20.07.2002 · Stellen Sie sich eine Geschichte vor, die sich zweihundertmillionenmal verkauft, deren Verfilmung zu einem der größten Kassenschlager der Kinogeschichte wird, bei deren Autorin die Werbekunden Schlange stehen, während die Verleger und Produzenten die Kompromißlosigkeit der Dame in Sachen ihrer eigenen ...
Stellen Sie sich eine Geschichte vor, die sich zweihundertmillionenmal verkauft, deren Verfilmung zu einem der größten Kassenschlager der Kinogeschichte wird, bei deren Autorin die Werbekunden Schlange stehen, während die Verleger und Produzenten die Kompromißlosigkeit der Dame in Sachen ihrer eigenen Schöpfung respektieren, ach, sagen wir besser: fürchten, und zu der noch drei weitere Fortsetzungen anstehen, die (Krönung des Ganzen) schon geschrieben sind - was könnte man über dieses Phänomen noch sagen, was nicht längst schon geschrieben, gesendet oder ausgeplaudert worden wäre? Vielleicht das: "Die häuslichen Gewohnheiten der Briten, ihre Speise- und Benimmregeln, die Eigenarten ihres Schulwesens und ihrer Ministerien, die Gepflogenheiten der Klatschpresse, die Arroganz der alten Familien und die noch immer heruntergelassenen Klassenschranken - wer dafür ein Gefühl gewinnen will, wird keine bessere Quelle finden als Harry Potter."
Donnerwetter, was ein Paukenschlag. Über "Harry Potter" ist viel, vielleicht mittlerweile gar zuviel gesagt worden. Und da kommt ein deutscher Literaturwissenschaftler daher, der den Zyklus um den jungen Zauberer zu nicht weniger erklärt als zu einer großen Allegorie auf das moderne Britannien. Der darüber seinerseits ein ganzes Buch schreibt und diesem den hochtrabenden Titel gibt: "Warum Nabokov Harry Potter gemocht hätte". Und der dafür nicht nur gute Gründe angeben kann, sondern in dieser kleinen großen Analyse einer Zaubergeschichte eine Hommage an deren Gegenstand erschafft, die just jene Prinzipien, die er zu den Stärken von "Harry Potter" erklärt, für ein anderes literarisches Genre nutzbar macht: für die Exegese. Für seine eigene Exegese. Jene aus der Feder von Michael Maar.
Maar - das muß vorausgeschickt werden - ist kein Zauberlehrling, der bei "Harry Potter" in die Lehre gegangen wäre, sondern ein Hexenmeister sui generis. Und auf den ersten Blick ein Verräter an der Magierzunft. Joanne K. Rowling, die Verfasserin von "Harry Potter", muß sich fürwahr hüten vor diesem Interpreten, denn er benennt nicht nur die Stärken ihrer bislang vier Bücher, er seziert diese Werke, legt deren Skelett bloß und nimmt ihnen damit den schönen Schein der glitzernden Oberfläche, jenes Zauberzaubers, den jeder Leser verspürt, der sich in die Welt des magischen Internats Hogwarts entführen läßt. Doch es ist tatsächlich wie verhext: Soviel Maar auch vordergründig entzaubert, so sehr entsteht ein neuer Bann. Wir sehen in seinem Buch einem Illusionisten bei der Arbeit zu, der vorgibt, alle Tricks aufzuklären, und doch immer nur wieder neue Verblüffung schafft. Maar ist Harry Potter ebenbürtig. Er zaubert und bezaubert.
Wie macht er das? Wenn man es wüßte, wäre es keine Zauberei mehr. Man kann nur andeuten. Wie Maar etwa die literarischen Strategien von "Harry Potter" beschreibt und sie unmerklich in die eigene Erörterung einfließen läßt. Wie er die Begebenheiten des Buchs zu Leitmetaphern seiner Analyse verwandelt. Wie er seiner Begeisterung für die Perfektion von "Harry Potter" freien Lauf läßt und im Sog dieser Faszination seine Thesen an den Leser bringt. Wer über profunde Kenntnisse der vorliegenden vier Bände verfügt, der kann über die Genauigkeit und die Originalität der Maarschen Beobachtungen nur staunen (der Rezensent jedenfalls tut dies), wer noch nicht das Vergnügen einer Bekanntschaft mit Joanne K. Rowlings Büchern gemacht hat, der wird durch Maar begierig gemacht werden, Versäumtes nachzuholen (der Rezensent jedenfalls vermutet dies). Diese doppelte Entflammung - von Initiierten und Ahnungslosen gleichermaßen - ist eine große Meisterschaft, vielleicht die größte, deren sich die Literaturwissenschaft rühmen kann.
Daß Maar sie beherrscht, darüber bestand schon zuvor kein Zweifel. Der Zweiundvierzigjährige zählt zu den wenigen Germanisten, die ein größeres anspruchsvolles Publikum gefunden haben. Doch von Thomas Mann, Proust und Nabokov - um nur die besten Autoren zu nennen, zu denen Maar Profundes geschrieben hat - zu Joanne K. Rowling ist scheinbar ein gewagter Schritt. Das weiß auch Maar. Deshalb wird er nicht müde, Frau Rowling auf das Niveau seiner Gewährsleute heraufzuschreiben. Es sind aber die am wenigsten überzeugenden Passagen seines Buches, wo die junge britische Schriftstellerin von Maar zu einer neuen Jane Austen ausgerufen wird.
Hat Joanne K. Rowling Vergleiche überhaupt nötig? Neun Zehntel von Maars Text verneinen die Frage. Denn sie feiern in Frau Rowling eine Romancière, die Baudelaires Diktum einlöst: Il faut être absolument moderne. Joanne K. Rowling hat nicht nur Großbritannien in Gedanken gefaßt, sondern der Erfolg von "Harry Potter" weit über den angelsächsischen Raum hinaus beweist, daß sie wie vor ihr wohl noch niemand den großen, allzu großen Begriff von "Weltliteratur" mit Leben füllt - nicht im Goetheschen Sinne, sondern pragmatisch: als erste globalisierte Autorin. Und das ist nicht pejorativ gemeint. Maar weist vielmehr nach, daß "Harry Potter" eine Art Summa des Romans darstellt. Er nimmt dem Zyklus das Odium der Kinderliteratur, ohne eine Leserselektion durchzuführen. Er nimmt die Bücher ernst.
Und er beschenkt Joanne K. Rowling mit der geistreichsten Prosa, die ihm zu Gebote steht. Seine Studie ist eine Fundgrube für den Stilisten, deren kleine Ausrutscher nur zu genau belegen, wie traumwandlerisch sich der Autor sonst auf dem äußerst schmalen Grat der Originalität zu bewegen weiß. Zwei Lapsus nur auf hundertachtzig Seiten hochkonzentrierter, gleichwohl stets flüssiger Sprache: einmal die bemühte Tautologie "Sein Gezeter schreit zum Himmel", dann der banale Vulgarismus "Wir fressen einen Nimbus 2000", der sich des Namens eines bekannten Hexenbesens aus "Harry Potter" bedient, um sein müdes Wortspiel zu treiben. Ansonsten aber reine Eleganz und funkelnder Witz.
Was fehlt? Vielleicht eine ausgiebigere Würdigung der Charaktere. Über die Bewunderung von Handlung und Sprache vernachlässigt Maar die Figuren. Man kann es ihm nachsehen, denn hier liegt die einzige Schwäche von Joanne K. Rowling, weil sie ihr Personal zu offensichtlich nach festen Schemata anlegt. Nicht, daß Maar dies nicht erkannt hätte. Als Genießer aber schweigt er, wo winzige Mängel zu benennen wären, die dem Interpreten eher den Ruf eines Erbsenzählers als den eines kritischen Lesers eingebracht hätten. Da paßt es, daß inhaltliche Einwände von Maar bevorzugt als Parenthesen in seinen Text eingerückt werden, nicht selten mitten in die schönsten Huldigungen.
Wir aber haben - die Stillosigkeit sei nachgesehen - einen ganzen Absatz reserviert für Einwände gegen Maar. So gegen sein uneingeschränktes Lob der Voraussicht, die Joanne K. Rowling während der Abfassung ihrer auf sieben Bände angelegten Erzählung walten gelassen habe, die aber stark relativiert wird, wenn wir lesen, daß die Autorin ihre Bücher noch einmal überarbeitet, bevor sie erscheinen. Auch ist erstaunlich, daß Maar wichtige Motivketten außer acht läßt, so etwa die Konkurrenz zwischen den vier Häusern von Hogwarts oder die womöglich unbewußte Häufung von irischen Klischees bei Harry Potters Pflegefamilie Dursley. Und schließlich noch eine Winzigkeit, die nur deshalb der Erwähnung für wert erachtet wird, weil Maar gleich zweimal seiner Begeisterung dafür Ausdruck verleiht, wie subtil Frau Rowling die wachsende Bosheit der Dursleys durch deren im Verlauf der Bände immer weiter im Wert schrumpfende Weihnachtsgeschenke an Harry verdeutlicht habe: zunächst ein Fünfzig-Pence-Stück, dann einen Zahnstocher, schließlich ein Papiertaschentuch. Maar unterschätzt diese Gaben. Wer sie gering achtet, der möge sich nur einmal an Situationen erinnern, als er sie entbehren mußte.
Doch das sind Petitessen gegen die Grandeur des Buchs. Es will gelesen sein, besonders ehe der fünfte Band "Harry Potter" erscheint, denn Maar wagt sich auch an Prognosen über den Fortgang der Handlung, die hier nicht verraten werden sollen. Eines aber sei noch enthüllt: In der Danksagung, im letzten Satz des ganzen Buches, erstattet Maar einem speziellen Mitstreiter seine Reverenz: Nikolaus Heidelbach. Wir kennen ihn als den besten deutschen Illustrator von Kinderbüchern. Dürfen wir hoffen, daß die seinem Werk so verwandte Welt von "Harry Potter" einmal Gegenstand seiner Zeichenfeder werden wird? Dann hätte Maar fürwahr gezaubert.
Michael Maar: "Warum Nabokov Harry Potter gemocht hätte". Berlin Verlag, Berlin 2002. 187 S., geb., 14,- [Euro].