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Samstag, 18. Februar 2012
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Rezension: Sachbuch Nicht vor meinem Haus

27.07.1999 ·  Die Tempel, die Oswald Mathias Ungers baut, eignen sich nicht als Kulissen für Nachbarschaftsfeste

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Den Zusammenhang von Rationalismus und Rentabilität hat, fast zweihundert Jahre vor Oswald Mathias Ungers, der französische Akademiker Jean-Nicolas-Louis Durand gelehrt. Rechter Winkel, Quadrat, Raster, Symmetrie, Achsenbeziehungen, die Vervielfältigung und Kombination der Elemente waren für ihn, den Schüler Boullées, die Werkzeuge, mit denen er die angemessene und zugleich die wirtschaftlichste Lösung finden wollte. Grandeur, Effekt und Charakter würden sich von selbst ergeben. Die Ökonomie des Entwurfs zog die Ökonomie der Ausführung nach sich. Das Rationale wurde zum Rationellen.

Die Erfolge des letzten Jahrzehnts, die der Kölner Architekt Ungers im zweiten Band seiner anspruchsvollen Monographie verbuchen kann, haben mit der Durandschen Verschwisterung der Mittel, der ästhetischen und der ökonomischen, zu tun. Ist erst einmal die Reduktions- und Vereinfachungsarbeit geleistet, ermöglichen Gleichtakt, Wiederholung und Variation die rasche Verständigung mit den Mitarbeitern im Büro, mit den Handwerkern auf der Baustelle, mit den Projektmanagern und Kostenkontrolleuren. Die "autonome Architektur", für die Ungers sich einsetzt, ist auch praktikable Architektur.

Ungers' Flughafenterminals, Messehallen, Verwaltungen und Museen frappieren nicht durch plötzliche Eingebungen oder durch das Ausreizen des technisch eben noch Möglichen. Man meint, sie schon immer gesehen zu haben, wenn auch in anderer Zusammenstellung der Teile. Gegen die kurzen Verfallszeiten setzt Ungers die Langlebigkeit seiner Ästhetik. Die Einheitlichkeit seiner Entwürfe geht nicht auf den Duktus einer subjektiven Handschrift zurück, sondern auf einfache Grundsätze.

Schachbrettspiele und Mangel an Ideen hat man Durand vorgeworfen. Dieser Vorwurf trifft Ungers nicht. Hinter seinen Rasterfassaden steckt ein Denken, das sich in produktiven Widersprüchen bewegt. So liebt es Ungers, Analogien, Metaphern, Symbolen, geschichtlichen Referenzen nachzugehen. Aber er abstrahiert sie so lange, bis sie auf ihr Prinzip gebracht sind. Er redet den Brüchen und Fragmenten das Wort. Aber seine Entwürfe scheinen in ihrem Purismus alle Welt systematisieren zu wollen. Er rühmt den Geist der Orte. Aber er besetzt sie mit Gebilden, deren Idealität von weither kommt, jedenfalls nicht aus der nächsten Nachbarschaft.

Alles Profane und Triviale wird in Ungers' Bauwerken so weit wie möglich ausgeblendet. Da ihm auch die Konstruktion, der die Gebäude ihre Existenz verdanken, als Trivialität zu gelten scheint, darf sie sich fast nie in der Erscheinung ausdrücken. Das alte Architekturthema vom Tragen und Lasten zählt hier nicht. Ungers will die makellose Form und nicht ihr Gerüst. Die Stahlbetonskelette, die in den Bauten stecken, könnten mit tragenden Pfeilern und füllenden Feldern plastisches Wandrelief erzeugen. Aber Ungers läßt fast immer die bündigen steinernen Vorhangfassaden herunter, die jedes Innenleben verbergen. Das jüngste seiner eigenen Wohnhäuser ist mit einer metertiefen Schicht umhüllt, in der alle Zufälligkeiten des Daseins verschwinden, die Garderobe, die Gartenmöbel und das Hundekörbchen.

Ungers' Bauten können verschlossen, abweisend und unerbittlich wirken. Doch sie können auch aufregen und faszinieren. Faszination stellt sich dort ein, wo sie mit Umgebungen konfrontiert sind, die sich ihrem Perfektionismus verweigern; wo sie Ordnungsgesten im disparaten Chaos der Städte versuchen; wo sie der Technik dienen, als Heizkraftwerk oder Wartungsanlage, und die industriellen Aggregate sich dem Zugriff des Baumeisters entziehen; wo sie sich mit altem Bestand auseinandersetzen, einem Wasserturm, einem engen Stadthaus.

Und nicht zuletzt dort, wo diese rationalen Gebilde der freien Natur ausgesetzt sind. Die wenigen Wohnhäuser, die Ungers in der Berichtszeit dieses Bandes gebaut hat - zwei davon für sich selbst -, beeindrucken in ihrer kühlen Konsequenz wie die neupalladianischen Villen, die im England des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts die gentry in ihre Landschaftsparks gesetzt hat: weiß, präzise, obsessiv, nicht ganz von dieser Welt. Studien über Zahl und Proportion, Maß und Regel. Ikonen der Geometrie.

WOLFGANG PEHNT

Oswald Mathias Ungers: "Bauten und Projekte". 1991-1998. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998. 358 S., 995 Farb- u. S/W-Abb., geb., 180,- DM.

Bauten und Projekte

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.07.1999, Nr. 171 / Seite 46
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