12.10.1999 · Eine Jahrhundertverdrahtung: Walter Kempowski setzt das "Echolot" fort/Von Jörg Magenau
Am 12. Februar 1945 zittert, wegen "starken Ärgers am Vortag", die Hand des Führers. Sein Leibarzt, Dr. Theodor Morell, lässt Adolf Hitler auf dessen eigenen Wunsch um 13.05 Uhr zur Ader. Am 13. Februar um 13.35 Uhr verabreicht er ihm Traubenzucker und Betabion forte und notiert in sein Tagebuch: "Führer ist etwas eigenartig zu mir, kurz und in verärgerter Stimmung." Die Eintragungen des Arztes sind so etwas wie ein täglich wiederkehrender Orgelpunkt im großen Chor der Geschichte, dessen Stimmen Walter Kempowski aufgenommen und zu einer "Fuga furiosa" arrangiert hat. So heißt die zweite, gewaltige Lieferung seines "Echolot" im Untertitel. Es ist eine Chronik des Entsetzens und der Zerstörung, ein kollektives Tagebuch aus der Zeit, in der der Krieg, den die Deutschen der Welt aufgezwungen hatten, in aller Härte auf sie selbst zurückschlug.
Das erste Echolot, 1993 in vier Bänden erschienen, dokumentierte das Geschehen vom 1. Januar bis zum 28. Februar 1943. Nun rekonstruiert Kempowski die Wochen vom Beginn der letzten, entscheidenden Großoffensive der Roten Armee am 12. Januar 1945 bis zur Bombardierung und Zerstörung Dresdens in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar. Der Beobachtungszeitraum hat sich also von zwei auf etwas mehr als einen Monat verkürzt. Der Umfang der Collage aus Briefen, Tagebüchern, Erinnerungen und unterschiedlichsten Dokumenten ist trotzdem weiter angeschwollen: 3200 Seiten Material über 33 Tage. Doch jeder Augenblick der Geschichte ist in seiner Vielfalt tendenziell unendlich.
Über den Anfang seiner historischen Sammelwut gab Kempowski im Vorwort des ersten Echolot Auskunft. Da erzählte er vom "Summen" im Gefängnishof in Bautzen an einem Winterband des Jahres 1950. Kempowski war dort wegen Spionage inhaftiert. Was er hörte, war das Durcheinander der Stimmen der Gefangenen, "ein babylonischer Chorus", seit Jahren ausgesendet, "ohne dass ihn jemand wahrgenommen oder entschlüsselt hätte". Diese Stimmen, schrieb Kempowski, "können wir nicht zurückholen, sie sind verweht, und die Toten behalten ihre letzte Erfahrung für sich, aber ihre überall deponierten Mitteilungen können wir aufnehmen und entschlüsseln, darauf dürfen wir nicht verzichten." Die Hinterlassenschaften einzusammeln ist seine Art des Totengedenkens. Es ist auch ein Aufbegehren des Chronisten gegen den Tod selbst, der die natürliche Grenze alles Dokumentierbaren darstellt. Im "Echolot" ist das Schweigen der Toten inmitten der Stimmen der Überlebenden, der Gerade-noch-Lebenden und Bald-schon-Toten deutlich vernehmbar.
Kempowskis Schriftstellerleben ist ein konsequentes Aufnehmen und Rekonstruieren dessen, was verloren oder in Trümmer ging. Das war zunächst die eigene Familie und die Heimatstadt Rostock, die er literarisch wieder aufleben ließ. Doch schon in der neunbändigen "Deutschen Chronik", an der er zwanzig Jahre arbeitete, nimmt das dokumentarische Material eine wichtige Stellung ein. Neben Romanen wie "Tadellöser & Wolff" oder "Uns geht's ja noch gold" gehören zu dieser groß angelegten Geschichte der eigenen Familie als deutscher Sozialgeschichte auch Interviewbände wie "Haben Sie Hitler gesehen?" und "Haben Sie davon gewußt?" - dies mit der erklärten Absicht, das eigene Schicksal durch die Ergänzung kollektiver Erinnerungen "gebührend zu relativieren". In diesem Verfahren weist die "Deutsche Chronik" bereits auf das "Echolot" voraus, und auch das ist nur eine Vorstufe des gigantischen "Ortslinien"-Projektes, für das Kempowski jeden Tag des Jahrhunderts dokumentarisch umfangreich erfassen will. Die beiden Echolot-Ausgaben wären dann so etwas wie die Elektrizitäts-Masten, von denen aus der Rest des Jahrhunderts großflächig verdrahtet wird.
Ein Echolot ist ein nautisches Tiefenmessgerät. Bei Kempowski wird es zum Instrument historischer Tiefenforschung, zum Senkblei im kollektiven Bewusstsein. Besitzen wir mit Victor Klemperers Tagebüchern von 1933 bis 1945 einen biographischen Querschnitt durch die Epoche des Nationalsozialismus aus der Perspektive eines Opfers, so nimmt Kempowski vertikale Probebohrungen vor und versucht, die Epoche aus dem konzentrierten Augenblick und dem unkommentierten Nebeneinander möglichst vieler und vielfältiger Stimmen zu ergründen. Fasziniert an den Klemperer-Tagebüchern die Dauer und die Unerschütterlichkeit des Chronisten, so am "Echolot" das Prinzip der Gleichzeitigkeit. Kempowski will Geschichte thematisieren: ihre Disparatheit, Unergründlichkeit für die, die in ihr gefangen sind und die Relativität der individuellen Erfahrung, die sich daraus ergibt.
Ein nicht unbeträchtlicher Reiz beim Lesen entsteht durch die Diskrepanz des Wissens. Weil Kempowski jeder Quelle die Lebensdaten des jeweiligen Autors voranstellt, wissen wir zum Beispiel, dass der Soldat, der voller Hoffnung an seine Geliebte schreibt und Pläne für die Zukunft nach dem Krieg schmiedet, schon bald tot sein wird. Dieses Prinzip, Geschichte aus der Mitte des Geschehens, gleichsam "live" zu erfassen, stößt allerdings dann an eine Grenze, wenn Kempowski auf spätere Erinnerungen zurückgreift - wie etwa die von Leni Riefenstahl. Durch das Nebeneinander von Berichten und Erinnerungen entstehen Risse in der angestrebten Konstruktion der Gleichzeitigkeit, ein Gefälle, das durchaus störend wirkt. Denn wenn die Historie selbst zur Hauptakteurin wird, dann ist nicht nur der berichtete Zeitpunkt entscheidend, sondern auch der Moment des Berichtens und der Standort des Berichterstatters.
So sehr Kempowski sich auch auf jeden Tag konzentriert, so versäumt er doch nicht, ihn auf zweifache Weise im Geschichtsfluss zu verankern: Vor jedem neuen Tag ist die Anzahl der Tage festgehalten, die ihn von Kriegsanfang und Kriegsende trennen. Dieser zeitliche Entfernungsmesser, den es im ersten Echolot noch nicht gab, erinnert an die Vor- und Rücklauftaste eines Recorders: Die Zeit wird operationabel gemacht. Zudem stellt Kempowski vor jeden Tag drei kleine Zitate: einen tröstenden Bibelspruch, einen fanatischen Fahnenspruch und eine Notiz vom selben Tag eines anderen Jahres. Mit dieser Technik öffnet Kempowski seinen Zeit-Raum, schafft zu den schrecklichen Erlebnissen des Krieges einen historischen Untergrund und so etwas wie eine Möglichkeit zur Distanz. Die Gefahr ist groß, als Leser im Strudel der Zeitzeugenschaften unterzugehen.
Täter und Opfer, Prominente und Unbekannte kommen im Echolot gleichrangig zu Wort. Der Tagebuchschreiber Joseph Goebbels ist ebenso dabei wie Ernst Jünger, der am 12. Januar 1945 notiert: "Ernstel ist tot, gefallen, mein gutes Kind, schon seit dem 29. November des vorigen Jahres tot! Gestern, am 11. Januar 1945, abends kurz nach sieben Uhr, kam die Nachricht."Thomas Mann meldet sich aus Pacific Palisades zu Wort. Gauleiter Paul Giesel gibt in München letzte Durchhalteappelle und fordert zu loderndem Hass auf die "wilden bolschewistischen Tiere aus dem Osten" auf, während der sowjetische Marschall Iwan Tschernjakowskij seine Soldaten dazu aufruft, das Land der Faschisten zur Wüste zu machen, so "wie unser Land, das sie verwüstet haben". Für die fünfzehnjährige Hildegard Gabriel und die zwölfjährige Herta Strunk aus Treudorf in Ostpreußen beginnt an diesem Tag der lange Flüchtlingstreck in den Westen.
Der Untergang Dresdens ist das furiose Finale des Echolot. Kempowski ist hier auf der Höhe seiner Kunst als Kapellmeister der Geschichte. Da hält er die Zeit vor dem Untergang an, ein fast friedlicher, sonniger Nachmittag. Es gibt Kaffee und Kuchen, es ist Fasching, die Kinder sind auf der Straße. Am Abend spielt der Zirkus Sarrasani an der Elbe, bis Voralarm gegeben wird und das Publikum unter den Scherzen der Clowns die Keller des Zirkusgebäudes aufsucht. Die örtliche Luftschutzleitung ruft die Volksgenossen dazu auf, Sand und Wasser bereitzuhalten.
Als Schreibender ist der Autor im Echolot nicht anwesend, als Arrangeur wird er dagegen überall sichtbar. Im Inferno des Untergangs sprengt Kempowski dann sogar die starre Datumsgrenze als Ordnungsprinzip auf und fasst zwei Tage in einem Kapitel zusammen. Zeit lässt sich hier nicht mehr in metrischen Maßen messen. So wie den Menschen in ihren glühenden Kellern fünfzehn Minuten als Ewigkeit erschienen, so baut Kempowski den Bombenhagel in schier endlosen Wiederholungen ähnlicher Berichte nach. Die Zeit verflüssigt sich und verglüht.
Im Herbst 1997 hatte der Schriftsteller W. G. Sebald in Zürich Vorlesungen über "Luftkrieg und Literatur" gehalten und dabei beklagt, "dass die in den letzten Kriegsjahren von Millionen gemachte Erfahrung einer nationalen Erniedrigung sondergleichen nie wirklich in Worte gefasst und an die später Geborenen weitergegeben worden ist." Es musste wohl nur einer wie Kempowski kommen, um das vorhandene reichhaltige Material einzusammeln. Es galt, den bornierten Blick auf "die Literatur" zu erweitern und um all die Dokumente des Alltags zu bereichern, die er aufgespürt hat.
Auch die Tagebücher Victor Klemperers hat Kempowski ausgewertet. Dabei zeigt sich, wie die individuelle Stimme sich verändert, wenn sie zur Chorstimme wird. Klemperer erscheint nicht nur als schlechterer Zeuge, der mehr mit sich selbst als mit seiner Umwelt beschäftigt ist. Während er durch den Dresdner Feuersturm wankt, denkt er darüber nach, ob er sich jetzt auch genügend Sorgen um seine Frau mache und muss dann schließlich zugeben: "Ich sah gar nichts." Zugleich ist sein Schicksal als Jude, das bei der Lektüre seiner Tagebücher so erschütterte, nun nur ein winziger Partikel des Zeitgeschehens. Die Erschütterung verlagert sich auf eine andere - kollektive - Ebene, auf der jedes Einzelschicksal relativiert und aufgehoben wird. Das Individuum erscheint in seiner ganzen Ameisenhaftigkeit, die Vergeblichkeit seiner Bemühungen wird offenbar. Und doch ist jede Stimme kostbar, denn sie ist ein Teil der Geschichte.
Ein Ringen um Ordnung im Chaos wird im Echolot spürbar, in dem sich auch ein Bedürfnis nach Sinn und Trost offenbart. Die Fuge, die Kempowski als Gattungsbezeichnung wählte, ist eine der strengsten kompositorischen Formbestrebungen, geht es doch darum, polyphone Stimmen so auseinander zu entwickeln und als Themenblöcke anzuordnen, dass sie zusammenklingen. Die gebräuchlichen Techniken der Spiegelung, Permutation, Augmentierung oder Kontrapunktsetzung kommen bei Kempowski zum Einsatz.
Der Bezug zur Musik erinnert an Peter Weiss, der sein Dokumentardrama über den Auschwitzprozess, "Die Ermittlung", als "Oratorium" bezeichnete. Weiss griff allerdings direkt in die Sprache ein und rhythmisierte sie, um zu einer chorischen Sprechweise zu gelangen. Kempowski lässt seine Quellen unverändert und gibt sich lediglich in der Anordnung des Materials zueinander zu erkennen. Der Autor als Archivar und Arrangeur macht sich die Wirklichkeit zu eigen und geht selbst in ihr auf: "Zum Schluß, als ich den großen Chor beisammen hatte und das Ganze auf mich wirken ließ, stand ich plötzlich unter ihnen, und es überwog, das, was wir mit dem Wort ,Liebe' nur unzulänglich bezeichnen können", schrieb Kempowski im Vorwort zum ersten Echolot. Es ist eine zutiefst christliche Grundhaltung, die daraus spricht, eine große Gelassenheit und souveräne Milde, die sich aus den Turbulenzen der Geschichte erhebt: "Den Guten, die immer auch ein wenig böse sind, und den Bösen, die auch von einer Mutter geboren wurden, habe ich zugehört."
Im zweiten Echolot hat Kempowski auch auf das Vorwort als letzter direkter Autor-Äußerung verzichtet und stattdessen Mörikes Gedicht "Um Mitternacht" vorangestellt. Es könnte nicht besser gewählt sein, liest es sich doch wie eine Programmatik des "Echolot" und eine Charakteristik des kempowskischen Schaffens: "Gelassen stieg die Nacht ans Land, / Lehnt träumend an der Berge Wand, / Ihr Auge sieht die goldne Waage nun / Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn . . . Doch immer behalten die Quellen das Wort, / Es singen die Wasser im Schlafe noch fort / Vom Tage, / Vom heute gewesenen Tage."
Walter Kempowski: "Das Echolot. Fuga Furiosa. Ein kollektives Tagebuch. 12. Januar bis 14. Februar 1945". Knaus Verlag, München 1999. 4 Bde., 3200 S., geb., Subskr.-Preis bis 30. April 298,- DM, danach 348,- DM.