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Rezension: Sachbuch : Ein Türspalt ins Leben

  • Aktualisiert am

George Steiners Autobiographie · Von Thomas Wirtz

          Das Bücherleben des George Steiner "Sorge um die Erinnerung": Wer seine Lebensarbeit an der Kunst unter dieses Motto gestellt hat, muß irgendwann in eigener Sache das Erinnern auf sich nehmen. Und wer zurückblickt, schielt auf die Nachwelt. Er empfiehlt sich dem Angedenken der Überlebenden und gibt sich die Form, in der er bewahrt sein will. Das Lesen einer solchen Autobiographie ist eine kleine Auferstehung unter Freunden. George Steiner ist mit "Errata" an den Geburtsort der Hermeneutik zurückgekehrt, dort, wo das Nachleben vor dem Tode beginnt.

          Daß George Steiner 1929 in Paris geboren wurde, erfährt man nur aus dem Klappentext. Die Erwähnung seiner Frau Zara und zweier Kinder ist ein Ereignis für Nebensätze. Auch die Schulzeit auf einem französischen Lyceum im Manhattan der vierziger Jahre oder das Studium in Chicago tauchen fast entschuldigend aus dem Text auf, als wollten sie die Belästigung mit ihrer Privatheit gering halten. Körper ziehen sich in die Belanglosigkeit zurück, Orte verlieren Geruch und Licht, Zeit verschwindet aus dem Leben. All die Perlen von Karrieresprüngen und familiären Enttäuschungen, von großer Weltgeschichte und kleiner Dorfepisode, die ansonsten in Biographien zur Lebenskette gereiht werden, bleiben in "Errata" ungehoben. Der George Steiner dieses Buches ist über viele Seiten ein Mann ohne kontinuierliches Leben. Statt dessen ist seine Autobiographie ein Resumee dessen, was er selbst im Leben geschrieben hat.

          So begegnet man in klugen Verdichtungen all dem noch einmal, was Steiner schon immer gesagt hat. Babel bekommt sein wiederholtes Richtfest, weil es die eine unerträglich gerechte Sprache Gottes in die unendlich vielen der Menschen zersplittert und ihnen die Freiheit zum Irrtum erbaut hat. Die Musik singt ihren Refrain von einer geahnten Transzendenz, die durch keine Sprache eingeholt und zum Verstummen gebracht werden kann. Das Kopfschütteln geht weiter über den Fortschritt von Technik und Barbarei im zwanzigsten Jahrhundert.. Auch die Moderne trifft der erneute Vorwurf, den Vertrag zwischen Sprache und Welt gebrochen, unsere reale Gegenwart aufs Spiel der unbedeutenden Zeichen gesetzt zu haben. Alles überwölbt das große Thema der Anthropodizee: Wie kann die Kunst den Menschen vor den Weltübeln und sich selbst rechtfertigen? Es ist der Auftritt von Dante, Plato, Bach und Homer, die der Menschheit Heil versprechen.

          Mancher mag diese Themen und Bücher wie das Wiedersehen alter Bekannter begrüßen, gerade weil sie sich in der Zwischenzeit nicht verändert haben. Und mancher wird sich mit gleicher Regelmäßigkeit des Spottes erinnern, den das Duo Botho Strauß und George Steiner 1990 mit seinem Widerstand gegen die Dekonstruktion auf sich zog. Tatsächlich wäre auch die Enttäuschung über "Errata" leicht zu haben. Denn hier predigt jemand Bildung, die er mit seinen Büchern selbst nicht vermittelt. Man lernt nichts über den Kanon, den Steiner mit eiserner Hand verwaltet. Die großen Namen sind Zitate, denen keine Bildungserzählung Leben schenkt. Sie werden auf die Bühne der Polemik geschoben, sollen dort seriös auftreten und verschwinden dann bis zum nächsten Mal in der Requisite. Bei Steiner ist das Stück "Hamlet" nicht lebendiger als der Geist, der in ihm auftritt. Dafür ermüdet der anhaltend hohe Ton des Erstaunens. Ernest Sirluck hat eine frühe Arbeit des Studenten Steiner "pompös" genannt und damit dessen Kritikern das Stichwort geliefert. Eine solch kostümiert Vornehmheit ist immer in Gefahr, über die eigene Schleppe zu stolpern. Wenn Steiner uns mit mystischer Rückendeckung versichern will, "daß ,da ein Da da ist ", wird mancher nur noch Dada sehen.

          Warum also "Errata" dennoch lesen?

          Tirol, Mitte der dreißiger Jahre. Die Ferienwochen sind verregnet, und die Propagandamaschine der Nationalsozialisten zieht in Österreich ein. Zur Ablenkung schenkt man dem kleinen George ein Wappenbuch, an dem er die "Macht des Staunens" lernen wird. Er verliert sich in die bunte Welt der Rhomben und Diagonalstriche, die mit unendlichem Reichtum abwechseln und an den eigenen Kombinationen niemals genug haben. Jedes Wappen ist einzigartig, und jedes verweist auf Kirche oder Schloß. Kein Buch, so träumt der kleine Leser, wäre groß genug, alle Wappen dieser Welt in sich zu sammeln, kein Mensch so ausdauernd, dieses unmögliche Buch zu lesen. Hätte man ein solches Buch, so die "Offenbarung" am Wolfgangsee, dann wäre das Paradies wiedergewonnen.

          Eine solche erste Geschichte, mit der "Errata" eröffnet, gehört zum Gattungsprogramm der klassischen Autobiographie. Im frühesten Leseeindruck erinnert das Ich den Polarstern, der seinem Leben Orientierung gegeben hat. Auch der theorieunwillige Steiner will auf diesen ersten, sein Leben leitenden Schock nicht verzichten. Zu deutlich wird die Episode mit Begriffen belastet, die dem Buch sein Gewicht geben sollen: Individualität, Ahnung des Unendlichen, intuitive Erkenntnis. Doch das Wappen als "Herold einer unbeherrschbaren Seinstatsache" ist ein erpreßter Zeuge, es redet Steiners Sinn-Wünschen allzu ungeschickt nach dem Munde. Denn die farbigen Felder und klaren Striche sind willkürliche Zeichen, denen erst der Seher Notwendigkeit zuspricht. Auch ein Saussure hätte an den winzigen Verschiebungen innerhalb dieser geschlossenen Wappenwelt seine Freude gehabt. Das Staunen des kleinen George gilt in Wahrheit der eigenen Weltschöpfung, dem Tanz der Geometrie auf dem Papier, den er selbst in Bewegung gesetzt hat. Er dirigiert den Zauberstab, von dem er sich berührt glaubt.

          Für wenige Seiten ist "Errata" das Buch einer ausgefallenen Kindheit. Verschwunden bleibt die Mutter, deren strahlendes Sprachkauderwelsch nur einmal durch einen Türspalt ins Buch hineinscheint. Wo der Sohn aber die väterliche Liebe zur Hochkultur und seinen Homer auswendig lernen muß, stellt der Kanon ein Kinderleben unter die bleierne Zeit. Jede Lektüre ist fortan eine Prüfung, die man nicht bestehen kann, ein Ringen mit der Übergröße des Textes, dessen Sinnfülle in Demut einübt. Immer neue Rätsel warten in den Klassikern auf Erlösung, immer wieder beißt man vergeblich auf die harten Nüsse des Sinns. Dieses Gefühl der Unterlegenheit, das George vor der ledernen Bücherwand seines Vaters befällt, hat der Literaturwissenschaftlicher Steiner später in eine Auszeichnung umgeschrieben. Der Kanon bleibt eine Niederlage, die ehrt. "Am nächsten bin ich ihm gekommen, wenn ich scheiterte." Steiner spricht hier von der realen Abwesenheit des Verstehens, die seine Lektüre auf Wanderschaft hält. Noch sein Plädoyer für die Diaspora der Juden, die in einem bewaffneten Nationalstaat ihre Bestimmung verfehlten, ist dieser negativen Hermeneutik verpflichtet. In diesem Exil ist Steiner zuhause. Hier ist sein Leiden an den Texten ein ausgezeichnetes.

          Für die "Künste des Gewöhnlichen" ist ein solch verzichtendes Leben verloren. Jenseits der Bibliothek beginnt der unerforschte Alltag. George Steiner hat sich selbst zum Kanon gemacht und auf eine Lebensgeschichte verzichtet. So erklärt sich der kärgliche Umgang mit Namen und Orten, so auch die Körperlosigkeit, die Alter und Statur vergessen hat. Nur wer keine Zeit hinter sich hat, darf auf die Ewigkeit hoffen. Doch gibt es die eine Geschichte von der Einweihung ins Fleisch, und Steiner hat sie nicht unterdrückt. Es geschah in Cicero, Illinois, vor dem Caesar Salad, und auch diese klassische Latinität machte aus dem Bordell keinen Tugendtempel. Doch das Unvermeidliche wird nicht mit Ekel hinter sich gebracht, sondern nach einem halben Jahrhundert in seiner "unwahrscheinlichen Sanftheit" erinnert, als "Umsorgen unter äußerlich so haarsträubenden Umständen". Für dieses Knacken in den Scharnieren des Geist-Panzers ist man mit Steiner über eine lange Wegstrecke wieder ausgesöhnt.

          Am Ende warten zwei überraschende Kapitel auf den Leser. Sie überraschen, weil Steiner mit der Interesselosigkeit der Kunst ernst macht, seine Gebetsmühle der beklagten Moderne aus der Hand legt. Das eine gedenkt der Freunde in warmherzigen Porträts, von Gerschom Scholem bis Alexis Philonenko alles Büchermenschen. Das Groteske dieser Bibliothekseinwohner: ihre Kindheit im Straßenverkehr und alttestamentarische Strenge gegen den Kollegen, kann so nur einer schildern, der es an sich selbst versteht. Das andere Kapitel zeichnet die Stille oder Stimme von Orten, an denen es keine Bücher gibt. Die jüdischen Juweliere in Manhattans 47th street oder der Lautfrieden in der Comte-Franché finden einen souveränen Erzähler, der von seinem eigenen George-Steiner-Sound wie befreit scheint. In diesen Augenblicken weiß auch der Selberlebensbeschreiber, daß solchem Glück nicht einmal Errata - weder Irrtümer noch Druckfehler - etwas anhaben können.

          George Steiner: "Errata". Bilanz eines Lebens. Aus dem Englischen übersetzt von Martin Pfeiffer. Carl Hanser Verlag, München und Wien 1999. 222 S., geb., 36,- DM.

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