Um die Kenntnis bildender Kunst aus Slowenien ist es in Europa immer noch schlecht bestellt. Die Ausnahme heißt Joze Plecnik. Wer die Haupstadt der jungen Republik besucht hat, wird die unverwechselbare Handschrift des Architekten nicht vergessen. Plecniks älterer Kollege Maks Fabiani, auch er ein Schüler Otto Wagners, ist zumindest in Wien, wo er einige elegante Jugendstilbauten errichtete, bis heute ein Begriff. Doch von der slowenischen Malerei unseres Jahrhunderts hat kaum jemand viel Ahnung. Diese Informationslücke zu füllen und Neugier zu wecken, ist der Verlag Nova Revija, das intellektuelle Aushängeschild des Landes, mit einem zweisprachigen Bildband des Kunsthistorikers Milcek Komelj angetreten. Auf einen Essay über die geschichtliche Entwicklung folgen siebenundfünfzig ausführliche Werkinterpretationen.
Längst und zu Recht gelten der Impressionist Ivan Grohar und Rihard Jakopic als Gründungsväter der Moderne in Slowenien. Grohars Gemälde "Der Sämann" (1907) ist sogar, dank der symbolträchtigen Gestik, in den Rang eines identitätsstiftenden nationalen Kulturdenkmals aufgestiegen. Jakopic, nach dem 1969 ein eigener Preis benannt wurde, wandelte sich vom atmosphärischen Stimmungszauberer (später sollte er diese Phase auf den berüchtigten Laibacher Nebel zurückführen) zu einem Farbexpressionisten von barocker Dynamik. Als Wahlverwandten der beiden könnte man den berühmtesten slowenischen Maler der Gegenwart bezeichnen: Zoran Music, 1909 in der Nähe von Görz geboren, wurde 1995 mit einer großen Ausstellung im Pariser Grand Palais geehrt.
Schwerlich läßt sich behaupten, von Slowenien sei irgendeine revolutionäre Kunstströmung ausgegangen. Anregungen von außen wurden produktiv aufgegriffen und modifiziert, wobei immer wieder die enge Beziehung zur jeweils zeitgenössischen Literatur auffällt. Alles scheint in beträchtlicher Qualität vorhanden (gewesen) zu sein: die neue Sachlichkeit der zwanziger Jahre (unsere Abbildung zeigt Veno Pilons 1925 entstandenes Porträt "Die Russin") ebenso wie der Konstruktivismus, traumrealistische Phantastik und Anklänge an raffiniert naive Volkskunst. Besonders eindrucksvoll wirken die Bilder von Marij Pregelj und Gabrijel Stupica mit der Selbstporträt-Collage "Der Kopf" (1964). In Pregeljs "Pietà" spiegeln sich die Schreckenserlebnisse des Künstlers im KZ. Vergleichbare Wirkung erzeugt Janez Berniks kopfloses Totenbild "11. VI. 82" von archetypischer Schlichtheit.
Milcek Komeljs emphatische Deutungen beweisen Sensibilität und Wissen. Manchmal freilich wünscht sich der Leser einen kundigen Begleiter mit etwas weniger ausgeprägtem Hang zum Kosmischen. Ein bißchen Bodenhaftung kann, selbst bei geistigen Aufschwüngen, nie schaden. ULRICH WEINZIERL
Milcek Komelj: "Poteze / Striche". Slowenische Malerei im XX. Jahrhundert. Herausgegeben von Mira Miladinovic Zalaznik. Übersetzt von Nina Blazon. Verlag Nova Revija, Ljubljana 1997. 304 S., zahlr. Abb., geb., 238,- DM.