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Rezension: Sachbuch : Königsberg bei Athen

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Kants Theorie des vollständigen Rechtsfriedens ist das Ergebnis einer konsequenten Freilegung der notwendigen Bedingungen gesicherter Rechtsverhältnisse. Sie beginnt mit dem Naturzustand, der den Charakter eines Rechtsprovisoriums besitzt. Um ihn zu überwinden, ist die Etablierung staatlicher Verhältnisse unerläßlich. Aber auch mit der Gründung eines Systems der öffentlichen Gerechtigkeit ist das Rechtsprovisorium noch nicht abgeschafft. Der Einzelstaat bietet selbst nur provisorisches Recht, da er sich mit anderen seinesgleichen in einem gesetzlosen Zustand befindet. Folglich muß der Verrechtlichungsprozeß auf den zwischenstaatlichen Zustand ausgedehnt werden.

Wie aber muß der globale Rechtsfrieden organisiert werden? Kant hat den Weltstaat zwar als systematisch vorzugswürdige institutionelle Präferenz bezeichnet, aber wegen seiner negativen politischen, rechtlichen und moralischen Nebenwirkungen verworfen. Höffe widmet dieser Frage der angemessenen institutionellen Verfassung der pax Kantiana seine besten Gedanken. Sein Ergebnis, das meines Erachtens Kant zu sehr seinen eigenen Vorstellungen angleicht, lautet: Kant hätte einen subsidiären Kosmopolitismus vertreten. Wenn damit gemeint ist, daß Kant einer selbst rechtlich ungefestigten föderalen Staatenvereinigung das Wort geredet hätte, dann ist nichts dagegen einzuwenden. Wenn es jedoch heißen soll, daß Kant einen institutionell gefestigten, somit auch mit wirksamen Staatlichkeitsstrukturen ausgestatteten Kosmopolitismus vertreten hätte, der als Organisator des globalen Friedens die Leistungen erbringt, die untergeordnete Organisationsebenen nicht erbringen können, dann ist das zwar eine vernünftige Position, jedoch nicht die Kants.

Die sehr lesenswerte abschließende Studie des Bandes liefert eine "kosmopolitische Lektüre" der Kritik der reinen Vernunft. Kants Hauptschrift aus friedensphilosophischer Perspektive zu betrachten ist angesichts der auffälligen juridischen Metaphorik, deren sich die Transzendentalphilosophie bedient, um ihre Friedenstiftung auf dem metaphysischen Kampfplatz zu veranschaulichen, keineswegs abwegig.

Kein Grund zur Panikmache

Zwar erspart die Wiedererkennung der Geschichte von der Entstehung des Staates aus dem Naturzustand und von der Erzeugung des Friedens durch allgemeine Gesetzgebung in der Bildsprache der Kritik der reinen Vernunft keinem sorgfältigen Leser das Eindringen in die berüchtigten Argumentationslabyrinthe ihrer Deduktionen, aber selbst die Bedeutung dieses genuin Kantischen Rechtfertigungstyps erschließt sich ja besser, wenn man weiß, daß Kant den Ausdruck "Deduktion" der Terminologie der Juristen entnommen hat. Dieter Henrich hat vor Jahren darauf hingewiesen und die Vermutung geäußert, daß unser Verständnis der Kantischen Philosophie sich erheblich verbessern wird, wenn wir lernen, die juridische und politische Metaphorik der ersten Kritik bei der Entschlüsselung ihrer systematischen Bedeutung angemessen zu berücksichtigen. Und wie einsichtsmehrend ein Textzugang sein kann, der die literarische Form philosophischer Argumente bei ihrer Analyse nicht ignoriert, sondern als gleichberechtigten Bestandteil der philosophischen Gedankenäußerung betrachtet, hat Manfred Sommers von Blumenbergs Metaphorologie inspirierte Studie über Kants Philosophie gezeigt.

Fassen wir zusammen: Sollte sich die Kenntnis der Gebildeten von Kants Rechts- und Staatsphilosophie wirklich auf dem besorgniserregenden Niveau befinden, von dem Höffe eingangs spricht, dann hat er mit dieser Aufsatzsammlung sicherlich alles Nötige getan, um das zu ändern. Den Band beschließt ein gründliches Personenregister.

WOLFGANG KERSTING

Otfried Höffe: "Königliche Völker". Zu Kants kosmopolitischer Rechts- und Friedenstheorie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001. 281 S., br., 22,90 DM.

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