23.09.2002 · Obwohl oder gerade weil sein Wille zur Selbsterklärung in dem Maß zu wachsen scheint, wie die traditionellere Philosophie sich mit seinen Arbeiten zunehmend sachlich auseinandersetzt: Derrida bleibt schwer zu fassen. Die Hingabe, mit der er sich im Verlauf seiner "Lektüren" an die Finessen abgelegener ...
Obwohl oder gerade weil sein Wille zur Selbsterklärung in dem Maß zu wachsen scheint, wie die traditionellere Philosophie sich mit seinen Arbeiten zunehmend sachlich auseinandersetzt: Derrida bleibt schwer zu fassen. Die Hingabe, mit der er sich im Verlauf seiner "Lektüren" an die Finessen abgelegener Texte großer Denker und Freunde verliert, hat immer wieder pädagogische Initiativen auf den Plan gerufen, den Meister durch straffe Gesprächsführung zu einer leserfreundlicheren Portionierung seiner Gedanken zu bewegen. Einer Psychoanalytikerin ist es jetzt gelungen, einen Derrida mit Blut, Fleisch und Zähnen zu präsentieren.
Elisabeth Roudinesco verständigt sich mit dem Philosophen über den gemeinsamen kulturellen Hintergrund (die jüdischen Ursprünge, die französische Sprache, das intellektuelle Milieu der sechziger Jahre in Paris, die Psychoanalyse), vor allem aber darüber, was in wissenschaftlicher, politischer, sozialer Hinsicht von der Zukunft zu erwarten ist. Kunstvoll schichtet der Text stilistische Elemente des Dialogs, des Interviews und einer Historiographie des Derridaschen Werks ineinander.
Die Gesprächsform ist schon Programm. Derrida bekennt, "sich vom Denken des anderen führen und verführen zu lassen" - die Verführbarkeit des Denkens im Gegensatz zu einem Denken, das sich nach dem Vorbild des cartesischen "cogito ergo sum" am eigenen Schopf aus dem Schlamassel der Unvernunft ziehen will, teilt die "Dekonstruktion" mit der Hermeneutik. Denn wer verkörperte die von Gadamer wieder für die Philosophie rehabilitierten "passiven" Tugenden des Auflesens, Auslegens und Abwartens reiner als Derrida? Die gedankliche Verführung findet im Medium der Sprache statt. Für den, der sich verführen läßt, bleibt die Wahrnehmung des anderen Denkens an dessen besonderen Ausdruck gebunden. Dieser Erfahrung haben sowohl Derrida als auch Gadamer in ihrer Philosophie breiten Raum gegeben. Während in der Vergangenheit unter dem Motto "Einheit und Differenz" (des Sinns, des Subjekts, der sprachlich erschlossenen Welt) viel über die Unterschiede zwischen Hermeneutik und Dekonstruktion nachgedacht wurde, scheint sich Derrida im Gespräch mit Roudinesco unbefangener denn je seiner hermeneutischen "Herkunft" zu erinnern, die ihn als Heidegger-Schüler mit Gadamer verbindet.
Doch natürlich gibt es Grenzen der Gemeinsamkeit. Derrida markiert sie mehrfach, aber immer beiläufig, wenn er seinen Blick auf ein Jenseits des hermeneutischen Verstehens richtet. Da man "saftige" Themen wie die Todesstrafe, die neuen Biotechnologien oder Gewalt gegen Tiere verhandelt, fallen die kommunikationstheoretischen Botschaften sozusagen nur als Brotkrumen von der Tafel des Arbeitsessens. Für Derrida gibt es Dinge zwischen Himmel und Erde - er verwendet dafür gerne Heideggers Begriff des "Ereignisses" - deren Eigenart die Metapher einer "Horizontverschmelzung" verfehlt. Vielleicht nicht unerwartet figuriert hier der Tod, den er als "Geist", "Phantom" oder "Wiedergänger", aber auch als "Ereignis ohne Horizont" beschreibt. Das nämliche Bild allerdings, eines völlig Unbekannten, das "von hoch oben auf mich herabfällt", von "hinter meinem Rücken" oder "aus dem Untergrund meiner Vergangenheit" kommt, wählt Derrida für eine Idee, die seit Jahrhunderten die Mühlen der politischen Philosophie und der Metaphysik am Mahlen hält: Seiner "Freiheit", so scheint er hier sagen zu wollen, kann man nicht einmal auf halbem Weg entgegengehen. Man werde von ihr überwältigt.
Damit ist ein weiterer Konflikt programmiert: Ungleich schärfer als mit Gadamer, der selten ausdrücklich genannt wird, geht Derrida in diesem Buch mit Kant ins Gericht. Selbst vom Sockel unter der Büste des Heiligen aller Aufklärer würde wohl kein Stein auf dem anderen stehen bleiben, wenn Derrida sein Vorhaben, die Kantische Philosophie zu dekonstruieren, in die Tat umsetzte. Die Ankündigung einer Dekonstruktion klingt hier geradezu euphemistisch. Wie radikal seine Opposition ist, läßt sich neben dem Freiheitsbegriff, der das Andenken an Kants "Autonomie" nur noch als getreues Negativ aufbewahrt, ebenso an der Kant diametral entgegengesetzten Konzeption von "Verantwortung" ablesen.
Doch Derrida sucht das Gefecht nicht auf dem Feld der großen Abstraktionen. Von einem abgelegenen Nebenschauplatz aus nimmt er das Kantische System ins Visier. In seinen Augen stellt sich Kants Rechtfertigung der Todesstrafe keinesfalls als harmloser, der Zeit geschuldeter Irrtum dar. Die Logik der Vergeltung, die ein Leben für ein anderes fordert, offenbare vielmehr den grausamen Geist der Kantischen Rechts- und Moralphilosophie. Andererseits sei nur durch eine Widerlegung Kants zu erreichen, was Derrida offensichtlich für eines der dringlichsten Probleme unserer Tage hält: die Forderung nach einer Abschaffung der Todesstrafe prinzipiell, "stabil" zu begründen.
Er glaube an die Revolution, gesteht Derrida der Psychoanalytikerin. Was er davon mitteilt, rückt sie in eine metonymische Reihe mit den Begriffen "Freiheit" und "Tod". In einem Anfang des Jahres auf "Arte" ausgestrahlten Film äußert Derrida den Wunsch, angesichts seines Alters alles, was er erlebt hat, genau so, wie er es erlebt hat, noch einmal zu erleben. Die Bewegung des unendlichen Aufschubs, dem die Dekonstruktion ein Denkmal gesetzt hat, geht auch von jenem letzten Augenblick aus, der, wie Derrida sagt, alle glücklichen Erinnerungen vergiften könnte.
BETTINA ENGELS
Jacques Derrida, Elisabeth Roudinesco: "De quoi demain". Dialogue. Fayard/Galilée, Paris 2001. 316 S., br., 20,55 [Euro].