http://www.faz.net/-gqz-6qp7i
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 03.12.2002, 12:00 Uhr

Rezension: Sachbuch Es muß umgekrempelt sein

Ein altes Berufsklischee verbietet Ethnologen das Fotografieren. Angeblich fürchten die Eingeborenen um den Verlust ihrer Seele - also um den unsichtbaren Gegenstand all jener Geistergeschichten, welche die Forscher in ihren Feldtagebüchern für die Ewigkeit retten wollen. Ganz ähnlich verfügte einst Brecht, ...

Ein altes Berufsklischee verbietet Ethnologen das Fotografieren. Angeblich fürchten die Eingeborenen um den Verlust ihrer Seele - also um den unsichtbaren Gegenstand all jener Geistergeschichten, welche die Forscher in ihren Feldtagebüchern für die Ewigkeit retten wollen. Ganz ähnlich verfügte einst Brecht, ein Foto der Kruppwerke oder der AEG sage nichts über diese Einrichtungen aus: Den Geist des Kapitalismus, welcher die Fabriken beseelt, kann man nicht knipsen.

Nun sind auch die Fotos eines Maßnahmenkatalogs, eines Tätigkeitsplans oder eines Rechenschaftsberichts keine sprechenden Bilder. Auf einem Holztisch liegen Blätter mit Tabellen, mit bloßem Auge kaum entzifferbar. Selbst wenn der Leser zur Lupe greift, fügen sich die mit Geschäftsvokabeln und Kommazahlen gefüllten Kästchen nicht zu den Grundbausteinen einer Erzählung. Und auch Mobiltelefone, Füller und Taschenrechner am Bildrand machen die abgelichteten Dokumente nicht zum Schauplatz einer Handlung.

Dennoch sind die Fotografien, welche der Ethnologe Richard Rottenburg in seinen epistemologischen Thriller über die Entwicklungshilfe aufnahm, mehr als lediglich Realspuren aus einem Feld der Unglaublichkeiten. Gerade die Schwarzweißbilder nichtssagender Listen, die doch nach Hintergrund und Geschichte geradezu schreien, bannen das ungreifbare Ziel von Rottenburgs Expedition wie Kultgegenstände. Denn daß immer nur die Aktenlage und niemals die Faktenlage auf den Schreibtisch unseres Wissens paßt, eben davon handelt diese außergewöhnliche Arbeit.

Rottenburg, als Feldforscher viele Jahre in Afrika und um die Wendezeit auch in ostdeutschen Betrieben unterwegs, erkundete für seine "Parabel der Entwicklungshilfe" die Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit - ein Wagnis für eine Disziplin, die seit ihren Ursprüngen an den Lippen von Erzählern festhängt. Denn eine Entwicklungsbank bringt lediglich die ungenießbare Prosa der Projektanträge hervor, und die Blackbox formaler Organisation ist alles andere als ein Nähkästchen.

Doch anstatt verstummt aus dem Felde der Institutionskürzel zurückzukehren, das der Ethnologe mit seinem Diktiergerät wie mit einer Wünschelrute durchforschte, verwandelt Rottenburg die Sprache der Systeme in Poesie. Schon die Einführung der Phantasieländer Normland und Ruritanien und die Verschleierung der Namen weist alle Beteiligten als Gefangene ihrer Fiktionswelten aus. Selbst der normesische Ethnologe Dortleff, den Rottenburg als Statthalter des Autors in die Parabel einbaut, gerät so zur Figur im unübersichtlichen Gesellschaftsspiel "Entwicklungshilfe" - und aus diesem Spiel gibt es für keinen Mitspieler ein Entkommen. Denn in der Entwicklungszusammenarbeit, so Rottenburgs These, zeigt der Zeitpfeil des Fortschritts geradewegs in einen unendlichen Regreß.

Nur wenige Bücher halten die atemberaubende Logik des Teufelskreises aus. Luhmanns Schriften dürfen wohl deshalb als große Gesellschaftsromane gelten, weil alle Zirkelschlüsse des Eigensinns darin nebeneinander Raum finden. Auch Rottenburg, dessen Gewährsleute den Leser in die bizarre Binnenwelt ihrer Durchführbarkeitsstudien und Folgeanträge entführen, ruft ein Luhmannsches Staunen hervor. Mit Faszination lauscht man den Tonfällen der Funktionssysteme, wo Banken grünes Licht bekommen, Ministerien mit den Zähnen knirschen oder Wasserbauingenieure Kröten schlucken. Das Einlassen auf die Horizonte der Kreditgeber, Unternehmensberater oder Computerspezialisten zieht aber keineswegs den billigen Vorwurf der Betriebsblindheit nach sich - vielmehr füllt fast jeder Sprecher, den der Erzähler auftreten läßt, seine Rolle mit hoher Intelligenz und oft sogar mit Selbstironie aus.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Supermarktfusion Gabriel fordert Korrekturen in Edeka-Entscheidung

Der Streit zwischen dem Wirtschaftsminister und dem Oberlandesgericht wegen der Sondererlaubnis für die Fusion von Edeka und Kaiser’s Tengelmann geht in eine neue Runde. Mehr

30.07.2016, 14:34 Uhr | Wirtschaft
Schwedische Hauptstadt Inselhopping zu Stockholms Attraktionen

Möbeldesign, Kunst, ein königliches Schloss oder das fast 400 Jahre alte Kriegsschiff Vasa – auf seinen vielen Schäreninseln beheimatet Stockholm verschiedenste Attraktionen. Besonders reizvoll ist das Sightseeing mit dem Boot. Mehr

25.07.2016, 15:49 Uhr | Reise
Kilimandscharo Stephan Siegrist stellt Weltrekord im Highlining auf

Ein Mann, eine Leine, 5700 Meter über dem Meeresspiegel: Der Berner Alpinist Stephan Siegrist hat auf dem Kilimandscharo den Weltrekord im Highlining aufgestellt. Es ist nicht sein erster Balanceakt. Mehr Von Bernd Steinle

29.07.2016, 11:45 Uhr | Gesellschaft
Waffengewalt Tote nach Schießerei in amerikanischem Nachtclub

In Fort Myers im Bundesstaat Florida sind mehrere Menschen durch Schüsse getötet oder verletzt worden. Sie hielten sich nachts vor und in einem Club bei einer Party für junge Menschen auf. Mehr

25.07.2016, 17:26 Uhr | Gesellschaft
Flüchtlinge in Kalabrien Italiens neue Knechte

In Kalabrien sind die Menschen gut zu den Flüchtlingen. Wenn da nur nicht die Mafia wäre. Mehr Von Jörg Bremer, San Ferdinando

28.07.2016, 07:22 Uhr | Politik
Glosse

Bilderverbot

Von Kolja Reichert

Einige Medien zeigen keine Bilder mehr von Attentätern, um ihnen keine Macht zu geben. Aber gerade damit verleihen sie den Fotos einen gewissen Nimbus. Mehr 4 6