Man kann das Phänomen soziologisch verstehen wollen: "Wenn früher die meisten coolen Jungs davon träumten, Sänger oder Gitarrist einer Rock-'n'-Roll-Band zu werden, so träumen sie jetzt davon, DJ zu sein und auf Parties und in Clubs Platten aufzulegen und tagsüber am Computer neue Songs zu komponieren." Oder man geht die Sache im Hinblick auf ihre ästhetisch-technische Machbarkeit an, wie es der Pop-Produzent Malcolm McLaren unternimmt: "Nimm einige gute, rhythmuslastige Platten, spiele deine bevorzugten Stücke an und begleite sie mit der Rhythmusmaschine. Kratze mit der Nadel im Rhythmus deiner Lieblingsmusik auf der Platte herum. Blende von einer Platte in eine andere über, ohne den Takt der Rhythmusmaschine zu verändern. Nun beginne, über ein Mikrofon zur Musik der Platte zu sprechen und zu singen. Du machst jetzt deine eigene Musik aus den Platten anderer Leute. Das ist es, was man ,Scratching' nennt."
Ganz so einfach kann es dennoch nicht sein. Immerhin ist Ulf Poschardt, dem Urheber des ersten Zitates, diese "DJ-Culture", die Geburt der neuen Disko-, Rap-und Techno-Musik aus dem Geist alter Platten eine umfängliche Kulturgeschichte wert. Die Figur des Diskjockey, der einst nur für Auswahl und Präsentation der Musik im Radio zuständig war und nun als "Deejay" nicht nur semantische Eigenständigkeit erlangt hat, gilt ihm als Zentralgestalt kultureller Entwicklung, ja als Inbild des zeitgemäßen Revolutionärs.
Was McLaren salopp "Scratching" nennt, habe "aus dem biederen Plattenaufleger eine komplex strukturierte Künstlernatur" gemacht. Mehr noch: "Der DJ stellt den herkömmlichen Künstlerbegriff in Frage." Den Beleg für dieses In- und Miteinander von Avantgarde und Postmoderne bleibt Poschardt vierhundert Seiten schuldig - wohl, weil er nicht nur ein philosophischer Kopf, sondern ebensosehr Enthusiast ist, der selbst als "House-DJ Platten auflegt und sich ganz dem Dancefloor-Underground verpflichtet fühlt".
"Die Welt ist kein Komplize unserer Erkenntnis", meint Poschardt mit Foucault, und diese Erkenntnis hat weitreichende Folgen für den Fortgang des Buches, das Philosophie und Geschichtsschreibung entgegen allen Ankündigungen bedachtsam voneinander zu trennen weiß. Der anfangs noch heftig zwischen Enthusiasmus und Abstraktion schwankende Autor hat jeder der beiden Seelen in seiner Brust den passenden Text geschrieben: Eine dreihundert Seiten starke, faktenreiche Geschichte des DJ-Phänomens und der dadurch geprägten Musikstile einerseits und einen achtzigseitigen, spekulationslustigen Essay andererseits, der die alten Theorien und Aporien der Avantgarde auf den Stand der "DJ-Culture" zu bringen versucht. Eine ähnlich bündige Beschreibung wie die von Malcolm McLaren will ihm allerdings weder hier noch dort gelingen.
Die historische Abteilung beginnt mit den "klassischen" Radio-DJs, deren Aufgabe auf Auswahl und Ansage der gängigen Songs beschränkt war. Künstlernaturen findet man in der Frühzeit des kommerziellen amerikanischen Radios nicht, statt dessen robuste Pioniere, die sich den Werbekunden mindestens ebenso sehr wie der Musik verpflichtet fühlten. Aber auch die wirbt nicht nur für sich selbst. Überzeugend stellt Poschardt das Radio der frühen Jahre als gut geölte Maschinerie zur Befriedigung von Hörerbedürfnissen dar. Der DJ fungiert als eigennütziger Mittler zwischen Plattenindustrie und Radioapparat. Gerade die scheinbar demokratische Form der Hitparade bezeugt seit den dreißiger Jahren die Manipulierbarkeit des Radiopublikums. Die Demokratie aber kann gerade dort, wo sie nur vorgetäuscht ist, auf diktatorische Charismatiker verzichten. Der DJ als Vermittler neuer Musikstile fristet im Radio eine Nischenexistenz.
Die Lossagung vom Radio befreit den Plattenaufleger aus der Hörigkeit. Mit den Clubs und Diskotheken der großen Städte betritt er in den vierziger Jahren einen vermeintlich herrschaftsfreien Raum, um ihn sich sogleich zu unterwerfen. Er ist dabei freilich stets Untertan der Tanzlust seiner Gäste. Doch erst die Diskoszene der siebziger Jahre zeigt den DJ als Autor, der aus alten Platten neue Musik macht. In Gestalt des aus Brooklyn stammenden Tänzers Francis Grosso blendet der Club-DJ erstmals nicht nur von einer Tanzplatte zur nächsten über, sondern reiht die rhythmusbetonten Passagen seiner Plattensammlung möglichst nahtlos aneinander. Seiner Autorschaft ist Grosso im Zwielicht des Nachtlebens kaum gewahr geworden: Nicht das in sich geschlossene Kunstwerk, sondern der hochgestimmte Soundtrack einer durchtanzten New Yorker Nacht waren sein Ziel.
Die erste Reihe der DJ-Culture kämpft sich zu diesem Zeitpunkt längst anderswo voran: Popkultur scheint hauptsächlich durch die Flucht vor dem alles vereinnahmenden Gestus des Pop gekennzeichnet zu sein. Was als Musik und Selbstprojektion einer Minderheit beginnt, endet unweigerlich als buntes Volksvergnügen. Doch ein paar Straßenzüge weiter brütet der Reaktor des Fortschritts bereits die nächste authentische Tanzbewegung aus.
Der Ort, an dem die Revolution der andersfarbigen oder andersliebenden Minderheiten stattfindet, hört in "DJ-Culture" auf den Namen "Underground". Das leuchtet ein, kommen doch die meisten Clubs und Diskotheken ohne Tageslicht aus und sind im allgemeinen schlecht zu belüften. Im Revolutionsverständnis früherer Zeiten hätte es wohl gegolten, diesem Verlies zu entkommen. Doch die Revolution der Minderheiten hat sich im Keller der Gesellschaft gut eingerichtet. Ansonsten läßt "DJ-Culture" kaum einen Wunsch offen. Der abschließende "Versuch einer Theorie" sucht eine Einbettung des Materials in die großen ästhetischen Diskurse der vergangenen hundert Jahre. Und auch diesmal entzieht sich die Welt nicht der Umarmung des Erkenntnissuchenden, sondern schmiegt sich fügsam an. Poschardt wagt eine Fortschreibung des Fortschrittsgedankens als "Kampfauftrag" mit Hegel- und Marx-Anbindung, um dann den Kurzschluß zwischen technischem und künstlerischem Fortschritt herbeizuführen. Weil die aus den Schwarzen-Ghettos stammenden DJs des Hip-Hop und Rap die neuen technischen Mittel entgegen den Gebrauchsanweisungen der Hersteller benutzt hätten, sei ihr Eklektizismus anders als in der Video-und Computerkunst aus der Produktionstechnik hergeleitet. Diese Vorstellung von einem quasi originären Historismus erklärt auch die Verquickung von Postmoderne und Avantgarde, mit der Poschardt eingangs verblüffte. Der DJ kann eben einfach alles besser als jene, die unbelehrbar "der Verstocktheit des alten Autorengeschreibes" anhängen. Er ist in seiner urwüchsigen Selbstreferentialität nicht nur der bessere Avantgardist. Er ist, weil er den aufklärerischen Impetus der Moderne in seinen Zitatenschatz rettete, überdies der bessere Postmodernist.
"Und so hörte man den DJ leise scratchen, als sich fast alle auf das Na-ja-wenn-es-nicht-anders-geht-dann-eben-so geeinigt hatten. Der DJ wußte und weiß nichts von Hegel und Foucault, von Duchamp und Warhol, von Dada und Situationismus, und gerade er tritt zu ihrer aller Ehrenrettung an." Ganz ähnlich ist es um dieses Buch bestellt: Zwar bringt es einiges durcheinander, doch ein ums andere Mal tritt der Enthusiast Ulf zur Ehrenrettung des Theoretikers Poschardt an. Es bleibt freilich der unangenehme Verdacht, der Autor habe in "DJ-Culture" einige Platten gemixt, die partout nicht zusammenpassen wollen. STEFFEN JACOBS
Ulf Poschardt: "DJ-Culture". Rogner und Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg 1995. 425 S., geb., 35,- DM.