ökonomischen Probleme ledig. Daß er diese Partie machen konnte, wäre indessen kaum möglich gewesen ohne das von den Vorfahren geknüpfte Beziehungsnetz im Umfeld des Kaiserhofs und ohne das unter ökonomischen Opfern angesammelte Prestige.

Den gleichen Zusammenhang illustriert auch der umgekehrte Fall: Als der schon zum päpstlichen Kammerherrn avancierte Fürstenberger Philip Karl die Kirchenkarriere an den Nagel hängen wollte, um seine Konkubine zu heiraten, da drohte eine Katastrophe für die ganze Familie: Nicht nur wären die finanziellen Investitionen verloren gewesen; die Familie hätte auch ihre einwandfreie hochadelige Abstammungsreihe beschädigt, und die Nachkommen hätten den Zugang zu exklusiven Heiratskreisen und Pfründen verloren. Gottlob besann sich Philip Karl eines Besseren und brachte es noch bis zum Bischof von Lavant, wo er wiederum seinen Verwandten nützlich sein konnte.

Mauerers Beschränkung auf eine Generation der Familie erweist sich also - bei aller sonstigen Materialfülle - als problematisch. Es kennzeichnet ja gerade die Rationalität adeligen Handelns (nicht nur) in der frühen Neuzeit, daß man eine die Generationen übergreifende Perspektive einnahm und von den Individuen erwartete, daß sie sich der langfristigen Familienräson unterordneten. Nur dann funktionierte das komplizierte soziale Tauschsystem, und man konnte damit rechnen, daß das symbolische Kapital irgendwann auch ökonomische Zinsen tragen würde.

BARBARA STOLLBERG-RILINGER.

Esteban Mauerer: "Südwestdeutscher Reichsadel im 17. und 18. Jahrhundert". Geld, Reputation, Karriere: Das Haus Fürstenberg. Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 66. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001. 456 S., br., 124,- DM.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.08.2001, Nr. 193 / Seite 48
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