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Rezension: Sachbuch : Die Zeit ist um, schade

  • Aktualisiert am

Petra Kolmer holt die Philosophiegeschichte in die Endlichkeit

          Petra Kolmer kämpft von einer beschränkten Position aus gegen einen Popanz und schreibt dennoch ein schönes Buch. Es geht um die Geschichtsphilosophien, die der Philosophiegeschichtsschreibung zugrunde liegen, es geht um Philosophiegeschichtsphilosophien. Der Böse ist Hegel. Er hat laut Kolmer eine subjektivitätsontologisch fundierte, monistische Geschichtskonzeption zur Herrschaft gebracht. Mit beträchtlichem Aufwand, gewiß auch an Lebenszeit wird zitierend belegt, daß Hegel dogmatisch mit anderen Philosophen umgehe, daß er der Geschichte kein Eigenrecht lasse, weil er sie immer schon als durch die Logik geordnet ansehe, und daß er deshalb auch keine offene Zukunft kennen könne.

          Dabei findet Kolmer es ansonsten ganz in Ordnung, daß wir das Vergangene in Abhängigkeit von Projekten betrachten, und Hegels Projekt ist nun einmal die Geschichte des Selbstbewußtseins der Freiheit. Er nimmt die Philosophien als abgeschlossene Gestalten des Selbstbewußtseins des Absoluten, als Monaden, die von einem Prinzip her: dem Sein, der Kraft, der Gewißheit, virtuell die Totalität repräsentieren. Die Philosophiegeschichte arbeitet diese Prinzipien hervor und ordnet sie unter das oberste Prinzip der Freiheit. Daß es neue Gestalten geben wird und die Geschichte sich nach anderen Prinzipien als dem der Freiheit ordnen läßt, versteht sich für Hegel.

          Also müßte man um die Bedeutung des Prinzips der Freiheit streiten. Darauf läßt Kolmer sich nicht ein. Sie setzt - dogmatisch - in einer Kantlektüre das Prinzip der Endlichkeit und damit der Verhülltheit des Absoluten dagegen. Diese Lektüre ist so akribisch wie deklariertermaßen einseitig. Nicht um den Begründer des spekulativen Vernunftsystems gehe es, sondern um den praktischen Weisheitslehrer. Nun haben sich zwar Philosophen unterschiedlichster Richtungen zu zeigen bemüht, daß Kants praktische Philosophie argumentativ auch ohne Gott auskäme, auch riecht das Kantische Verhältnis von Gott und endlichem Vernunftwesen bei Kolmer etwas nach Schelling, aber eine kundige Nacherzählung von Kants "Weltanschauung" ist deshalb nicht ohne Interesse. Allerdings würde Kant wohl säuerlich dreingeschaut haben bei der Vorstellung, daß seine "Präferenz" für die Moralität einer "persönlich existentiellen Weltsicht" aufruhe. Natürlich weiß auch Kolmer, daß ein Standpunkt und seine Begründung zweierlei sind, es in der Philosophie auf Argumente ankommt. Aber ist dann mit der zentralen These von der existentiellen Präferenz für die Moralität mehr gesagt, als daß Kant den Standpunkt, den er vertreten hat, auch wirklich gehabt hat?

          Persönlich existentiell? So ganz tief innen? Tatsächlich nähert sich das von der Autorin vorgeschlagene Modell der Philosophiegeschichte einer lebensphilosophischen Einfühlungslehre: Das Erlebnis und die Philosophie. das Subjekt der Philosophie sei nicht die Vernunft selbst, sondern ein endliches und sterbliches Vernunftwesen, das unter schicksalhaften Bedingungen in einer noch (!) nicht zu Ende gekommenen Zeit auf der Erde zu existieren genötigt ist. Philosophie verarbeite "auf höchstem Reflexionsniveau" "existentiell bedeutsame Erfahrungen", an denen die philosophiehistorisch geschulte Versenkung zu partizipieren erlaube. Beispielsweise die, daß wir immer viel zuwenig Zeit haben - auf höchstem Reflexionsniveau: "Die Zeit ist ein Negativprinzip menschlicher Endlichkeit." Oder die, daß von Philosophen schon die unterschiedlichsten Sachen behauptet wurden, und gerade die Ideen, die immer bleiben wollten, "niemals länger als nur einen kurzen Augenblick geblieben sind".

          Kolmers Präferenz für eine mit existentiellem Pathos ergriffene Endlichkeit dürfte einer Relativismuserfahrung entspringen. Ihr hohes Reflexionsniveau erhielt sie bei Hans Michael Baumgartner. Von ihm kommt die Abneigung gegen Hegel ebenso wie die schellingianische Kantlektüre. Von ihm kommt aber auch die Strenge der Analyse geschichtsphilosophischer Kategorien. Und hier erst dürfte Kolmers (wie Baumgartners) Stärke liegen. Am Beispiel von Hermann Lübbe, Lucien Braun und Jürgen Mittelstraß diskutiert sie, mit einigem polemischen Witz, das verbreitete Urteil, Philosophie sei zu ihrer eigenen Historie geworden. Wer so rede, nehme in hypertrophem Hegelianismus Rationalität als eine sich in Geschichte kontinuierende Substanz, wende mitgebrachte Rationalitätsstandards auf deren supponierte Entwicklungsgeschichte an. Am Ende steht sogar hinter der Frage "Was soll ich mit dem alten Zeug?" eine spekulative Geschichtsmetaphysik. Denn wie sollen Gedanken veralten, wenn nicht ein in sich geschlossenes Denken fortschreitet?

          Plädiert wird für eine Philosophiehistorie als eigenständige Wissenschaft, von philosophisch kompetenten Historikern betrieben. Wenn Philosophie von Menschen in der Zeit gedacht wird, müssen wir viel über den Menschen und seine Zeit wissen, um an seine Gedanken heranzukommen. Diese selbst werden damit enthistorisiert. Mit der Ausbildung einer Philosophiegeschichtsschreibung stehen tendenziell alle Philosophien gleich nah zu uns. Auch Hegel steht Kolmer viel näher, als sie glaubt. Nur daß für sie der Kelch des Geisterreichs mit dem bitteren Trank der Endlichkeit gefüllt ist.

          GUSTAV FALKE

          Petra Kolmer: "Philosophiegeschichte als philosophisches Problem". Kritische Überlegungen namentlich zu Kant und Hegel. Alber Verlag, Freiburg 1998. 423 S., geb., 98,- DM.

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