http://www.faz.net/-gqz-6qmoz

Rezension: Sachbuch : Mehr Anstrengung als Genuss

  • Aktualisiert am

Pfitzner schlürft man nicht einfach ein: Die Einfälle und Ausfälle des Meisters geben Nachwelt und Fachwelt immer noch zu kauen

          Hans Pfitzner gehört nicht zu den Komponisten, die im Zuge der Ausgrabungswelle der achtziger und neunziger Jahre neu entdeckt wurden. Dabei hat sein Werk Qualitäten, die es dem seiner Zeitgenossen Schreker, Korngold und Franz Schmidt in nichts nachstehen lassen. Und zumindest sein Hauptwerk, die Oper "Palestrina", verdiente es, als eine der herausragenden Schöpfungen des Musiktheaters nach Wagner öfter gespielt zu werden, wenngleich dem Stück durchaus etwas Sperriges, allem Reißerischen Abholdes anhaftet. Diesem nicht einfach zu beurteilenden Meister widmet sich nun eine auf den ersten Blick neue, ausführliche Biografie, die aus der Feder des Berliner Rechtsanwalts und langjährigen Pfitzner-Apologeten Johann Peter Vogel stammt. Vogel hatte neben seinem Jurastudium auch Kompositionsunterricht bei Gerhard Frommel, der seinerseits Schüler Pfitzners gewesen war. Dies gleicht durchaus den Nachteil aus, dass er, "anders als die bisherigen Biografen, Pfitzner nicht mehr persönlich kennen lernen konnte", wie er im Vorwort bedauert.

          Das Buch besteht aus drei großen Abschnitten, deren erster die Biografie des Komponisten schildert, während der zweite musikwissenschaftliche Analysen einiger wichtiger Werke enthält. Im dritten kommt der Meister selbst zu Wort durch die Wiedergabe seines theoretischen Hauptwerkes, der "neuen Ästhetik der musikalischen Impotenz", allerdings in stark gekürzter Form. Die erste Freude, eine nagelneue Pfitzner-Biografie in Händen zu halten, weicht allerdings bald dem bitteren Eindruck, alten Wein in neuen Schläuchen erworben zu haben. Der Pfitzner-Freund hatte sich nämlich im Jahre 1989 bereits über eine als rororo-Monografie erschienene Lebensbeschreibung des Meisters gefreut. Der vorliegende Band erweist sich nun in seinem ersten Teil als ein nahezu unveränderter Nachdruck des Rowohlt-Bändchens, wie der Autor im Vorwort auch en passant zugibt. Gleichwohl ist das Werk flüssig zu lesen, hervorragend recherchiert und bietet ohne die Schwerfälligkeit voriger Biografen wie Abendroth oder Adamy alles Wesentliche zu Pfitzners Leben und Schaffen.

          Pfitzners Lebensweg entbehrt der heroischen ebenso wie der chaotischen Züge, wie sie etwa die Biografie Wagners so überreich auszeichnen. Die äußeren Stationen seines Lebens sind schnell nacherzählt: Als Sohn eines sächsischen Orchestermusikers und einer russlanddeutschen Mutter in Moskau geboren, wuchs er in Frankfurt am Main auf und wurde Schüler des dortigen Hochschen Konservatoriums, wie später Paul Hindemith. Nach ersten Erfahrungen als Kapellmeister und Kompositionslehrer in Koblenz und Mainz wurde er 1897 Lehrer am Sternschen Konservatorium in Berlin. Seine schöpferischste Phase war die Zeit als Städtischer Musikdirektor und Leiter des Konservatoriums in Straßburg, wo unter anderem der "Palestrina" entstand. Nach der deutschen Niederlage 1918 musste er nach München fliehen; später übte er Lehrtätigkeiten in Berlin und München aus. Er starb 1949, kurz nach seinem achtzigsten Geburtstag, in Salzburg.

          Wichtiger als das Datengerüst ist die Persönlichkeit des Komponisten, deren Darstellung der Autor begrüßenswert viel Raum widmet. Hier zeigt sich die Wirkung der Kitsch vermeidenden Künstlerbiografien wie Hildesheimers "Mozart" oder Härtlings "Hölderlin", die Vogel sicher kennt, obwohl er sie nicht erwähnt. Hatten frühere Pfitzner-Biografen noch in der Heldenverehrung geschwelgt oder, wie Müller-Blattau, sich auf Werkanalyse beschränkt, so hält Vogel sein im Vorwort gegebenes Versprechen, "aus der Distanz und den reichlichen Quellen möglichst viele Informationen anzubieten und so einen Zugang zu Pfitzner zu schaffen - objektiv, soweit dies möglich ist; meine Zuwendung zu dieser vielfach unangepassten Musik und auch zu dieser tief zerrissenen Persönlichkeit möchte ich nicht verbergen".

          Tief zerrissene Persönlichkeit - dies ist das Stichwort, unter dem Pfitzners Wirken in der Tat betrachtet werden muss: War er nun der "Retter der Musik", als der er sich in der Maske Palestrinas selbst auf die Bühne stellte? War er der Misanthrop, der ewig zeternd und wüste Pamphlete verfassend, seiner Mitwelt auf die Nerven fiel? Oder war er, der stramme Deutschnationale, gar ein "Steigbügelhalter Hitlers", zu dem ihn ein 1994 erschienener Aufsatz erklärt? Offenbar noch stärker als bei Wagner, der das Glück hatte, fünfzig Jahre vor der Machtergreifung zu sterben, hat Hitlers anfängliche Zuneigung zu Pfitzner - er besuchte den gallenkranken Komponisten 1923 in München im Krankenhaus - dessen Nachruhm geschmäht. Dabei wird verkannt, dass sich der Meister schon 1933 vehement bei Nazigrößen für seinen jüdischen Freund Paul Cossmann einsetzte, der ins KZ Dachau eingeliefert worden war.

          Weitere Themen

          Bunter Vogel Wut

          Georg Ringsgwandl im BR : Bunter Vogel Wut

          Dieser Film lohnt sich, nicht nur für Freunde des Unalltäglichen: Der Musiker und Satiriker Georg Ringsgwandl wird siebzig, und der BR lässt sich dazu etwas einfallen.

          Glück mit dem Gaukler

          Neue Rossini-Editionen : Glück mit dem Gaukler

          Vor 150 Jahren starb Gioachino Rossini. Zwei große Editionen seiner Opern, Lieder und Kirchenmusik belegen, dass es endlich wieder die Sänger gibt, durch die wir seine Musik neu lieben lernen.

          Topmeldungen

          Friedrich Merz bei der CDU-Regionalkonferenz in Lübeck vergangenen Donnerstag.

          Friedrich Merz : „Ich verdiene eine Million Euro“

          Was kaum jemand anzweifelte, bestätigt der Blackrock-Deutschland-Aufsichtsratschef und Kandidat um den CDU-Vorsitz nun selbst: Friedrich Merz gehört zu den Großverdienern im Land. Zur Oberschicht will er sich allerdings nicht zählen lassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.