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Rezension: Sachbuch : Die Wunden als Erzähler

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"Wilhelm, der als nächster Aspirant gleichfalls berufen wurde, fand vor dem Sitze, den man ihm anwies, auf einem sauberen Brette, reinlich zugedeckt, eine bedenkliche Aufgabe; denn als er die Hülle wegnahm, lag der schönste weibliche Arm zu erblicken, der sich wohl jemals um den Hals eines Jünglings ...

          "Wilhelm, der als nächster Aspirant gleichfalls berufen wurde, fand vor dem Sitze, den man ihm anwies, auf einem sauberen Brette, reinlich zugedeckt, eine bedenkliche Aufgabe; denn als er die Hülle wegnahm, lag der schönste weibliche Arm zu erblicken, der sich wohl jemals um den Hals eines Jünglings geschlungen hatte." Weit ab von der normativen Ästhetik des Ganzen, in sich Vollkommenen und Heilen stößt man in Goethes Spätwerk "Wilhelm Meisters Wanderjahre" auf diese Szene, in der sich das Grauen vor der verstümmelten Gestalt mit Wohlgefallen noch am Fragment auf irritierende Weise verbindet. Wilhelm läßt sich zum Wundarzt ausbilden und muß den abgetrennten Arm sezieren, der ein weibliches Gegenstück zur eisernen Hand des Götz von Berlichingen vorstellt.

          Lange stand die Lehre vom Schönen ratlos vor solchen Szenen, in denen der Körper als Feld gewaltsamer Eingriffe erscheint. Zwar hatte schon der Hegelschüler Karl Rosenkranz in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts eine "Ästhetik des Häßlichen" entworfen, und Hegel selbst war ihm in der Gegenüberstellung der christlichen - das Leid und die Wunden einschließenden - und der klassisch-geschlossenen Schönheit vorangegangen. Aber eigentlich zu Hause schien die aus Angst und gebanntem Blick gemischte Faszination, die merkwürdige Neugier für den versehrten Körper unterhalb der europäischen Hochkultur zu sein: Auf Jahrmärkten oder in der schwarzen Romantik, auch in der Pornographie. Aber immer wieder gab es Vorstöße in den Bereich der Kunst, im Film ließe sich nicht nur an die splatter-movies denken, sondern auch an ernstzunehmende Werke wie Jennifer Lynchs "Boxing Helena" oder "Tristana" von Luis Buñuel. Oskar Panizza, ein deutscher Vorläufer des Surrealimus, berichtete um 1900 aus Paris von einem Museumsbesuch, daß die verstümmelte Venus-Statue offenbar weit mehr Betrachter anzog als die intakten Schönheiten. Der Mensch, so glaubte Panizza, wolle nun einmal "Monstra anbeten". Irmela Marei Krüger-Fürhoff hat die Exegese der verwundeten, versehrten und verstümmelten "Monstra" in der Literatur und Kunst um 1800 unternommen und dort, auf der Höhe der "Kunstepoche", die "schöne Kunst nicht mehr schöner Körper" entdeckt (Irmela Marei Krüger-Fürhoff: "Der versehrte Körper". Revisionen des klassizistischen Schönheitsideals. Wallstein-Verlag, Göttingen 2001. 236 S., Abb., br., 20 ).

          Ihre bemerkenswerte Studie verbindet die Diskurse der Ästhetik mit denen der Medizin und des Krieges. Ein Kapitel ist, naturgemäß, Goya gewidmet, ein anderes dem Schmerz des Laokoon. Ergiebig ist vor allem die Lektüre der ästhetischen Entwürfe von Karl Philip Moritz und ihrer Überarbeitungen. Moritz, ein Freund und Vertrauter Goethes, mischte nicht nur in die Schilderung der Schönheiten Roms eine Beschreibung verkrüppelter Bettler ein. Sein kühnster Beitrag zur Ästhetik seiner Zeit werde, so die Autorin, "auf irritierende Weise mit dem Phänomen des versehrten Körpers verknüpft." Denn paradigmatisch für das Kunstwerk und seine Sprache wurde für Moritz ausgerechnet der Mythos von Philomele, der Vergewaltigten, deren Zunge ihr Schänder abgeschnitten hatte. Sie kann von ihrem Leiden nicht mehr sprechen, aber sie webt "pupurne Zeichen", die die ganze Geschichte lesbar machen, in ein Tuch. Dieses Tuch, so Krüger-Fürhoff, "in dem ,jeder mühsam eingwürkte Zug' ein stummer Schrei ist, avanciert zum Inbegriff schöner Künste."

          Selten ist die Verbindung von Literaturwissenschaft und Diskursanalyse so fruchtbar geworden wie in Krüger-Fürhoffs Interpretation der Erzählung "Der Zweikampf" von Heinrich von Kleist. Der Brudermörder wird, nach einem Gottesurteil durch Zweikampf, den er zunächst bestanden zu haben schien, zum Opfer von Amputation. Die Wunden werden "zu den eigentlichen Protagonisten der Erzählung". Die Autorin geht so weit, das Obduktionsprotokoll, das nach dem Doppelselbstmord von Kleist und seiner Geliebten angefertigt worden war, in die Deutung aufzunehmen - der Schuß in den Mund (nicht in die Schläfe) findet bei Kleist selbst seinen imaginierten Vorläufer in "Die Verlobung in St. Domingo".

          LORENZ JÄGER

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.02.2002, Nr. 41 / Seite 56

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