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Rezension: Sachbuch : George Spencer-Brown und der feine Unterschied

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Spencer-Brown entdeckte, daß man an dieser Stelle nur weiterkommt, wenn man sich den Rechenmodus selbstbezüglicher Widersprüchlichkeit genauer anschaut. Ich bin, was ich nicht bin, hatte die Philosophie von Fichte bis Sartre skandiert und damit nicht nur sich selbst reproduziert, sondern offensichtlich auch etwas Wahres über das Subjekt formuliert. Aber Sätze dieser Art wurden als Metaphysik und Rhetorik denunziert. Mit Hilfe des Spencer-Brownschen Kalküls lassen sie sich genauer untersuchen. Sein Einsatz stellt unsere gewohnte Identitätslogik auf den Kopf, indem nicht von Identitätsbezeichnungen, sondern von Unterscheidungen ausgegangen wird. Etwas kann nur sein, was es ist, indem es sich von allem unterscheidet, was es nicht ist. Diese Unterscheidung ist jedoch keine Zusatzleistung, die im nachhinein beschreibt, was schon da ist, sondern die Voraussetzung dafür, daß überhaupt etwas ist (und nicht vielmehr nichts).

Rechnen, so Spencer-Brown, ist Umgehen mit Unterscheidungen. Auch Addition und Subtraktion, Multiplikation und Division und nicht zuletzt die grandiose Erfindung des Gleichheitszeichens setzen Unterscheidungen voraus. Das Gleichheitszeichen setzt gleich, was zunächst einmal ganz offenkundig unterschieden ist. Mathematik und Logik, die sich spätestens seit Frege als abstrakte Wissenschaften der Operation verstehen, haben es daher vor allem anderen mit Unterscheidungen zu tun.

Unterscheidungen sind jedoch nur dann Operationen, das heißt können nur dann an vorherige Operationen anschließen und sind nur dann Anknüpfungspunkte für weitere Operationen, wenn sie asymmetrisch gebaut sind. Sie dürfen nicht in unschlüssiger Zweiseitigkeit verharren, sondern müssen eine Seite vorziehen. Diese vorgezogene Seite wird zur Innenseite, zur bezeichneten Seite der Unterscheidung. Hier können weitere Operationen anschließen.

Die "Gesetze der Form" ergeben sich nun daraus, daß es nur drei Möglichkeiten gibt, mit Unterscheidungen umzugehen. Man kann die Bezeichnung wiederholen und damit die Unterscheidung akzeptieren. Man kann die Bezeichnung ablehnen und auf die nichtbezeichnete Seite der Unterscheidung wechseln, wo man dann allerdings mit leeren Händen, das heißt ohne operative Anschlüsse, dasteht. Und man kann die Unterscheidung in den Bereich des Bezeichneten wiedereinführen und dort auf ihre "Form" hin beobachten.

Wenn man die Unterscheidung wiedereinführt, kann man sehen, daß eine Unterscheidung zwei Seiten hat, eine bezeichnete und eine unbezeichnete, und daß zwischen diesen beiden Seiten eine Trennungslinie verläuft. Man entdeckt, daß man es mit einseitigen Bezeichnungen mit Hilfe zweiseitiger Unterscheidungen auf der Grundlage einer dreiwertigen Form zu tun hat. Die Form macht auf einen dritten Wert aufmerksam, der in allen bisherigen Unterscheidungstheorien nie die ihm gebührende Rolle gespielt hatte. Worin besteht dieser dritte Wert, wenn es sich bei ihm weder um die Bezeichnung noch um den Rest der Welt handelt? Dieser dritte Wert, so Spencer-Brown, ist der Beobachter, der die Unterscheidung trifft, um die es geht, und der hinfort aus den Berechnungen, die es zu berechnen gilt, nicht mehr wegzudenken ist.

Die Wissenschaft dieses Jahrhunderts hat sich darauf spezialisiert, den Beobachter aus seinem Versteck zu ziehen. Spencer-Brown hat für dieses Unterfangen den Kalkül geschrieben. Ganz nebenbei hat er einen Formbegriff vorgeschlagen, der erstmals von seinen traditionellen Gegenbegriffen wie Materie, Substanz oder Inhalt befreit ist. Diese Form enthält alles, was sie braucht, selbst. Denn sie schließt sogar ein, was sie ausschließt. Aber das kann man nur sehen, wenn man sie beobachtet. Dazu muß man sie bezeichnen und dafür eine Unterscheidung verwenden, die ausschließt, was sie ausschließt.

George Spencer-Brown: "Laws of Form. Gesetze der Form". Aus dem Englischen von Thomas Wolf. Bohmeier Verlag, Lübeck 1997. 200 S., Abb., br., 80,- DM.

Laws of Form

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.10.1997, Nr. 238 / Seite L38

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