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Rezension: Sachbuch : Er macht die leere Luft beengend

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Lauter webende Kräfte: Hugo von Hofmannsthal und Stefan George

          "Freundschaft zwischen Männern kann nicht den Inhalt des Lebens bilden, aber sie ist, glaube ich, das reinste und stärkste, was das Leben enthält; für mich ist sie neben meinem mir eingeborenen Beruf wohl das einzige, was ich mir aus meinem Dasein nicht wegdenken könnte, und ich glaube, ich hätte sie gesucht, in welchem Stande immer ich zufällig geboren wäre." Mehr noch als für ihn selbst trifft dieses Bekenntnis Hofmannsthals auf seinen Zeitgenossen Stefan George zu. Während Hofmannsthals Gefühle für Männer Spielraum ließen für Frauenfreundschaften und Ehe, war George auf Männer fixiert. Es waren fordernde und exklusive Beziehungen. Der männerbündische Kader mußte dem "Meister" ungeteilte Loyalität entgegenbringen und wurde dafür auf unterschiedliche Weise belohnt. Hofmannsthal verabscheute "auffälliges" Verhalten und zog den zuweilen grell inszenierten Ritualen Georges das sanfte Licht der Freundschaft mit fließenden Geschlechterkonturen vor. Das Zauberwort "Diskretion" schlug - über erahnten Abgründen - die Brücke zum comme il faut der Gesellschaft.

          Mit scheuer Zurückhaltung äußerte sich Hofmannsthal über Privates, doch seine Texte sprechen von Travestie und Verwirrung der Geschlechter, von ungleichen Paaren und komplexen Verflechtungen, von Eros und Melancholie. Hofmannsthal liebte das Theater, George verachtete es als Anbiederung an die Masse und theatralisierte statt dessen den esoterischen Raum seines Kreises.

          Daß zwei einander zugleich so nahe und so ferne Lebenskonzepte, wenn sie miteinander in Berührung kommen, ein magnetisches Spannungsfeld aus Anziehung und Abstoßung erzeugen, erscheint unvermeidlich. Der amerikanische Literaturwissenschaftler Jens Rieckmann hat in einer monographischen Studie den Versuch unternommen, das prekäre Verhältnis der beiden Männer zu ergründen, nachdem es, sieht man von Adornos eigenwillig-scharfsinniger Analyse ihres Briefwechsels ab, jahrzehntelang von den Anhängern beider Dichter gemieden worden war. Als sich die noch wenig bekannten, aber gleichermaßen ambitionierten jungen Künstler zum ersten Male persönlich begegneten, war Hofmannsthal siebzehn und George dreiundzwanzig Jahre alt. Der Verfasser der "Hymnen", die 1890 in einer Kleinstauflage von hundert Exemplaren erschienen waren, hatte sich in Paris bei den französischen Symbolisten um Mallarmé Impulse und Bestätigung für sein Schreibprogramm geholt. Zwei Jahre später, 1891, reiste er, die "Hymnen" im Gepäck, nach Wien. Er wollte Hofmannsthal als Bundesgenossen für die Erneuerung der deutschsprachigen Literatur im Geiste des Symbolismus gewinnen. Der Verführungsgestus, der an dieses Unternehmen einer "grossen geistigen allianz" gekoppelt war, erschreckte den Gymnasiasten zutiefst. Dennoch bezeugen seine Gedichte und Tagebuchaufzeichnungen aus diesen Tagen die ambivalente Faszination, welche von Georges schillernder Gestalt ausging. "Du hast mich an Dinge gemahnet / Die heimlich in mir sind", bedichtete Hofmannsthal den Gast "vom anderen Ufer". George war entzückt, gleichwohl ließ ihn der zugewiesene Status eines "Passanten" unbefriedigt: "bleibe ich für Sie nichts mehr als ,einer der vorübergeht'?" fragte er, Hofmannsthals Gedichttitel aufgreifend, zurück. In dem nur wenig später seinem Tagebuch anvertrauten Gedicht "Der Prophet" ist Hofmannsthals Ton frei schwebender Sinnlichkeit in eine Sprache der Angst umgeschlagen: "Von seinen Worten den unscheinbar leisen / Geht eine Herrschaft aus und ein Verführen / Er macht die leere Luft beengend kreisen / Und er kann tödten, ohne zu berühren."

          Die Wiener Begegnung eskalierte: Hofmannsthal wehrte Georges Werben derart brüsk ab, daß dieser sich in die Ultima ratio einer Duellforderung flüchtete, was wiederum Hofmannsthal senior zur Intervention zwang. Nach diplomatischen Entschuldigungen des Sohnes und Georges Versprechen an den Vater, alle Avancen künftig zu unterlassen, reiste ein gekränkter George nach Paris weiter, wo die "wahren Künstler" weilten. In der Zusammenarbeit an den "Blättern für die Kunst" fanden die ungleichen "Zwillingsbrüder" - so George einst in den "Tagen schöner Begeisterung" - immerhin für eine Weile wieder zusammen. Die Wunden, die die erste schamvolle "Episode" bei beiden Männern hinterlassen hatte, blieben. Sie überdauerten den bis zum Jahre 1906 aufgeschobenen endgültigen Abbruch der Beziehung, "schmerz eines nie verwundenen abschieds" für den einen, Konsequenz eines "unvollziehbaren persönlichen Verhältnisses" für den anderen. Rieckmann zeigt, und dies ist das Verdienst seiner akribisch aus den Quellen recherchierten Arbeit, welche tiefen Spuren diese unerhörte Begebenheit bei beiden hinterließ.

          Hofmannsthal selbst erkannte, wie sehr sein Werk und das Georges auf eine Weise vernetzt blieben, die man heute "intertextuell" nennen würde: "Der Einfluß war sicher groß - aber nicht was die nach Beeinflussung suchenden Literaturhistoriker unter Einfluß verstehen -, sondern jenes Communicieren webender Kräfte, das eben den Geist einer Zeit ausmacht." Die Energie, welche die Begegnung freisetzte, schlägt sich in den unmittelbar anschließenden Gedichten Hofmannsthals wie in seinem Dramenfragment "Der Tod des Tizian" nieder; sie wirkt aber noch Jahrzehnte weiter bis in die Entwürfe zu einer seiner großen auratischen Figuren, dem Malteserritter im "Andreas"-Fragment. Rieckmann hätte jenes "Communicieren webender Kräfte" nutzen können, um das hartnäckige Klischee von Hofmannsthals frühem Ästhetizismus im Fahrwasser Georges nicht seinerseits festzuschreiben. Seine Argumente um den Kernbegriff der Ambivalenz sind zwar frei von psychologischem Jargon, reichen aber nicht hin, um in den Texten selbst die Ambivalenz aufzuzeigen, die sich aus Hofmannsthals von allem Anfang erkennbarer Skepsis gegenüber sprachlichen Handlungen als potentiellen Bemächtigungsstrategien ergab.

          Die Person Georges vereinte für Hofmannsthal jene zentralen Kräfte - Männerfreundschaft und Dichterberuf -, die er sich aus seinem Dasein "nicht wegdenken" mochte. Leibhaftig präsent durfte der "Zwillingsbruder" darin nicht sein. In der Rolle eines geheimen Dialogpartners besaß er gleichwohl eine eminent literarische Funktion - lebenslang. URSULA RENNER

          Jens Rieckmann: "Hugo von Hofmannsthal und Stefan George. Signifikanz einer ,Episode' aus der Jahrhundertwende". Francke Verlag, Tübingen 1997. 202 S., geb., 58,- DM.

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