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Rezension: Sachbuch : Mit vierzehn unterm Hakenkreuz

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Auch ein Tagebuch: Lore Walb begegnet einem BDM-Mädchen

          Als Mitläufer wurden nach dem Krieg jene Deutschen bezeichnet, die Hitler zugejubelt und seine Ideologie unterstützt hatten, denen jedoch strafbare Handlungen nicht nachzuweisen waren. Ein Volk von Mitläufern, es deckte eilig über die zwölf Jahre unter brauner Diktatur einen Mantel des Schweigens. Denn jetzt galt es Leben nachzuholen, Trümmer zu beseitigen und aufzubauen. Erst eine spätere Generation stellte unüberhörbar die Frage: Wie konnte es geschehen? und bekam nur zögernd oder gar keine Antwort.

          Lore Walb, Redakteurin beim Bayerischen Rundfunk, begann erst nach ihrer Pensionierung und angeregt durch Dokumentationsfilme wie "Shoa", sich mit ihrer eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Lange Gespräche mit der Psychoanalytikerin Thea Bauriedl unterstützten ihren Versuch, sich mit ihrem Jugend-Ich auseinanderzusetzen. Grundlage dafür war ihr Tagebuch, das sie von 1933 bis 1945 geführt hat. Sie bekam es zu ihrem vierzehnten Geburtstag zusammen mit einem braunen Stoff für eine BDM-Weste und einer gehämmerten Hakenkreuzbrosche geschenkt.

          Die Familie in Alzey gehörte zu den frühen Anhängern der Nationalsozialisten; von ihnen erhoffte man Besserung der bedrängten Lebensverhältnisse. Aber auch die Schule vermittelte die Ideologie der Nazis ohne Kritik. War es da ein Wunder, daß das junge ehrgeizige Mädchen mit besten Noten ausgezeichnete Aufsätze schrieb, in denen Blut-und-Boden-Pathos, Deutschtümelei und Heldenverehrung sich niederschlugen, daß es von Opferbereitschaft und Kameradschaft schwärmte und Hitlers Reden und Haßtiraden gläubig anhörte? Lore Walb kommentiert ihre Tagebücher und Schulaufsätze mit großer Ehrlichkeit und zum Teil mit Entsetzen. Sie entschuldigt Sätze wie "ich glaube unser Führer ist der größte Staatsmann, den das deutsche Volk jemals besaß" nicht mit jugendlicher Naivität. Und sie ist erschrocken, was alles in ihrem Tagebuch fehlt, weil es der Beweis dafür ist, wie zu dem Mitjubeln auch Verschweigen, Verleugnen, Verdrängen gehören. Die Schrecken der "Reichskristallnacht" erwähnt die junge Lore nicht, das Wort Jude kommt nicht ein einziges Mal vor, Feindbilder, rassistische Parolen hat sie gedankenlos übernommen. Das Unrecht nicht wahrgenommen zu haben, verzeiht die alte Frau sich noch heute nicht. Deshalb ist dieses Erinnern eine so schmerzvolle Erfahrung und keine Erlösung. MARIA FRISÉ

          Lore Walb: "Ich, die Alte - ich, die Junge. Konfrontation mit meinen Tagebüchern 1933 - 1945." Aufbau Verlag, Berlin 1997. 369 S., geb., 45,- DM.

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