19.05.2002 · Siegfried Gohr widmet dem Malerdandy Markus Lüpertz einen Prachtband. Die "angemessene Wahrnehmung seines Werks", Siegfried Gohr spricht es gleich eingangs an, sei durch das Erscheinungsbild der Person "eher verdeckt als beflügelt" worden. "Wiederholt" schon wollte es diesem Autor scheinen, daß dies bei Markus Lüpertz "regelmäßig" so sei.
Siegfried Gohr widmet dem Malerdandy Markus Lüpertz einen Prachtband. Die "angemessene Wahrnehmung seines Werks", Siegfried Gohr spricht es gleich eingangs an, sei durch das Erscheinungsbild der Person "eher verdeckt als beflügelt" worden. "Wiederholt" schon wollte es diesem Autor scheinen, daß dies bei Markus Lüpertz "regelmäßig" so sei. Man könnte es auch weniger geschraubt sagen: Um die Wirkung von Markus Lüpertz könnte es besser bestellt sein. Kein Wunder bei einem Künstler, der in aller Öffentlichkeit seine Malerkollegen aus dem 19. Jahrhundert um ihre "eigenen Gleisanschlüsse" beneidet und sich nur schwer mit dem gesellschaftlichen Renommee anfreunden kann, das Rennfahrer und Tennisspieler in der heutigen Freizeitgesellschaft genießen.
In der Tat hat der Düsseldorfer Akademierektor schon immer erfolgreich die Aufmerksamkeit auf die eigene Person gelenkt, nur will sein malerisches Werk durch seine Allüren nicht interessanter werden. Sein öffentliches Auftreten und die Versuche, sich als Meister und Genie zu inszenieren, wiederum als genuinen Teil des Werks verstehen zu wollen ist abwegig. Ebenso wie Gohrs Versuch, das Profil des Düsseldorfer Dandys gegen die Viten von Beuys, Warhol und Picasso abzuheben. Und eine grassierende Unsitte besteht heute darin, aktuelle Künstler kurzerhand zu legitimen Erben Baudelaires und Manets zu erklären und mit dem Signum der "Modernität" zu adeln.
All dies beflügelt ein tieferes Verständnis des malerischen OEuvres Lüpertz' nicht. Und wenn Gohr befürchtet, daß "mehr und mehr" auf die "ernsthafte Rezeption" des Lüpertzschen OEuvres verzichtet würde, so spricht die schier überquellende Literaturliste in seinem opulenten Buch über den Malerlöwen eine ganz andere Sprache. Dessen einzelnen Etappen folgt Gohr jetzt noch einmal mit ausgewählten Werkanalysen, wobei er einem "überholten kunsthistorischen Beschreibungsgestus" entkommen und statt dessen eine "reflektierte Einfühlung" erproben will.
Entstanden ist so einer jener reichbebilderten Prachtbände, von denen man eine kundige Einführung erwarten kann, weniger aber kritische Auseinandersetzung oder auch jene Ekstase und Begeisterung des "Dithyrambos", dem der frühe Lüpertz in seinen ungewöhnlichen Bildtiteln huldigte: dem antiken Gesang zu Ehren des Dionysos. Gemessenheit und Gediegenheit führen hier das Wort. Blättert man sich durch dieses Werk seit den frühen, informellen "Donald Duck"-Bildern von 1964 bis zu jüngsten Landschaften, so erhellt die Monographie eindrücklich, daß es durchaus Momente in diesem Werk gibt, die den ganzen Kult um Genie und Meisterschaft vergessen lassen - in denen man sich allein der Malerei überlassen kann. Das betrifft namentlich das frühere Werk. Unerschrocken greift Lüpertz riskante Gegenstände auf, die er fernab von höherer Moral malerisch auskostet: Stahlhelme und Uniformen, Spaten und Brustpanzer. Mit dem Akkord von Schwarz-Rot-Gold rührt der junge Maler an Tabus und spielt mit den Sujets: Lüpertz hatte die Stahlhelme nach eigenen Worten gemalt, "um aufzufallen, um ins Gespräch zu kommen und Aufmerksamkeit zu erregen". So hat es Armin Zweite in seinem umfangreichen Essay aus dem Jahr 1996 protokolliert, erschienen anläßlich der voluminösen Retrospektive in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen.
Malerische Verdichtung erlebt Lüpertz' Werk in den Siebzigern, zumal mit den Abstraktionen der "Stil"-Werke, die nachhaltig auf jüngere Künstler wie den Österreicher Kurt Kocherscheidt gewirkt haben dürften. Sie sprühen vor Temperament, sind von inbrünstiger Kraft beseelt und noch unbelastet von den kunsthistorischen Dialogen mit Poussin, Corot, vor allem aber Picasso, dem Lüpertz fortan huldigt. Im Grunde braucht die heutige Malerei auch einmal den Mut zum beherzten Anachronismus. Und auch eine "Malerei über Malerei" kann ihr Impulse verleihen, wie die Positionen von David Reed, Jonathan Lasker oder Peter Halley eindrucksvoll demonstrieren. Worauf sie indessen verzichten kann, ist die Attitüde eines "Dienstes an der Malerei".
Auf den Auktionsmärkten haben zuletzt vor allem Werke aus den siebziger und achtziger Jahren stattliche Preise erzielt. So verkaufte Christie's in New York im vorigen Jahr den dreiteiligen "Zyklop" (1973) für 226 000 Dollar (der damit allerdings unter der Taxe blieb). Auch für Lüpertz' Bronzen, die zuletzt durch eine Kontroverse um eine Skulptur für Augsburg, vor allem aber durch den Einzug der "Philosophin" ins Bundeskanzleramt in den Blickpunkt gerieten, sind beachtliche Preise gezahlt worden: Zwei Arbeiten unter dem Titel "Standbein-Spielbein" von 1982 veräußerten Christie's vor drei Jahren für 203 000 Dollar und Sotheby's bereits 1993 für 203 000 Dollar. Einstiegspreise für Auflagenwerke auf Papier liegen im dreistelligen, für Zeichnungen im unteren vierstelligen Bereich.
Siegfried Gohr, "Markus Lüpertz", DuMont Verlag, Köln, 2002. 320 S., 239 Farb-Abb., geb., 68 Euro.