Caveat emptor! Dieses Buch ist ein Wolf im Schafspelz. Vermutlich werden viele, die es ohne Beratung kaufen, enttäuscht sein. "Die Hühnchen von Minsk und 99 andere hübsche Probleme" von Jurij B. Tschernjak und Robert M. Rose macht auch auf den zweiten Blick einen harmlosen Eindruck. Man erwartet so etwas wie die Aufgaben, die uns der Herr Zweistein jahrzehntelang in der ehrwürdigen Hamburger Wochenzeitung gestellt hat. Vielleicht einschließlich der einen oder anderen harten Nuß, aber im Prinzip auch für aufgeweckte Kunsthistoriker zugänglich. Dem ist nicht so.
Das Buch ist eine Aufgabensammlung zur Physik und zur physiknahen Mathematik, die für Studenten im ersten Studienjahr gedacht ist. Sie kommt von der amerikanischen Elite-Universität MIT in Cambridge. Hier gibt es einen "concourse", einen Kurs, bei dem die Studenten solche Probleme gemeinsam lösen. Die pädagogische Methode kennt man gerüchteweise von der Bundeswehr: Wer nicht schwimmen kann, erhält den Befehl, ins Becken zu springen. Bei einem handverlesenen Teilnehmerkreis ist dieses Verfahren vermutlich recht effektiv.
Der behandelte Stoff beginnt mit "Aufwärmübungen", für die man nur gesunden Menschenverstand benötigt, und wechselt dann zu der untrennbaren Mischung aus Mathematik und Physik, wie man sie ja auch im Physikstudium betreibt. Erfahrenen Lesern ist sicher ein gewisser Teil der Aufgaben schon vorher begegnet. Das spricht ja nur für ihre Relevanz. Dafür ein Beispiel von der leichteren Sorte: Eine Schnur wird um den Äquator gelegt. Um wieviel muß man sie verlängern, damit sie überall einen Meter Abstand vom Boden hat? Das hat uns der Herr Wagner - Gott hab ihn selig - schon seinerzeit auf dem Gymnasium gefragt. Das Entscheidende ist in diesem Fall nicht die Lösung, sondern daß sie kontraintuitiv ist, zumindest für Normalverbraucher.
Im vorliegenden Buch wird dieses Problem in eine an allen Haaren herbeigezogene Geschichte eingebettet. Ein Glasfaserkabel ist rund um die Erde verlegt worden. Auf einer Hühnerfarm bei Minsk weigern sich die Hühnchen, diese "Datenautobahn" zu überqueren. Und so weiter. Ein großer Teil des Buchs ist leider in diesem Stil geschrieben: Witzchen statt Witzen. Opa Masaij rudert hinter seinem Wodka her. Der Straßenfeger Oblomowetz schläft in einer Draisine. Graf Bobby auf Rußlandfahrt! Tschernjak ist noch in der weiland Sowjetunion sozialisiert, drangsaliert und ennuyiert worden, ehe er in die Vereinigten Staaten ausreisen konnte. Aufgaben wie die im Buch (hoffentlich nicht ganz so banal eingekleidet) hatten dort eine lange Tradition. Man kennt das von Mathematik-Olympiaden und ähnlichen Institutionen.
Anscheinend hat Tschenjak es geschafft, die Studenten in seiner neuen amerikanischen Heimat für diese Art des intellektuellen Wettstreits zu begeistern. Der Kurs am MIT ist dort auch als "Fünf-Uhr-morgens-Club" bekannt, weil sich die Teilnehmer derart in die Aufgaben verbeißen, daß sie kein Ende finden. Es handelt sich um eine kunterbunte Auswahl von Hardcore-Physik, elementar, aber nicht trivial. Wer sich das Buch kauft, muß einige Zeit auf das Fernsehen verzichten können. Wir haben ihn gewarnt.
Zur Ergonomie: Am Ende jeder Aufgabe gibt es einen "Tip", den man aber zunächst nicht verwenden soll. Das wäre wesentlich leichter, wenn man ihn zum Beispiel in Spiegelschrift setzen würde. Sonst liest man ihn nämlich doch. Weiterhin sollte man nach jedem Problem die Seitenzahl angeben, unter der man die Lösung findet. Da es keine Kopfzeilen gibt, ist man jetzt ständig am Suchen und Blättern. Vielleicht gibt es ja eine zweite Auflage, bei der man das ändern könnte.
ERNST HORST
Jurij B. Tschernjak, Robert M. Rose: "Die Hühnchen von Minsk und 99 andere hübsche Probleme". Aus dem Englischen von Hainer Kober. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2002. 242 S., Abb., br., 9,80 [Euro].