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Rezension: Sachbuch Nordweststurm über Berlin

31.05.2001 ·  Wirksam im Einsatz: Alexander Kluge ermittelt

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Robert Musil, "der störrische Mann", ist der Dichter des unvergangenen Jahrhunderts, den Alexander Kluge am meisten bewundert, "für den Grad seiner Beharrlichkeit und auch für seine Trägheit". Das ist eine Spiegelung im Gegensatz, wie sie schon in dem merkwürdigen Wetterbericht am Anfang der "Chronik der Gefühle" erscheint: "Nordweststurm über Berlin. Kurze, schnell dahinfliegende Wolken rhythmisieren die Bewegung des Mondes." Denn Kluge ist beharrlich und staunenerregend beweglich. Mit der einen Hand hält er technisches Gerät an den hämmernden Puls des Zeitgeistes, mit der anderen einen "weichen Bleistift". Mit dem schreibt er kurze, schnell dahinfliegende Geschichten, die die Bewegung der Geschichte rhythmisieren. Wenn er sich umdreht, erblickt er sich in dem Geschäftsmann Wilde, auch er ein Beharrender, dem es durch Oberflächlichkeit gelingt, "sich nicht selbst zu verstricken und dennoch Übersicht zu gewinnen".

Erst im Gespräch zeigt sich der Schriftsteller, Medienexperte und Produzent als Virtuose der Widersprüche dieser Welt, als nun ganz unverdeckter Ermittler auf dem medialen Marktplatz, der nicht weniger erfahren möchte, als wie man glücklich werden kann. Unzeitgemäßheit und Eigensinn, Beharrungsvermögen und produktive Unruhe zugleich sind und bleiben auch in der Zukunft die Produktionsmittel der Erkenntnis. Sie markieren die Distanz, die Kluge zu seinen Rollen hat. Glück ist, sich "wirksam zum Einsatz" zu bringen, ohne sich zu verstricken. Glück ist aber auch "die Vermeidung des Falschen". Kluges fragende Lehre vom richtigen Leben zielt auf die Herstellung von "Unterscheidungsvermögen", die der Vitalisierung des Eigensinns gleichkommt. Freiheit liegt nur im Spannungsverhältnis zu den langfristigen Wirklichkeiten und der unzweifelhaften Wirkungsmacht der Geschichte. Literatur als Widerstand, Exil und Eigensinn gehört für Kluge daher selbstverständlich zur Wirklichkeit. Wenn Texte authentisch und moralisch sind, stellen sie Unterscheidungsvermögen her.

In einer Geschichte aus der "Chronik der Gefühle" verschlägt es eine ausgebildete geheimdienstliche Kämpferin der verbleichenden DDR ins Palace Hotel von St. Moritz, wo ihr das Glück des Kapitalismus in Gestalt eines reichen, jungen Geschäftsmanns begegnet. Im Grand Hotel aber kann man "nirgends lesen. Beim Essen nicht und wenn sie mit ihm im Foyer oder in der Bar saß, auch nicht. Nachts nicht, weil er beim Schlafen kein Licht vertrug . . ." Dieses Glück ist falsch, weil es Lesen verhindert, also Unterscheidungsvermögen hemmt. Die arbeitslose Agentin bewahrt daher ihre Identität in der Verstellung und entrinnt "ohne Erläuterung" zurück nach Oschersleben. "So gibt es eine Freiheit im Menschen, einen Funken, der überhaupt nicht rational ist und nicht einmal zu einer allseitigen Aufklärung geeignet, aber er ist unwiderstehlich."

Unwiderstehlich ist auch der plaudernde Ermittler Alexander Kluge. Wer ohne Lesen nicht sein mag, wer gar die "Chronik der Gefühle" schon zu seinem Hausbuch gemacht hat, der braucht das vorliegende Bändchen zur Steigerung von Belehrung und Vergnügen. Umgekehrt: Wer dieses vitalisierende Gespräch mit den Leseproben, Fragen und Erläuterungen genießt, der wird unfehlbar die ganze Chronik lesen wollen.

FRIEDMAR APEL

Alexander Kluge: "Verdeckte Ermittlung". Ein Gespräch mit Christian Schulte und Rainer Stollmann. Merve Verlag, Berlin 2001. 139 S., br., 20,- DM.

Verdeckte Ermittlung

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.05.2001, Nr. 125 / Seite 54
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