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Rezension: Sachbuch : Nicht diese Töne

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Claus-Steffen Mahnkopf bekämpft die musikalische Postmoderne

          Claus-Steffen Mahnkopfs Tiraden gegen die Gedankenlosigkeit der Musikwissenschaft und dagegen, daß selbst in den "wenigen verbliebenen anspruchsvollen Feuilletons" kein Kritiker sich finde, der zur kompositorischen Substanz neuer Werke sachgerecht sich äußern könne, wird man geduldig beiseite schieben. Mehr Gewicht haben die Klagen, die Neue-Musik-Szene sei zu einem Pfründensystem herabgekommen. Immer dieselben Komponisten würden zu den Festivals geladen, mit Aufträgen versehen, gelobt. Diskussion finde nicht mehr statt, weil Kritik als generelle Kritik an der Neuen Musik wahrgenommen werden könnte. "In die Debatte um die Neue Musik", schreibt er, "müßte die Kategorie der Gerechtigkeit - und zwar in engem Bezug zur Qualität - eingeführt werden." Nur wäre dem Kampf für das Gute und gegen das Schlechte besser gedient, hätte Mahnkopf auch Strukturen analysiert und Namen genannt.

          Interessanter sind andere Aspekte des Buches. Gegen Zitattechniken und die Wiederbelebung alter Stile, gegen die Neue Einfachheit und Performances hält Mahnkopf am Werkbegriff fest. Hinter den Serialismus dürfe man nicht zurückfallen. Dessen Stand sei weniger durch die Reihentechniken als durch drei formale Kriterien bestimmt: Parametrisches Denken - alle musikalischen Parameter sind Gegenstand eigener und bewußter Gestaltung; Immanentismus - Sinn und Expressivität können nicht mehr durch rhetorische Figuren (Klagegesten, Hornrufe), sondern müssen rein musikalisch durch Prozesse und Strukturen (Spannung, Verdichtung) erzeugt werden; Präkomposition - nach dem Wegfall einer verbindlichen Tonsprache müssen durch eine Matrix aus Regeln Material und Techniken des Komponierens erzeugt werden. In der Präkomposition schafft sich der Komponist die nötigen Restriktionen, seiner Freiheit Raum zu geben. Sie gestattet den individuellen Ausdruck, den einst die Komponisten innerhalb der Konvention gefunden hatten. "Hat man diesen Umweg verstanden, verliert die moderne Tabula-rasa-Situation ihren Schrecken."

          Mahnkopf reklamiert für sich einen neuen souveränen Umgang mit der Geschichte, die er nicht mehr als lineares Kontinuum, sondern als Verweisungsnetz zwischen Problemverwandtschaften denken will. Genannt werden Ockeghem und Josquin. Bereits hier finde sich wie bei dem für ihn wichtigsten Komponisten der Gegenwart, Brian Ferneyhough, die "Selbst-Signifikation musikalischer Strukturen über kompositionstechnisch individuierte Prozeduren - Form schlägt in Inhalt um". Nun ist zwar nicht ganz einfach zu verstehen, wie die Form das macht, plötzlich in Inhalt umzuschlagen. Bei Hegel schlägt ja nur der Begriff der Form in den Begriff des Inhalts um: Wenn wir formal argumentieren, lassen wir immer versteckt Inhaltliches einfließen. So redet Mahnkopf von Spannung und Verdichtung - kaum weniger Inhalte als eine Seufzerfigur. Aber die Arten des Bedeutens lassen sich unterscheiden. In Monteverdis Seufzern werden die leidenschaftlichen Klagen des Textes untermalt. Die Niederländer dagegen loben Gott durch süßen Zusammenklang und die Vollkommenheit der Ordnung.

          Anstatt nun aber zu sagen, daß es seit Marsyas und Apollo eine eher expressive und eine eher konstruktive Musik gibt, anstatt zu sagen, daß er die klaren Proportionen der Leier den häßlich aufgeblasenen Backen des Flötenspielers vorzieht, argumentiert Mahnkopf geschichtsphilosophisch. Von der Geborgenheit in einer konventionellen Sprache führe ein musikgeschichtlicher Rationalisierungsprozeß zur bewußten Entscheidung über das Material des Komponierens. Die Postmoderne denunziert Mahnkopf als radikale Abkehr vom Modernisierungsprozeß. Für jemanden, der sich viel auf Adorno beruft, ist das seltsam undialektisch. Liegt nicht auch dem Zitieren eine kompositorische Entscheidung zugrunde? Und eignet nicht den Fragmenttechniken ein Moment von Wahrheit, während das vollkommen durchgestaltete Kunstwerk die Lüge transportiert, das eigene Leben lasse sich restlos in den Griff bekommen?

          Eine Streitschrift, die sich gegen die postmoderne Beliebigkeit wendet, die sich darüber beklagt, daß den jungen Komponisten weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird als den arrivierten, und die die eigene Position als Ziel der Geschichte ausgibt, dürfte weniger Streit hervorrufen, als sie beabsichtigt. Vielleicht liegt darin aber auch ein Zeichen dafür, daß die Zeit des theoretischen Streitens um Techniken und Schulen in der Musik einstweilen vorbei ist und wieder Werke komponiert werden, die als Werke und nicht als Bekenntnisse überzeugen müssen. GUSTAV FALKE

          Claus-Steffen Mahnkopf: "Kritik der Neuen Musik". Entwurf einer Musik des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Eine Streitschrift. Bärenreiter Verlag, Kassel 1998. 149 S., br., 36,- DM.

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