Als Franz Schulz Mitte der dreißiger Jahre nach Hollywood kam, hatte die Traumfabrik ihren Zenit erreicht. Das System der Arbeitsteilung war so weit entwickelt und verfeinert worden, daß manche Drehbücher von verschiedenen Autoren wie Autos gefertigt wurden. Der erste setzte alle Hebel in Bewegung, um die Geschichte auf Touren zu bringen, ein zweiter bastelte so lange, bis die Gags zündeten, ein dritter feilte an den Dialogen. Doch im Vorspann war nicht für alle Platz. Franz Schulz wurde die Namensnennung oft verweigert.
Als einen Konstrukteur, der sich nur schwer damit abfinden konnte, ein austauschbares Rädchen im Getriebe der Filmindustrie zu sein, beschreibt Ginny G. von Bülow den Drehbuchautor, Stückeschreiber und Romancier in ihrer Monographie. Franz Schulz, 1897 in Prag geboren und 1971 in Ascona gestorben, hatte bereits in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren in Berlin im Filmgeschäft reüssiert. Er war es durchaus gewohnt, wie am Fließband Arbeiten von teilweise höchster Qualität zu produzieren. Als Koautor von "Die drei von der Tankstelle" trug Schulz maßgeblich zu einem der rasantesten Star-Vehikel des deutschen Kinos bei.
Vor seiner Emigration im Spätsommer des Jahres 1933 war er als Autor oder Ideengeber an insgesamt 28 Stumm- und 36 Tonfilmen beteiligt. Doch aus seinen Selbstzeugnissen, die von Bülow klug in ihr Buch einstreut, spricht gerade nicht der Zynismus des Lohnschreibers, sondern leidenschaftliches Engagement für den eigenen Berufsstand: "Nichts ist symptomatischer für die Stellung des Autors, als der Umstand, daß man immer wieder vergißt, ihm die Einladung zu den Premieren seiner Filme zu schicken. Das ist keine boshafte Unterlassung - man vergißt es, im wahrsten Sinne des Wortes", beklagte Schulz bereits 1929.
In Hollywood erhielt Schulz solche Einladungen noch seltener. Auch nachdem er sich in "Spencer" umbenannt hatte, fiel es ihm schwer, sich einen Namen zu machen. Von Bülow beschreibt zwar das System, nach dem in der Traumfabrik festgelegt wurde, welche der an einem Film beteiligten Autoren im Vorspann genannt werden sollten, aber sie kann die interessanten Zweifelsfälle in Schulz'/Spencers Karriere nicht klären. Bei "Midnight" ("Enthüllung um Mitternacht"; 1939) erhielten Billy Wilder und Charles Brackett einen Drehbuch-Credit, nicht aber Spencer, der die Idee beigesteuert und die erste Fassung geschrieben hatte. Von Bülow behauptet, dies sei ungerecht gewesen, unternimmt aber keinen Versuch einer vergleichenden Analyse mit anderen Arbeiten des Autors, um seinen Anteil am fertigen Film zumindest näherungsweise zu bestimmen und ihre Einschätzung zu untermauern.
Die Autorin hält sich sehr zurück, wenn es gilt, dem Stil des Drehbuchautors Schulz nachzuspüren. Es bleibt beim Hinweis auf die "zwanglose Alltäglichkeit in der Behandlung von Dialogen", die oft "handgelenkleicht" seien. Die jahrelange Freundschaft, die Ginny von Bülow mit Schulz verband, führt zu einer bedingungslosen Parteinahme für den Autor (so teilt von Bülow geradezu zwanghaft Seitenhiebe gegen Billy Wilder aus, der in Berlin für Schulz Ghostwriter war und diesen in Hollywood auf der Karriereleiter schnell hinter sich ließ). So liegt die Stärke des Buches weniger in der Analyse des Werkes als in der schillernden Beschreibung eines Lebens, dessen Verlauf mit einer Vielzahl von Materialien wie Tagebuch-Aufzeichnungen, Briefen und Affidavits eindrucksvoll dokumentiert wird. Von Bülow folgt den Spuren eines Mannes, der sich selbst als "Gentleman-Nomade" bezeichnete, bis zu Ibizas Stränden, wo sie allerdings Gefahr läuft, sich in allzu persönlichen Reminiszenzen zu verlieren. Dennoch weckt ihr voller Begeisterung geschriebenes Buch die Neugier des Lesers, nach der Handschrift des Drehbuchautors Franz Schulz zu suchen, auch in jenen Filmen, in denen er nicht im Vorspann erscheint. LARS-OLAV BEIER
Ginny G. von Bülow: "Franz Schulz. Ein Autor zwischen Prag und Hollywood". Eine Biographie. Vitalis Verlag, Prag 1997. 304 S., Abb., geb., 39,80 DM.