"Die Geschichtsfalle" ist ein ideologiekritisches Buch ohne daß der Rezensent wüßte, ob dieses Urteil bei den wechselnden Konjunkturen der intellektuellen Moden noch eine Warnung oder schon wieder eine Empfehlung darstellt. Der Autor Georg Schmid bedient sich der semiotischen Methode, um unser Unterscheidungsvermögen bei der Geschichtsbetrachtung von Weltbildern zu sensibilisieren. "Weltbilder" weisen in den zeichentheoretisch geschulten Augen von Schmid - der aus achtbarem idiosynkratischen "stolz der persönlichen und argumentierbaren option" gleichzeitig einen gewöhnungsbedürftigen orthographischen Windmühlenkampf gegen das "ß" und die Großschreibung führt - "in richtung (auto-)suggestion, klischee, stereotypisierung von anschauung, erfahrung und wirklichkeit".
Geschichtsbilder verleihen ihren Gegenständen eine blendende Selbstevidenz, die alle Fragen abweist. Diese anschauliche Gewißheit will das ideologiekritische Unternehmen von Schmid durch Historisierung und Kontextualisierung als Schein und Einbildung entlarven: Woher rühren die Bilder, aus denen vermeintlich die Geschichte selbst direkt zu uns spricht? Leisten sie nicht die Übersetzung zwischen einem historischen Argument und einer augenfälligen Anekdote, einem einleuchtenden Ereignis, die stellvertretend für dieses Argument einstehen? Wie gelingt es diesen Bildern, ihre Übersetzungsleistung zu maskieren und als Unvermitteltheit auszugeben? Welchem Zweck hat diese Verkleidung ursprünglich gedient, und welchen Kostümreigen haben unsere Geschichtsbilder seither aufgeführt, um uns in der Illusion historischer Gewißheit zu wiegen?
Die Klugheit von Georg Schmids Buch liegt in den Fragen, die es stellt; der Versuch, sie zu beantworten, erschöpft sich zwar in immer neuen Anläufen aus verschiedenen Richtungen, doch hat dieser Anblick nichts Betrübliches, zeichnet er sich doch durch eine anregende Findigkeit aus. "Die Geschichtsfalle" ist eine überfließende Quelle weltläufiger Problematisierungen, jedoch kein Heimwerkerhandbuch zur Eindämmung von Problemen im akademischen Hausgebrauch.
Diese Weltläufigkeit zeigt sich einmal mehr vor Ort; der Ethnologe muß seinen Blick für das Fremde zu Hause schulen, will er in der Fremde bekannte Muster wahrnehmen. Der Salzburger Historiker konfrontiert in einem "Divertissement", einer beiläufigen Begehung des Stadtbildes in fünfundzwanzig selbst angefertigten Photoporträts, den topischen Gemeinplatz, daß Salzburg "schön" sei, mit der Ernüchterung, die sich einstellt, wenn man die Kamera nur einen Bildausschnitt neben das touristische Objekt der Begierde hält. Diese Entautomatisierung des Blicks fördert komplizierte, durch "unkrautkistln" bedingte Umwege zutage, wo das herkömmliche Wahrnehmungsmuster einen reibungslosen Verkehrsfluß zu sehen wünscht, oder provisorische Zugänge zum zentralen Verkehrsknotenpunkt "Hauptbahnhof", der gar nicht erst in den Blick kommt.
Diese Bilder sind Allegorien der Blickstörung, der Reflexion über den Konstruktionscharakter unserer Geschichtsbilder. Schmid bedient sich der Unterscheidung zwischen Denotation und Konnotation, zwischen einem Zeichensystem vermeintlich direkt vermittelter und einem viel reicheren Zeichensystem unterschwellig mitschwingender Bedeutungen, das dieses ebenso unweigerlich wie unbemerkt begleitet und überwältigt. Diese Differenzierung erlaubt es, die Naturalisierung der Geschichte zu durchschauen, die den Eindruck vermittelt, als sei es immer schon unabänderlich so gewesen. Unter dem Vorzeichen der Unterscheidung zwischen Objekt und Metasprache werden überdies im Redefluß der Geschichte sehr viel mehr Stimmen und Ströme hörbar, als der anherrschende Ton des fatalistischen "Es ist, wie es ist" vermittelt.
Diese Utopie einer kommenden Wissenschaft semiotisch aufgeklärter Geschichtsschreibung nennt Schmid "historiologie". Doch nicht nur historische Wahrnehmungsmuster, auch verfestigte "ess-, trink-, rauchgewohnheiten und -muster" will der Autor in einer "lukullographie" - mit Roland Barthes teilt Schmid auch die Neigung zu Wortneuschöpfungen - einer entautomatisierenden Selbstbefragung aussetzen.
Bei der Empfänglichkeit des Autors für rhetorische Formalisierungen historischer Argumentationsmuster überrascht dabei nur, daß er - neben Nietzsche - Hayden Whites wichtiges Buch "Metahistory", das schon im Untertitel, "Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa" , an sein eigenes Buch anklingt, nicht zur Kenntnis genommen zu haben scheint (F.A.Z. vom 8. Oktober 1991). Darin liegt immerhin die tröstliche Zuversicht, daß die Historie selbst nach ihrer semiotischen Aufklärung ein Stückwerk bleiben wird und sich in der Geschichte aufs immer neue behaupten muß.
MARTIN STINGELIN
Georg Schmid: "Die Geschichtsfalle". Über Bilder, Einbildungen und Geschichtsbilder. Böhlau Verlag, Wien, Köln, Weimar 2000. 438 S., Abb., br., 88,- DM.