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Rezension: Sachbuch : Es muß umgekrempelt sein

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Ein altes Berufsklischee verbietet Ethnologen das Fotografieren. Angeblich fürchten die Eingeborenen um den Verlust ihrer Seele - also um den unsichtbaren Gegenstand all jener Geistergeschichten, welche die Forscher in ihren Feldtagebüchern für die Ewigkeit retten wollen. Ganz ähnlich verfügte einst Brecht, ...

          Ein altes Berufsklischee verbietet Ethnologen das Fotografieren. Angeblich fürchten die Eingeborenen um den Verlust ihrer Seele - also um den unsichtbaren Gegenstand all jener Geistergeschichten, welche die Forscher in ihren Feldtagebüchern für die Ewigkeit retten wollen. Ganz ähnlich verfügte einst Brecht, ein Foto der Kruppwerke oder der AEG sage nichts über diese Einrichtungen aus: Den Geist des Kapitalismus, welcher die Fabriken beseelt, kann man nicht knipsen.

          Nun sind auch die Fotos eines Maßnahmenkatalogs, eines Tätigkeitsplans oder eines Rechenschaftsberichts keine sprechenden Bilder. Auf einem Holztisch liegen Blätter mit Tabellen, mit bloßem Auge kaum entzifferbar. Selbst wenn der Leser zur Lupe greift, fügen sich die mit Geschäftsvokabeln und Kommazahlen gefüllten Kästchen nicht zu den Grundbausteinen einer Erzählung. Und auch Mobiltelefone, Füller und Taschenrechner am Bildrand machen die abgelichteten Dokumente nicht zum Schauplatz einer Handlung.

          Dennoch sind die Fotografien, welche der Ethnologe Richard Rottenburg in seinen epistemologischen Thriller über die Entwicklungshilfe aufnahm, mehr als lediglich Realspuren aus einem Feld der Unglaublichkeiten. Gerade die Schwarzweißbilder nichtssagender Listen, die doch nach Hintergrund und Geschichte geradezu schreien, bannen das ungreifbare Ziel von Rottenburgs Expedition wie Kultgegenstände. Denn daß immer nur die Aktenlage und niemals die Faktenlage auf den Schreibtisch unseres Wissens paßt, eben davon handelt diese außergewöhnliche Arbeit.

          Rottenburg, als Feldforscher viele Jahre in Afrika und um die Wendezeit auch in ostdeutschen Betrieben unterwegs, erkundete für seine "Parabel der Entwicklungshilfe" die Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit - ein Wagnis für eine Disziplin, die seit ihren Ursprüngen an den Lippen von Erzählern festhängt. Denn eine Entwicklungsbank bringt lediglich die ungenießbare Prosa der Projektanträge hervor, und die Blackbox formaler Organisation ist alles andere als ein Nähkästchen.

          Doch anstatt verstummt aus dem Felde der Institutionskürzel zurückzukehren, das der Ethnologe mit seinem Diktiergerät wie mit einer Wünschelrute durchforschte, verwandelt Rottenburg die Sprache der Systeme in Poesie. Schon die Einführung der Phantasieländer Normland und Ruritanien und die Verschleierung der Namen weist alle Beteiligten als Gefangene ihrer Fiktionswelten aus. Selbst der normesische Ethnologe Dortleff, den Rottenburg als Statthalter des Autors in die Parabel einbaut, gerät so zur Figur im unübersichtlichen Gesellschaftsspiel "Entwicklungshilfe" - und aus diesem Spiel gibt es für keinen Mitspieler ein Entkommen. Denn in der Entwicklungszusammenarbeit, so Rottenburgs These, zeigt der Zeitpfeil des Fortschritts geradewegs in einen unendlichen Regreß.

          Nur wenige Bücher halten die atemberaubende Logik des Teufelskreises aus. Luhmanns Schriften dürfen wohl deshalb als große Gesellschaftsromane gelten, weil alle Zirkelschlüsse des Eigensinns darin nebeneinander Raum finden. Auch Rottenburg, dessen Gewährsleute den Leser in die bizarre Binnenwelt ihrer Durchführbarkeitsstudien und Folgeanträge entführen, ruft ein Luhmannsches Staunen hervor. Mit Faszination lauscht man den Tonfällen der Funktionssysteme, wo Banken grünes Licht bekommen, Ministerien mit den Zähnen knirschen oder Wasserbauingenieure Kröten schlucken. Das Einlassen auf die Horizonte der Kreditgeber, Unternehmensberater oder Computerspezialisten zieht aber keineswegs den billigen Vorwurf der Betriebsblindheit nach sich - vielmehr füllt fast jeder Sprecher, den der Erzähler auftreten läßt, seine Rolle mit hoher Intelligenz und oft sogar mit Selbstironie aus.

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