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Rezension: Sachbuch : Karl Adams Ruderer ist heute Künstlerin

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Sport zwischen den Geschlechtern

          Heute malt die Künstlerin Simone-Yvonne von Budzyn in Öl, schreibt, fotografiert. Als er noch Wolfgang hieß, habe ich mit ihm gerudert. Unter der Dusche haben wir nach dem harten Training gemeinsam Männerschweiß abgespült. Wolfgang Budzynski war kein schlechter Ruderer - mehr als achtzig Siege vom Einer bis zum Achter sind keine magere Bilanz. Auch wenn ihm der Titel deutscher Meister versagt blieb, übrigens wie seinem Vater und Onkel, dem bekannten Budzynski-Zweier vor dem Krieg, war der 1939 geborene Wolfgang Anfang der sechziger Jahre schnellster Einerruderer auf Berliner Gewässern.

          Seine olympischen Träume versuchte er im Ruder-Mekka Ratzeburg unter dem legendären Ruderprofessor Karl Adam zu verwirklichen. Aber der Konkurrenzkampf um die Rollsitze im Deutschland-Achter war hart. Budzynski ruderte immer im zweiten Boot. Doch er war ein ehrgeiziger, beliebter Trainingspartner, zuverlässiger Freund und Bootskamerad. Jeder hatte Verständnis für seine Enttäuschung, als er nicht einmal als Ersatzmann mit zu den Olympischen Spielen von Tokio 1964 reisen durfte. Schluß mit dem Sport.

          Budzynski heiratete, zog von Hamburg nach München und begann ein neues Leben. Er arbeitete als Drucktechniker. Seine Hobbys, Fotografieren und Malerei, kannten wir schon. Daß er sensibler war, als es Ruderer normalerweise sind, haben wir manchmal irgendwie gespürt. Aber um private Probleme zu diskutieren, war man sich in der Ratzeburger Trainingsgruppe nicht nahe genug. Nach dem Ende der Karriere verlor man sich bald aus den Augen, wie es heute normal ist im Leistungssport.

          Erst 1978 stand unser "Kamerad" wieder im Blickpunkt. "Die Budzynski" war ihres ersten Lebens endgültig überdrüssig. Das Gefühl, in der falschen Haut zu stecken, im falschen Körper zu leiden, verstärkte den Entschluß zum kompromißlosen Leben als Frau, zur Geschlechtsoperation, zur kompletten Umwandlung.

          Schon bald führte Simone-Yvonne von Budzyn, so ihr Künstlername, ein "normales" Leben. Sie arbeitete in ihrem Beruf. Als Malerin hatte sie Ausstellungen ihrer Gemälde. Im Fernsehen wurde sie zu ihren Erfahrungen, zu ihren Problemen mit der Transsexualität befragt. Als Mitgründerin einer Selbsthilfegruppe beriet sie Betroffene.

          Ich traf 1985 beim Meisterschaftsrudern auf der Olympiastrecke in München eine Fotografin, sehr schick und charmant. Sie sagte auf einmal: "Wir kennen uns!" Sie ließ mich eine Weile zappeln und verriet dann ihr "Geheimnis". Wir haben herzlich gelacht, und für mich ist sie seitdem ganz normal Simone.

          Aber ihre Situation ist nicht einfacher geworden. Ihre Erfahrung: Transsexuelle werden von der Gesellschaft immer noch massiv ausgegrenzt. Berufliche Schwierigkeiten, sozialer Abstieg sind programmiert.

          Simone-Yvonne von Budzyn hat sich ihre Probleme von der Seele geschrieben. "Vom Supermann zur super Frau" heißt ihre Autobiographie. Und sie fand sogar einen Verlag für ihr Buch. Von der Tortur ihres Lebens als Mann bis zum Glück als komplette Frau berichtet sie auf 261 Seiten. Manches, was sie über ihre Zeit als Ruderer schreibt, sehe ich anders. Sonst imponiert die Aufarbeitung eines ungewöhnlichen Schicksals. MORITZ V. GRODDECK

          Besprochenes Buch: Simone-Yvonne von Budzyn: "Vom Supermann zur super Frau". Snayder-Verlag, Paderborn, 261 Seiten, 38 Mark.

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