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Veröffentlicht: 04.01.2000, 12:00 Uhr

Rezension: Sachbuch Krieg dem Qualm


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Aktionistische Kampagnen und Massenuntersuchungen von zweifelhaftem Wert waren ein Markenzeichen der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik. Eine dieser Kampagnen ist aus der heutigen Perspektive besonders interessant. Nicht erst in den fünfziger Jahren wurde zum ersten Mal ein Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs nachgewiesen. Vielmehr war der Dresdener Arzt Franz Lickint 1929 einer der ersten, die einen statistischen Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs aufzeigten. Lickint vermutete auch, dass Passivrauchen - er scheint diesen Ausdruck geprägt zu haben - Schäden hervorrufen kann.

In den folgenden Jahren wurde er zum prominentesten Aktivisten gegen das Rauchen, und in seinem Werk "Tabak und Organismus" (1939) machte er den Tabak für alle Krebsgeschwüre entlang der "Rauchstraße" von den Lippen bis zur Lunge verantwortlich. Eine methodisch viel anspruchsvollere Analyse des Zusammenhangs zwischen Lungenkrebs und Rauchen stellte 1939 der Kölner Arzt Franz Hermann Müller vor, ein wohl ungemein begabter Arzt, dessen Spuren sich im Krieg verlieren. Müllers bahnbrechender Artikel wurde bis in sechziger Jahre auch in Amerika immer wieder zitiert.

Schon 1938 tauchten die ersten Sanktionen gegen Raucher auf. Bei der Luftwaffe, der Post, vielen Ämtern und in Krankenhäusern wurde das Rauchen verboten, in allen Zügen wurden Nichtraucherabteile eingerichtet und auch die Zigarettenwerbung wurde mit Einschränkungen belegt. Doch langfristig waren all diese Maßnahmen ziemlich folgenlos. Erst 1942, als die Folgen des Krieges auch wirtschaftlich immer deutlicher spürbar wurden, verringerte sich der Tabakverbrauch. Die Kampagne hatte wohl nur eine langfristige Folge: In den Nachkriegsjahrzehnten stieg die Zahl der Lungenkrebsfälle bei deutschen Frauen ungewöhnlich weniger an als anderswo in der Welt. Der Kampf gegen das Rauchen war wohl bei den Frauen besonders erfolgreich gewesen.

Die meisten der heute fortschrittlich erscheinenden Aspekte der nazistischen "Gesundheits"politik speisten sich letzten Endes aus den gleichen zweifelhaften Quellen wie ihre verbrecherischen Elemente. Vorbeugende Maßnahmen waren alleine für Deutsche gedacht und ganz der Staatsräson unterworfen. Ein gesunder Körper war staatsbürgerliche Pflicht und ökonomische Notwendigkeit während der Kriegsvorbereitungen und natürlich vor allem während des Krieges. Ein genetischer Determinismus dominierte die Gedankenwelt der Eugeniker und der meisten Mediziner. Dies resultierte zum Beispiel in dem Versuch, Menschen an ihren Arbeitsplatz anzupassen und nicht den - heute selbstverständlichen - umgekehrten Weg zu gehen. Man versuchte, Anfälligkeiten für krebserregende Stoffe zu identifizieren und so geeignete Personen zu selektieren. Während des Krieges wurden dann aber keine Rücksichten mehr genommen und Zwangsarbeiter für die gefährlichsten Arbeiten eingesetzt.

Das Bild, das Robert Proctor in seinem faszinierenden Buch von der Medizin im Dritten Reich zeichnet, ist nicht ausschließlich geprägt von einer Unterdrückung ernst zu nehmender Wissenschaft und dem Blühen einer obskuren, pseudowissenschaftlichen Heilkunde. Das Bild zeugt vielmehr von Komplexität und Komplizenschaft; methodisch anspruchsvolle und innovative Wissenschaft existierte neben routinemäßiger Grausamkeit.

THOMAS WEBER.

Robert N. Proctor: "The Nazi War on Cancer". Princeton University Press, Princeton, N.J. 1999. 380 S., zahlr. Abb., geb., 29,95 US-Dollar.

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