Home
http://www.faz.net/-gr0-6qoha
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rezension: Sachbuch Masche, Mechanik, Manie

 ·  Daß es in Deutschland bisher noch kein Filmbuch über Brian De Palma gab, ist ein Mangel, den man nach der Lektüre von Leonardo Gandinis "Brian De Palma" besonders schmerzlich spürt. Denn beinahe jedes Buch über De Palma hätte neben Gandinis Monographie ziemlich gut ausgesehen - so wie ein Hitchcock-Film ...

Artikel Lesermeinungen (0)

Daß es in Deutschland bisher noch kein Filmbuch über Brian De Palma gab, ist ein Mangel, den man nach der Lektüre von Leonardo Gandinis "Brian De Palma" besonders schmerzlich spürt. Denn beinahe jedes Buch über De Palma hätte neben Gandinis Monographie ziemlich gut ausgesehen - so wie ein Hitchcock-Film neben einem De-Palma-Film, oder wie ein De-Palma-Film neben fast allem anderen, was zur Zeit aus Hollywood auf die Leinwand kommt. Da wir aber nur Gandini haben, müssen wir uns an Gandini halten, auch wenn es schwerfällt, besonders bei Sätzen wie diesem: "De Palma hält diesen Film für ebenso anmaßend wie den vorhergehenden, da er so wie ein Jugenddrama Ibsens, und mehr noch, mit Symbolik beladen ist."

Das schreibt Gandini über einen der allerersten Kurzfilme De Palmas ("660124, The Story of an IBM Card"), und da er außer einem Halbsatz Inhaltsangabe nichts weiter darüber bemerkt, muß man annehmen, daß er den Film gar nicht gesehen hat. An sich wäre das kein Problem, äußerte sich Gandini nicht auch über spätere Filme von De Palma so, als hätte er sie sich höchstens ausschnittweise angeschaut. Über "Teufelskreis Alpha" (1978): "Das allgemeine Gleichgewicht des Films schadet der reinen Unterhaltungskomponente aber keinesfalls, die vom gewohnten stilistischen Können De Palmas getragen wird." Über "Der Tod kommt zweimal" (1984): "Es darf auch nicht vergessen werden, daß sich De Palma bei seinen Thrillern stets auf Alfred Hitchcock bezieht." Und über "Fegefeuer der Eitelkeiten" (1990): "Es handelt sich somit um eine weitere Version über das Thema des Verfalls des kapitalistischen Systems, für das er seit jeher sehr empfindlich ist."

Wenn man Gandinis von Irene Esters und Isabel Leppla in ein stellenweise hanebüchenes Deutsch gebrachtes Buch liest, muß man den Eindruck gewinnen, es handle sich bei Brian De Palma um einen Regisseur der mittleren sowjetischen Systemzeit, der sein durch Hitchcock-Studien angeeignetes Wissen um die Brüchigkeit des Lebens im Spätkapitalismus auf Thriller-Basis kinematographisch aufbereitet hat. Daß De Palma alles andere als ein Systematiker ist, daß er sich hinter Hitchcock-Zitaten ebensogern versteckt, wie er sich mit ihnen brüstet, und daß bei weitem nicht alle seine Filme ausschließlich unterhalten wollen - für all das hat Gandini durchaus ein Gespür, aber keine Worte. So raunt er nur dunkel von des Regisseurs "Neigung zur Mise-en-abîme der Sichtweise" und zitiert zustimmend Serge Daneys Begriff der "Kinoküche" De Palmas, ohne diesem mehr abgewinnen zu können als eine lauwarme Kurzbetrachtung über die "Enthüllung der Grundzutaten" im Filmwerk des Meisters.

Worin diese Zutaten genau bestehen und auf welche Weise sie De Palma von Film zu Film hintersinniger arrangiert, das hätte man gern in einem gründlich recherchierten und durchdachten Buch gelesen. Gandinis Monographie ist dieses Buch nicht. Als Einführungsband zu De Palma wäre die Studie des Trientiner Filmprofessors immerhin zu empfehlen, käme sie nicht in einem Doktorandenkolloquiumston daher, der durch falsche Namensschreibungen - "Zsigismond" heißt hier der Kameramann Vilmos Zsigmond - und andere Extravaganzen verkleistert wird. Wem soll man dieses Buch also wünschen? De Palmas Fans? Seinen Verächtern? Eigentlich keinem - aber solange es nichts Besseres über diesen Regisseur gibt, werden wir uns mit Gandini behelfen müssen. Wenigstens so lange, bis im nächsten Jahr De Palmas neuer Film "Femme fatale" ins Kino kommt. Dann erlöst uns die Anschauung wieder vom Gerede.

Leonardo Gandini: "Brian De Palma". Aus dem Italienischen übersetzt von Irene Esters. Gremese Verlag, Rom 2002. 128 S., Abb., br., 16,80 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.12.2002, Nr. 281 / Seite L11
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel