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Rezension: Sachbuch : Ein Editionsskandal

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Anfang 1918 verliebt sich Franz Rosenzweig leidenschaftlich in Margrit Huessy, die Frau seines Freundes Eugen Rosenstock. Die verheiratete Christin erwidert die Liebe des einunddreißigjährigen jüdischen Intellektuellen mit höchster emotionaler Intensität. Nahezu täglich schreiben sie einander, bisweilen mehrfach am Tag.

          Anfang 1918 verliebt sich Franz Rosenzweig leidenschaftlich in Margrit Huessy, die Frau seines Freundes Eugen Rosenstock. Die verheiratete Christin erwidert die Liebe des einunddreißigjährigen jüdischen Intellektuellen mit höchster emotionaler Intensität. Nahezu täglich schreiben sie einander, bisweilen mehrfach am Tag. "Gritlis" Briefe wurden nach Franz' frühem Tod im Dezember 1929 von dessen Ehefrau Edith vernichtet. Seine Gegenbriefe blieben jedoch erhalten. Der Titel der anzuzeigenden Edition suggeriert, man könne sie endlich alle lesen. Dies ist nicht der Fall, denn die von dem Tübinger Judaisten Reinhold Mayer und seiner Mitarbeiterin Inken Rühle verantwortete Edition bietet nur eine Auswahl. Viele Dokumente sind durch diffuse Auslassungen verfälscht worden. Leider ist von einem Editionsskandal zu berichten.

          Welche Texte lassen uns die Herausgeber lesen? Der erste Brief stammt vom 12. Januar 1917, der letzte vom 4. Oktober 1929 (an Eugen). Als letzter an Margrit geschriebener Brief wird ein kurzer Text vom 5. März 1926 präsentiert: "Liebes Gritli, ich schicke Dir anbei ein fertig adressiertes und frankiertes Couvert zur Rücksendung der Correspondenz Eugens mit uns. Verzeih daß ich Dir die Bitte neulich in einer Form gestellt habe, daß Dir aus der Ausführung Mühe und Kosten erwachsen wären. Mit den besten Grüssen an Dich und die Deinen Dein Franz Rosenzweig." Gegenüber den Briefen der Jahre 1918 bis 1922 hat sich der Ton grundlegend geändert. Bis dahin ist viel von Küssen, Sehnsucht und ewiger tiefster Verbundenheit die Rede. "Ich weiss es: dass du mein bist und ich Dein", schreibt Franz am 10. Juni 1919. "Liebe mich und sei mir ,all da'. Heut und immer Dein" - so klingt es seit Februar 1918 in einem fort. Zufällig begegnet Rosenzweig Ende Dezember 1919 wieder Edith Hahn, einer früheren Bekannten. Acht Tage später heiratet er sie. Bald bereut er dies, ohne sich jedoch scheiden zu lassen. Neben Eheterror und Ärger im Frankfurter Freien Jüdischen Lehrhaus belastet ihn die zunehmend chaotischere Liebesbeziehung mit Gritli.

          Im Januar 1922 bricht bei Rosenzweig eine unheilbare amyotrophe Lateralsklerose aus, die schnell zur progressiven Lähmung aller Muskeln und dem Verlust des Sprachvermögens führt. Seit Juli 1922 kann er das Haus nicht mehr verlassen. Die Annahme, er werde bald sterben, erweist sich als falsch. An einen Stuhl gefesselt kann er unbeweglich und sprachunfähig noch sieben Jahre arbeiten und mit Martin Buber 1924 die "Verdeutschung der Schrift" beginnen. Die ersten Phasen der Krankheit spiegeln sich in den Gritli-Briefen bis zum Herbst 1922. Die wenigen Briefe aus den Jahren 1924/25 kreisen um Religionsphilosophie, Schuldgefühle, Krankheit und tiefe Verletzungen. Franz fühlt sich von Gritli verlassen, und Eugen macht dem Kranken Vorwürfe wegen seines früheren Verhaltens. Wechselseitig bezichtigen sie sich, dem anderen die Ehre geraubt zu haben.

          Ansonsten bleiben die Konflikte in der komplizierten Dreierbeziehung undeutlich. Eugen Rosenstock sprach 1960 von einer "damals gelebten leiblichen Trinität". Gritlis sexuelle Beziehungen mit Franz scheinen ihn zunehmend gekränkt zu haben. Stellte er seiner Frau schließlich ein Ultimatum? Wann endete die Affäre, und wer tat den ersten Schritt zur Trennung? Weshalb bat Franz 1926 Gritli um die Briefe, die ihr Mann an die Verliebten geschrieben hatte?

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