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Rezension: Sachbuch : Lust auf schmutzige Hände

  • Aktualisiert am

Pascal Bruckner: Kampf den Weinerlichen / Von Sibylle Tönnies

          Politik ist zur Parteinahme für benachteiligte Minderheiten herabgesunken; die öffentliche Meinung spaltet sich in rivalisierende Patronagen, deren Klientel mit der Mode wechselt: von Ausländern zu Homosexuellen, von Behinderten zu geschändeten Kindern und so weiter. Überall werden Opfer ausgemacht, und "politische Teilhabe" besteht in der Zusammenrottung von Klagemeuten, die das Unrecht bejammern, das an ihren jeweiligen Schützlingen begangen wird.

          Das ist das Thema des Buches "Ich leide, also bin ich", das in Frankreich zur Zeit ein Bestseller ist. Pascal Bruckner kann das Gejaule nicht mehr hören und die mitleidheischenden Bilder nicht mehr sehen: Armut geht ihm auf den Keks, Kinder sind ihm widerlich, der "gute Wilde" langweilt ihn, der Feminismus nervt ihn ebenso wie seine maskuline Gegenposition. Er reagiert mit Überdruß und Ekel und versteht es, diese Empfindungen auf den Leser zu übertragen.

          In Deutschland ist diese Abwehr vorschriftsmäßiger Gefühle mit der Kritik am "Betroffenheitskult" aufgetreten. Man hat die "Gutmenschen", die immer neues Mitleid herauspressen wollen, angeprangert und ist auf diese Weise Rita Süßmuths vorwurfsvollen Blick losgeworden; man hat das schlechte Gewissen, das Horst Eberhard Richter und Dorothee Sölle der öffentlichen Meinung verordneten, abgelegt und atmet seitdem freier.

          Diese Welle erhält von Bruckner Verstärkung, und man könnte sie als reinigend empfinden, wenn sie nicht wiederum ein Schwall von Klagen und Denunziationen wäre, der sich gegen das linksliberale Milieu richtet, in dem sich Bruckner offenbar schon zu lange aufhält. Er kann es nicht leiden, daß aus allen Löchern Opfer kriechen, ohne daß sich gleichzeitig irgendwo die Täter zeigen - aber was erwartet er? Es gelingt ihm nicht, die richtige Gegenposition zu finden: die unparteiische Wahrung des Allgemeinwohls.

          Was er dem allgemeinen Gejaule statt dessen entgegenhält, ist die Aufforderung, sich für seine, Bruckners eigene Lieblingsopfer einzusetzen. Wer Opfer ist, bestimme ich, sagt er und ist voll des Vorwurfs gegenüber denjenigen, die sich von dem Unglück der bosnischen Muslime nicht rechtzeitig genug betroffen fühlten. Er propagiert nicht wirklich die Überwindung der Opfer-Helfer-Mentalität, sondern verlangt von der öffentlichen Meinung, sie möge "zwischen den Schreien von als Verstoßene verkleideten Scharlatanen und von Mördern, die sich zu Evangelisten ausstaffieren, die Stimme der Bedrängten hören, die uns bitten: Helft uns!" Der Leser legt das Buch genauso erpreßt und beschämt aus der Hand, als habe er sich von einem deutschen Gutmenschen die Leviten lesen lassen.

          Bruckner gehörte einer Gruppierung an, die sich Nouvelle philosophie nennt und unter Führung des Exmaoisten André Glucksmann Ende der siebziger Jahre Karl Marx den Garaus machte. Den entlarvte man als "Meisterdenker" und setzte an die Stelle von Konsistenz beanspruchenden philosophischen Systemen einen wirren Eklektizismus, von dem auch das neue Buch zeugt. Die Auseinandersetzung mit dem angeprangerten Sich-klein-Machen des Menschen findet nicht etwa mit philosophischen Mitteln statt: Der Essay befaßt sich nicht mit der problematischen Ersetzung des Subjekts durch Intersubjektivität, des Individuums durch Beziehung, der intendierten Handlung durch bewußtlose Vernetzung.

          Bruckner benutzt primitivere Mittel, um einen neuen Ton einzuführen: Er zieht in die allgemeine Weichlichkeit eine neue, härtere Struktur ein, die wieder den Unterschied zwischen Täter und Opfer, zwischen Hammer und Amboß kennt. Er verlangt die männliche Anerkennung von Freund-Feind-Verhältnissen und macht die Rot-Kreuzmentalität schlecht, die unterschiedslos jedem Leidenden beispringt. Das humanitäre Engagement "wird suspekt, wenn es Kriegs- und Krisensituationen mit Naturkatastrophen gleichsetzt, nur die Menschen kennt (den Eingeborenen, den Flüchtling, den Verletzten) und nicht die Ursache des Bösen, nicht die Henker beim Namen nennen will". Bruckner hat eine Abneigung gegen Lebensmittellieferungen, Wolldecken und Ärzteteams. Die Bewohner von Sarajevo wurden von ihm gegenüber anderen Erbarmungswürdigen bevorzugt, weil er findet, daß es in ihrem Fall gute Gründe gegeben habe, mit Bomben und Gewehren herbeizueilen.

          Im linksliberalen Milieu bedarf es nur eines ganz leisen Säbelrasselns, um einen neuen, interessanten Ton einzuführen. Nachdem der postmoderne Relativismus langweilig geworden ist, hat man sich auf die Seite von Recht, Freiheit und Demokratie geschlagen, wodurch man Gefahr läuft, in Konformismus unterzugehen. Aber man ist auch hier wieder hundertprozentig und übertrifft die anderen Freunde der Demokratie.

          Bruckner bekennt sich zur "gewöhnlichen Sündhaftigkeit" und sagt: "Wer in die Geschichte eintritt, macht sich die Hände schmutzig." Er hat offenbar Lust, in den Dreck zu fassen. Sein Buch endet mit dem Appell: "Wollen die westlichen Demokratien seit dem Ende des Kalten Krieges Recht und Freiheit außerhalb ihrer Grenzen überhaupt noch verteidigen? Haben sie die geringste Neigung, etwas für die Zivilisation zu tun, oder verharren sie in ihrem Leben auf die Gefahr hin, langsam aus Nutzlosigkeit zu vergehen? Davon hängt alles ab."

          "La France s'ennuye" - Frankreich langweilt sich, sagte Lamartine im vorigen Jahrhundert zur Begründung für die keimende Kriegsbereitschaft in seinem Lande. Es ist wohl wieder mal so weit.

          Pascal Bruckner: "Ich leide, also bin ich". Die Krankheit der Moderne. Eine Streitschrift. Aus dem Französischen von Christiane Landgrebe. Verlag Beltz Quadriga, Weinheim 1996. 333 S., geb., 38,- DM.

          Ich leide, also bin ich

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.10.1996, Nr. 229 / Seite L39

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