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Rezension: Sachbuch : Du sollst verlernen

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Werner Hofmanns entzweites Jahrhundert · Von Eduard Beaucamp

          Die Debatte um die Moderne führt Werner Hofmann, den produktivsten Erben der "Wiener Schule" der Kunstgeschichte, seit Jahrzehnten zurück in ihr Quellgebiet, in ein widersprüchliches, ambivalentes, nach einem Wort Hegels "entzweites" und pluralistisches neunzehntes Jahrhundert. Hofmann legte 1960 mit dem "Irdischen Paradies" ein Epochenpanorama in zwölf Abschnitten vor und befragte in den siebziger Jahren, als Direktor der Hamburger Kunsthalle, in einem berühmt gewordenen neunteiligen Ausstellungszyklus die "Kunst um 1800". Dabei ging es nicht um die Apologie einzelner Ideen, Künstler und Positionen, um Schulbegriffe oder Stilphänomene, sondern gerade um das, was Kritiker ungern akzeptieren und Historiker zu bereinigen versuchen: um die Anerkennung und methodische Durchleuchtung eines Geflechts von Gegensätzen, Widersprüchen, Mehrdeutigkeiten, von scheinbar unvereinbaren Möglichkeiten, "Wahlfreiheiten" und einer fast grenzenlosen Verfügbarkeit der Kunstmittel.

          Aufreizend und unvermittelt stehen sich in der Kunst um 1800 Flaxman und Füßli, Blake und Friedrich, Goya und Runge, David und Constable, Cornelius und Turner und - in der Architektur - Puristen wie Ledoux und Eklektizisten wie Soane gegenüber. Die Gegensätze sind womöglich noch schroffer als im zwanzigsten Jahrhundert. Einzelgänger betreten die Szene und fordern einen neuen Gesellschaftsvertrag: das Recht auf Autonomie. Anders als ihre Nachfahren sind diese Künstler noch nicht in kollektive avantgardistische Ideologien und Schulen eingebettet, auch wenn Protagonisten wie Flaxman, David oder Cornelius später in einer der zahlreichen Umkehrbewegungen, die auch zum Signum der Epoche gehören, neue akademische Schulbildungen anstreben. Hofmann möchte das Bewußtsein für den Antagonismus schärfen und fordert seine Anerkennung auch für unser Jahrhundert: für die esoterische wie für die realistische, für die autonome wie für die gesellschaftlich verwickelte und "dienende" Kunst.

          Hofmann holt jetzt noch einmal und noch weiter aus und legt eine umfassende Epochenanalyse der Zeit zwischen 1750 und 1830 vor. Der monumentale Essay in 24 Kapiteln ist zunächst ein optisches Ereignis. Das Buch ist mit Illustrationen verschwenderisch ausgestattet und inszeniert das Drama der Bilder mit Beispielen auch aus entlegenen Quellen. Hofmann verlegt jetzt die Umbrüche in die Jahrhundertmitte. Um 1750 erscheinen die Programmschriften von Rousseau, Hogarth, Burke und Winckelmann, Wende-Werke wie Piranesis "Grotteschi" und "Carceri" oder Reynolds' Parodie der "Schule von Athen". Mit dem Bau von Strawberry Hill wird damals begonnen. Als Gradmesser des Umbruchs dient Hofmann das Regelwerk, das Diderot auch für die Malerei aufgestellt hat: die Forderung des eindeutigen Blickpunkts, das Gebot der drei Einheiten in der Darstellung (Einheit von Raum, Zeit und Handlung), das Verbot der Stil- und Realitätsmischung. Diese Gesetzestafeln beginnen die Künstler zu zerbrechen. Sie lösen den illusionistischen Erfahrungsraum und das einheitliche Raumkontinuum der Bilderzählung auf, montieren verschiedene Realitätsschichten, verspiegeln Zeiten und Bedeutungen und setzen das Nacheinander in Gleichzeitigkeit um. Die Künstler stiften Zusammenhänge des Zusammenhanglosen, entwickeln - etwa mit den zwischen Tiepolo, Piranesi und Goya aufblühenden "Caprichi" - neue Bild- und Erzählformen, die subjektiven Impulsen, Phantasien und Assoziationen folgen, aber auch zum Träger moderner Weltbilder und Ideologien werden. Schließlich widersprechen sie der Stilreinheit durch Stilmischungen, der Norm und Konvention durch "Wahlfreiheit". Hofmann bringt diese Umschichtungen, den Zerfall des homogenen und eindeutigen Werks, des "monofokalen Fensterbildes" in der Nachfolge Albertis auf zwei Leitbegriffe - "Desintegration" und "Polyfokalität". Beide Stichworte begleiten auf der verschlungenen Wanderung durch das "entzweite Jahrhundert".

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