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Rezension: Sachbuch : Nashörner in die Besserungsanstalt

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Auf alten Karten findet sich für unerschlossene, noch nicht kartographierte Räume der Spruch "Hic sunt leones". Derartige Räume existieren nicht mehr; letztlich befindet sich heute jedes Tier in der Hand des Menschen. Vor allem diese Tatsache ist es, die den menschlichen Umgang mit Tieren zu einem ...

          Auf alten Karten findet sich für unerschlossene, noch nicht kartographierte Räume der Spruch "Hic sunt leones". Derartige Räume existieren nicht mehr; letztlich befindet sich heute jedes Tier in der Hand des Menschen. Vor allem diese Tatsache ist es, die den menschlichen Umgang mit Tieren zu einem normativ relevanten, mit den Mitteln der Ethik und des Rechts zu behandelnden Problem werden läßt. Ihm hat die Universität Basel im vergangenen Jahr eine Tagung gewidmet, deren Vorträge nunmehr in gedruckter Form vorliegen.

          Tiere zivilisiert zu behandeln sollte für den Menschen bereits ein Gebot seiner Selbstachtung sein. Wie Jean-Claude Wolf zeigt, ist es nichts Geringeres als die Würde des Menschen selbst, die im Umgang mit Tieren auf dem Spiel steht. Menschen, die brutal oder gleichgültig das "Recht des Stärkeren" ausüben, schaden damit nicht nur dem betroffenen Tier; sie erleiden, wie Wolf in einer anrührend altmodischen Diktion bemerkt, auch "Schaden an ihrer eigenen Seele", sie brutalisieren sich selbst.

          Dieser Gedanke ist freilich nicht neu. In ähnlicher Form findet er sich bereits bei Kant, und zwar in der wenig gelesenen "Tugendlehre" der "Metaphysik der Sitten". Heike Baranzke erinnert darin, daß nach Kant in Ansehung der Tiere Liebespflichten bestehen, die analog zu denjenigen sind, welche auch gegenüber Menschen existieren. Liebespflichten im kantischen Sinne haben nämlich die "Förderung fremder Glückseligkeit" zum Inhalt, und auch Tiere sind zu einer gewissen "Glückseligkeit" fähig. "Würde" im Sinne eines absoluten inneren Wertes, der "allen andern vernünftigen Weltwesen Achtung für ihn abnötigt", kommt nach Kant allerdings nur dem Menschen zu. Die damit für den Menschen in Anspruch genommene Vorzugsstellung zieht die Baseler Tagung bereits in ihrem Titel in Zweifel. Eine kürzlich in die schweizerische Bundesverfassung eingefügte Formulierung aufgreifend, fragt sie nach der "Würde des Tieres". Was ist damit gemeint?

          Die Tiere seien in ihrer Selbstzweckhaftigkeit zu schützen, so lautet die Antwort einer Reihe von Referenten. Als Selbstzweck behandelt zu werden sei geradezu der Inbegriff dessen, was der Mensch kraft seiner Würde verlangen könne; dies dürfe deshalb auch dem Tier nicht vorenthalten werden. Unsere soziale Praxis spricht jedoch eine ganz andere Sprache. Dabei geht es keineswegs nur um notorisch problematische Felder wie Tierversuche und Genmanipulation. Die Dementierung des Ideals durch die Praxis setzt schon auf einer viel alltäglicheren Ebene ein, oder kann man ernsthaft behaupten, daß Tiere, die geschlachtet werden, um dem Menschen zur Nahrung zu dienen, als Zwecke an sich selbst behandelt würden? Man mag dieses Tun für insgesamt illegitim und barbarisch halten. Dann muß man dies aber auch deutlich aussprechen. Davor aber schrecken die Referenten zurück. Sie nutzen den rhetorischen Effekt des von ihnen beschworenen Prinzips aus, unterschlagen aber die Härte von dessen Konsequenzen. Indem sie zuviel beweisen, beweisen sie bei Licht besehen nichts.

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