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Rezension: Sachbuch : Handreichungen zur Verbesserung der Welt

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Der lange Weg des guten Gedankens zur Tat: Ein Handbuch informiert über die Wurzeln sozialer Ideen von Karl Marx bis Karl Barth

          "Ick versteh von Marxismus nischt. . . Wat brauch ick Marxismus oder wat die andern sagen, die Russen... Wat ick nötig habe, kann ick mir jeden Tag an die Finger abzählen. Ick wer doch verstehen, wenn mir einer den Buckel vollhaut, wat det bedeutet. Oder wenn ick heute drin bin in meine Bude, und morgen fliege ick raus, keene Aufträge da, der Meister bleibt, der Chef natürlich auch, bloß ick muß raus uff die Straße und muß stempeln. . . Und dazu braucht keen Mensch heutzutage Karl Marx. Aber Fritze, aber, aber: wahr ist es doch." So läßt Alfred Döblin einen Tischler in "Berlin Alexanderplatz" über die sozialen Verhältnisse in der Weimarer Republik sinnieren.

          Heute, in einer Zeit, in der der (Neo-)Liberalismus auf dem Vormarsch ist, sich selbst die PDS vorsichtig vom Marxismus löst, geht ein Handbuch diesem "aber, aber: wahr ist es doch" auf den Grund. Das Werk ist nicht eingeengt auf den Marxismus, sondern fahndet mit weitem Blick nach den Ideen von Solidarität und Gerechtigkeit seit dem neunzehnten Jahrhundert.

          Beginnen wir mit dem Quantitativen. Der Leser bekommt in einem Band vier Bücher geliefert, und dies zum Preis von dreien. Das läßt sich sehen. Noch dazu, wenn man bedenkt, daß der Schriftgrad so klein gewählt ist, daß aus dem Handbuch über die "Geschichte der sozialen Ideen in Deutschland" auch fünf Bücher hätten werden können. Verglichen mit der auf weit über hundert Bände angelegten neuen Marx-Engels-MEGA-Ausgabe, den auf elf Bänden angewachsenen "Sämtlichen Werken und Briefen" von Wilhelm Emmanuel von Ketteler oder der zehn Bände umfassenden Werkausgabe von Johann Hinrich Wichern, ist das von Helga Grebing herausgegebene Handbuch dagegen geradezu überschaubar.

          Gleichzeitig zeigen diese Zahlen die ungeheure komprimierende Leistung, die hinter Grebings Projekt steht: Es ist der über weite Strecken gelungene Versuch, durch das weitverzweigte Netz an Theorien und Ideen über das gesellschaftliche und soziale Miteinander der modernen Gesellschaften einen Routenplan zu legen. Dabei konzentriert man sich vor allem auf die Hauptstraßen, ist aber offen für den einen oder anderen Neben- und Seitenweg und macht auf die zahlreichen Sackgassen aufmerksam.

          Vier große Themenkomplexe sind in dem Band vereinigt. Walter Euchner erkundet die Ideengeschichte des Sozialismus in Deutschland bis zur Weimarer Republik. Helga Grebing nimmt diesen Faden auf und spinnt ihn fort bis zur Gegenwart. Das Autorenduo Franz Josef Stegmann und Peter Langhorst stellt die sozialen Ideen im deutschen Katholizismus vor; Traugott Jähnichen und Norbert Friedrich unternehmen das gleiche für den deutschen Protestantismus. Die vier Teile sind annähernd gleichmäßig gewichtet, unterscheiden sich aber in ihrer Darstellungsform deutlicher, als es die Herausgeberin im Vorwort wahrhaben will. Zwar ist es zentrales Anliegen der Autoren, die Ideengeber selbst ausführlich entweder in Zitaten oder zusammenfassenden Paraphrasen zu Wort kommen zu lassen, aber die Vorgehensweise ist nicht einheitlich. Walter Euchners Teil ist stark personenzentriert um die Hauptfiguren des Kommunismus und Sozialismus angelegt und handelt die Hauptwerke von Marx, Engels oder Lassalle weitgehend geschlossen ab. Dagegen sind die Teile über die beiden christlichen Kirchen stärker strukturell ausgelegt. Die Meinungen von Ketteler finden sich nicht in einem geschlossenen "Block" referiert, sondern man muß sich seine Ansichten in den jeweiligen thematischen Kapiteln "zusammensuchen".

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