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Rezension: Sachbuch : Die Tränen auf dem Löschpapier

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Wer sagen oder schreiben möchte, daß ihn ein Buch begeistert hat, ohne gleich Gefahr zu laufen, deshalb gleich unkritisch auszusehen, der kann vor seinen Enthusiasmus allemal die kühle Frage stellen, ob man denn das Buch, um das es geht, wirklich gebraucht hätte. Haben die Leser in Deutschland zum Beispiel ...

          Wer sagen oder schreiben möchte, daß ihn ein Buch begeistert hat, ohne gleich Gefahr zu laufen, deshalb gleich unkritisch auszusehen, der kann vor seinen Enthusiasmus allemal die kühle Frage stellen, ob man denn das Buch, um das es geht, wirklich gebraucht hätte. Haben die Leser in Deutschland zum Beispiel Werner Mittenzweis Geschichte der Intellektuellen in Ostdeutschland - das, zumal für einen ostdeutschen Autor, eher ungewöhnliche Substantiv "Ostdeutschland" erlaubt es Mittenzwei, die Zeit zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik einzuschließen, aber auch das erste Jahrzehnt nach der deutschen Wiedervereinigung -, haben also die deutschen Leser und die an deutscher Kultur interessierten Leser außerhalb des Landes eine Geschichte der Intellektuellen in Ostdeutschland gebraucht?

          Angesichts des Schwalls historisch-dokumentarischer Publikationen zu allen Aspekten der Geschichte Ostdeutschlands, auf den Mittenzwei übrigens mit Ironie und Selbstbewußtsein eingeht, wäre es gewiß ein zu flaches Lob, die Funktion dieses Buches einfach in der Schließung einer Informationslücke zu sehen. Seine Einmaligkeit ist vielmehr in der Tatsache angelegt, daß bis heute kein anderer DDR-Intellektueller von der Bedeutung Mittenzweis - er war einer der führenden Germanisten seines Staates, den verschiedene DDR-Regierungen als produktiv-kritischen Geist identifiziert hatten und schätzten - die Erinnerungen an seine unmittelbare Umwelt in jenen Jahrzehnten veröffentlicht hat. Vor allem aber ist das Buch deshalb bedeutend, weil Mittenzwei zu den wahren Könnern unter den deutschen Geschichtsschreibern unserer Gegenwart gehört.

          Solcher Wertschätzung kann man dann immer noch die Frage entgegenhalten, ob denn alle Tränen der Freude und der Frustration, welche ostdeutsche Intellektuelle je geweint haben, das Papier wert sind, auf dem sie nun von Mittenzwei gelöscht und festgehalten worden sind. Und erst unter der Provokation dieser Frage tritt das monumentale Verdienst seines Buch wirklich hervor. Mittenzwei hat - gewiß ohne es zu wollen und vielleicht sogar ohne es zu wissen - ein Epos geschrieben über die notwendige und unmögliche, über die tragische und nicht selten auch tragikomische Liebe zwischen den totalitären Staaten und den Intellektuellen. Dieses Epos wird zu einem Lehrstück, sobald man sich vorstellt, daß die Geschichte der Intellektuellen in Ostdeutschland vielleicht der letzte Tango war, den die Intellektuellen und der Staat auf eben diese Melodie getanzt haben.

          Intellektuelle, die - wie ganz gewiß Werner Mittenzwei - Erben der einschlägigen abendländischen Tradition sein wollen, werden sich freilich allemal dagegen verwahren, auch nur in einen assoziativen Zusammenhang mit dem totalitären Staat gebracht zu werden. Doch gemeint ist damit jene Komplementarität, nach der einerseits in totalitären Staaten alle Strukturelemente und ihr Zusammenspiel an einer leitenden Idee vom guten Leben ausgerichtet sein sollen, und in der andererseits die Mehrzahl der Intellektuellen während der vergangenen zweieinhalb Jahrhunderte die von zentralen Ideen getragenen Staatsformen mit weit größerer Begeisterung begrüßt haben als jene liberale Staats-Ästhetik, welche Institutionen eher als form- denn als inhaltsbestimmt versteht. Die radikale Verwirklichung von Ideen-Hygiene durch ehemalige Intellektuelle wie den tugendreichen Robespierre, den ressentimentgeladenen Hitler und den zivilisationshassenden Pol Pot belegt diese These ebenso deutlich wie das allenthalben zu beobachtende praktische und theoretische Streben der nicht auf die Seite der Politik gewechselten Intellektuellen zu den reinen Staatsideen - Plato und der heilige Augustinus verkörpern es ebenso wie Jean-Jacques Rousseau, Karl Schmitt und Jean-Paul Sartre.

          Intuitiv und vorprogrammatisch zumindest hat Mittenzwei die Geschichte der Intellektuellen in Ostdeutschland als eine Geschichte dieser wechselseitigen Faszination gestaltet - und das heißt auch: als eine Geschichte der Enttäuschungen auf beiden Seiten, als eine Geschichte der absichtlich wie unabsichtlich zugefügten Verletzungen, die oft verpackt waren in die fast komische Sonntagmorgen-Euphorie allzu guter Absichten.

          Was vor diesem Hintergrund ein Dilemma in Mittenzweis politisch-philosophischer Konzeption ausmacht, das begründet zugleich die Faszination und den Charme der Geschichte, die er hervorbringt: Er ist mit diesem großen Buch wohl zu einem Historiographen des letzten Kapitels in der Geschichte der klassischen westlichen Intellektuellen geworden - aber zugleich sträubt er sich dagegen, seinen Glauben an das Zukunftspotential eben dieses Intellektuellen aufzugeben. Daß er die historische Bedeutung der Haßliebe zwischen den Intellektuellen und dem totalitären Staat jedenfalls erfaßt hat, zeigt die Szenographie seiner in sieben dichten Kapiteln geschriebenen Geschichte. Diese Darstellung hat ihren frühen Höhepunkt zwischen dem bewegenden, oft Nostalgie weckenden Auftakt über die "Katastrophe und Hoffnung" der Jahre seit 1945 und dem langen Abspann, der über die Honecker-Jahre hinaus bis hin zu den "Demütigungen" sowie den "neuen Möglichkeiten" von Wende und Nachwende führt. Zwischen dem nostalgischen Auftakt und dem langen Abspann stößt man auf Mittenzweis Meisterstück, einer aus zwei Kapiteln unter den Titeln "Die Entscheidungszwänge im Zeitalter des Kalten Krieges" und "Die Haltung der literarischen Intelligenz in der geschlossenen Gesellschaft" bestehenden Schilderung des Liebes-Kampfes zwischen dem Staat Walter Ulbrichts und seinen Intellektuellen.

          Mittenzwei, der nicht ansteht, Ulbricht mit starken Argumenten als den bedeutendsten deutschen Arbeiterführer seit Karl Liebknecht einzuführen, zeigt, wie jener erfindungsreiche - aber auch gänzlich uncharismatische - Organisator eines zunehmend von der Sowjetunion unabhängigen Totalitarismus es eigentlich gar nicht vermeiden konnte, um die Mitarbeit der Intellektuellen zu werben: Das Ergebnis war eine mit dem Namen "Bitterfelder Weg" verbundene Konzeption, derzufolge Literatur und Kunst helfen sollten, die Motivation der Werktätigen zum Aufbau des sozialistischen Staates zu steigern. Dieser Bemühung aber stand harsch gegenüber Ulbrichts - prinzipiell ja gar nicht unbegründete Angst - vor einem "Führungsanspruch" der Intellektuellen, die er in immer neuen Maßregelungen und Verhaftungswellen ausagierte. Als charismatischer Antagonist, "als sein Marquis Posa" erwuchs Ulbricht, wie Mittenzwei kommentiert, der Philosoph und Verlagslektor Wolfgang Harich, der auf dem Höhepunkt des Konflikts mit dem Sekretär der SED zu einer zehnjährigen Zuchthausstrafe verurteilt wurde und im Sinne der kommunistischen Staatstradition öffentlich die rituelle Pflicht zur Selbstkritik auf sich nahm.

          Ganz beiläufig bemerkt der Autor in diesem Zusammenhang, daß es eines Balzac'schen Talents bedurft hätte, um der Persönlichkeit Harichs - und der Dimension des Konflikts zwischen ihm und Ulbricht - historiographisch gerecht zu werden. Vielleicht ist das zuviel an rhetorischer Bescheidenheit, denn seine Leser schulden Mittenzwei zumindest das Kompliment, daß es nur ganz wenige deutsche Geschichtsschreiber unserer Gegenwart an Sprach- und Darstellungskraft mit ihm aufnehmen können. Da Mittenzweis bisher bedeutendstes Buch eine in den späten DDR-Jahren erschienene Brecht-Biographie war, die man aus ähnlichen Gründen wie das neue Werk als exemplarisch und monumental bezeichnen kann, ist es wohl kein Zufall, daß seine schriftstellerische Stärke vor allem in beschreibenden Passagen liegt, genauer: in den Portraits zentraler Protagonisten und in der Ausmalung emblematischer Szenen. Wenn man sich dem Eindruck solcher Passagen aussetzt, dann kommen in der Tat Zweifel auf, ob irgendwelche "moderneren" Verfahren der Historiographie - sei es Strukturbeschreibung, Diskursanalyse oder Begriffsgeschichte - eine vergleichbare Kraft in der Vergegenwärtigung des Vergangenen erreichen könnten. Insbesondere die in mehreren Anläufen und Reprisen zu erstaunlicher Komplexität aufgeschriebenen Portraits von Walter Ulbricht und Wolfgang Harich brauchen vielleicht nicht einmal den Vergleich mit Balzac zu scheuen.

          Hinter ihnen stehen - als Ensemble kaum weniger eindrucksvoll - Bilder wie das des aus dem sowjetischen Exil zurückgekehrten expressionistischen Lyrikers Johannes Becher, der an seiner unpolitischen Offenheit, seiner Morphiumsucht und seiner Verehrung für Ulbricht zugrundeging; wie das von Wladimir S. Semjonov, des in den frühen Jahren der DDR für ideologische Fragen zuständigen sowjetischen Funktionärs, der aus guten politischen Motiven, aber ohne ästhetisches Urteil dem "Formalismus" in der Kunst den Garaus machen wollte; oder von Alfred Kurella, der auf ostdeutscher Seite Semjonovs Direktiven umzusetzen hatte, nicht ohne sich redlich um einen intensiven Kontakt mit Künstlern und Autoren zu bemühen. Die Stärke dieser Portraits liegt nicht einmal primär in der Möglichkeit, Spuren der umfänglichen Archivarbeit, der persönlichen Vertrautheit und manchmal sogar der Augenzeugenschaft des Autors auszumachen. Eindrucksvoll sind diese Passagen vor allem dank ihrer vielfachen Ambivalenzen, an denen jedes eindeutige oder gar einseitige Urteil abprallt.

          Das gilt auch für Mittenzweis meisterliche Evokation historischer Szenen, die faszinierende Einblicke in die Intimität des Intellektuellen-Lebens hinter dem ehemaligen eisernen Vorhang ermöglichen: etwa die Schilderungen der frühen Sitzungen des "Kulturbunds" in den Nachkriegsjahren, eines intellektuell riskanten Kafka-Kolloquiums, das 1963 in Prag stattfand, oder der liberalen Versöhnlichkeit einer Debatte in der Akademie der Künste der DDR in der damals noch kaum bemerkbaren Agonie-Phase dieses Staats, welche Mittenzwei mit dem leise ironischen Fazit abschließt: "In der letzten Phase der DDR gab es auf künstlerischem und ästhetischem Gebiet eigentlich alles, nur keine Eingleisigkeit."

          Noch den bekanntesten und vielfach aufgearbeiteten Szenen aus der Kulturgeschichte der DDR gewinnt der Stil dieser Darstellung frisches Interesse ab: so den Hintergründen der Arbeiterunruhen des 17. Juni 1953; der Konkurrenz zwischen der klassizistischen Ästhetik des Theoretikers Georg Lukács und der modernistischen Ästhetik des literarischen Praktikers Bertolt Brecht (in der sich Mittenzwei selbst seine ersten intellektuellen Sporen verdiente); oder der Ausbürgerung des (einige Male zu oft mit François Villon verglichenen) "Barden" Wolf Biermann, in dem sich eine ungewollte Konvergenz zwischen dem Pathos der Staatskritischen und dem Pathos der Staatsstützenden Intelligenz zu erheblicher Komik aufschaukelt.

          Für die politischen und kulturellen Protagonisten der Honecker-Jahre findet man in Mittenzweis großer historischer Erzählung - mit einer signifikanten Ausnahme - keine Portraits, welche es mit denen von Harich und Ulbricht, Becher und Semjanov aufnehmen könnten. Das stimmt mit dem Leser-Eindruck überein, daß der Anfang des Endes der Deutschen Demokratischen Republik - trotz wachsender internationaler Anerkennung und trotz scheinbarer wirtschaftlicher Entspannung - in den frühen siebziger Jahren gelegen haben muß, als der Glaube an einen neuen Staat und eine neue Gesellschaft auch unter den Intellektuellen immer mehr individualistischen Bedürfnissen und Träumen Platz machte. Das eine signifikante Portrait aus den langen Kapiteln über die Honecker-Zeit gehört deshalb einem Intellektuellen neuen Stils, nämlich Sascha Anderson, der als Lyriker - aber auch als Spitzel des Staatssicherheitsdienstes - zu den Initiatoren der bis heute hochgerühmten nach-sozialistischen "Szene" des Prenzlauer Bergs gehörte.

          Neben den Portraits und Szenebeschreibungen tritt vor allem in den Honecker-Kapiteln eine ganz andere rhetorische Form in den Vordergrund - und das ist eine Form, die sich weniger dem schriftstellerischen Temperament Mittenzweis verdankt als der Besonderheit seines Themas. Immer wieder stößt man auf Listen mit - im Normalfall - fünf bis fünfzehn Namen von Dichtern und Wissenschaftlern, Funktionären und offiziellen Systemfeinden, die bald mit einschlägigen Modifikationen wiederkehren und so kulturpolitische Klimaschwankungen im sozialistischen Staat veranschaulichen. Diese flexiblen Listen sind nicht eigentlich ein Ergebnis von Mittenzweis Forschung, sondern sie entsprechen der tatsächlichen Wahrnehmung des totalitären Staats von den Intellektuellen, die er zugleich liebte und fürchtete, verwöhnte und verachtete. Die in den Wochen der Biermann-Affäre zirkulierenden, fast täglich veränderten Unterschriften-Listen zeigen etwa, daß sich die Intellektuellen am Ende auf eine solche, ihre Staatsliebe enttäuschende Fremdwahrnehmung eingestellt hatten.

          Etwa auf dieser Höhe seiner Geschichte setzt Werner Mittenzweis langer Abgesang auf die Deutsche Demokratische Republik ein. Eindrucksvoller als die durchaus lesenswerten - aber in ihren Resultaten doch eher konventionellen - Schlußbetrachtungen über das "Schicksal des Marxismus am Ende des Jahrhunderts" und über "das Scheitern" der marxistischen Intellektuellen (was für den Autor natürlich nicht ganz dasselbe ist), eindrucksvoller auch als das - als Dokument einer Abrechnung aus ostdeutscher Intellektuellen-Perspektive durchaus bedeutsame, aber doch recht lange - Kapitel über das Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung, sind ein letztes Mal Mittenzweis Szene-Beschreibungen, welche nun die "Nischen-Gesellschaft" aus den Honecker-Jahren betreffen. Keine seine Identität stiftende Differenz und keine Vision einer neuen Zukunft war einem sozialistischen Staat geblieben, in dem selbst die Intellektuellen nur durch erleichterten Zugang zu den verschiedensten Waren, nur durch größere Zugeständnisse an individueller Freizügigkeit (deren Maximum ein Ausreisevisum war) und vor allem durch Nicht-Behelligung seitens des Staats bei Laune gehalten werden konnten. In jener Zeit war jede von der ostdeutschen Bevölkerung honorierte Verbesserung schon ein Schritt der Verwestlichung und jeder Bezug auf den "wahren Marxismus" schon eine Forderung nach seiner Liberalisierung.

          All das, spürt man, ist Werner Mittenzwei nicht leicht aus der Feder gegangen - und so werden diese Passagen auch explizit weder als Selbstkritik noch als Beginn eines historischen Abgesangs präsentiert. Denn Mittenzwei gehört zu jenen ostdeutschen Intellektuellen, welche zumindest die vorsichtige Frage bis heute nicht aufgegeben haben, ob denn "der Sozialismus überhaupt eine Chance hatte." Seine Antworten und Reaktionen in dieser Hinsicht fallen so ambivalent und so komplex aus wie seine historischen Beschreibungen. Befreit oder wenigstens doch in Ruhe gelassen von dem anderen, neuen deutschen Staat konnte sich Mittenzwei nicht fühlen, weil auch dieser Staat - in der Übergangsphase nach 1990 - die wissenschaftlichen Intellektuellen aufgrund eines Evaluierungsprozesses in negative und (viel schmalere) positive Listen von Zwangsemeritierung und Wiedereinstellung aufgeteilt hat, statt sie wie sonst im Kapitalismus üblich, gar nicht wahrzunehmen. Dieses Trauma mag wenigstens teilweise erklären, warum es Mittenzwei offenbar schwerfällt, sich mit "dem Westen" anzufreunden.

          Werner Mittenzwei: "Die Intellektuellen". Literatur und Politik in Ostdeutschland von 1945 - 2000. Faber & Faber Verlag, Leipzig 2001. 580 S., Abb., geb., 58,- DM.

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