Kommunitarismus und Liberalismus haben als gemeinsame Grundlage ihres Streites die Frage, wie die allgemeine Ordnung beschaffen sein soll. Das ist bei der liberalen Bestimmung der Rechte des Individuums eindeutig. Aber auch Kommunitaristen untersuchen nicht die Formen und Verflechtungen realer Gemeinschaften, sondern behaupten die Notwendigkeit, Gemeinschaftlichkeit überhaupt zu fördern. Und bei den sozialliberalen oder -demokratischen Übergangsgestalten wächst die Bestimmung des guten Lebens oder der gerechten Gesellschaft zu ganzen Forderungskatalogen aus, die die Welt abarbeiten muß, will sie vor der Philosophie bestehen.
Solchen Untersuchungen gegenüber muß Rüdiger Bubner als jemand erscheinen, der die einfachsten Unterscheidungen nicht verstanden hat. Für eine Einführung in die politische Philosophie ist sein neuestes Buch, obwohl vermutlich aus entsprechenden Vorlesungen hervorgegangen, zu voraussetzungsreich, für einen Debattenbeitrag zu thetisch, und auch für einen kulturkritischen Essay taugen die recht konventionellen Attacken gegen das "Pseudoenglisch der Flughäfen und Hotelketten" und "die tiefe Langeweile, die das Juste-milieu westlicher Mittelstandsgesellschaften mit öffentlich organisierter Wohlfahrt ausstrahlt", kaum. Vor allem sieht es so aus, als ob Bubner, in Vermengung von Sein und Sollen, Genesis und Geltung, seine normativen Stellungnahmen durch ein einseitiges Referat der Geschichte der politischen Theorie erschleicht.
Tatsächlich ist für Bubner der Kommunitarismusstreit nur eine amerikanische Figuration der politischen Querelle des Anciens et des Modernes. "Die Polis war eine Lebensform. Der Staat ist eine rationale Anstalt." Die Polis als Lebensform wird reflektiert in einer Philosophie, die das Politische in einer Ontologie des Handelns begründet. Das Handeln verfolgt in der Zeit und unter mehr oder weniger unabsehbaren Umständen seine je eigenen Ziele, die mit mehr oder weniger Klugheit nach den gegebenen Möglichkeiten ausgerichtet wurden. Und das Handeln geschieht in Kooperationen, deren oberste die autarke Polis ist. Deshalb hat Platon darauf insistiert, daß jeder das Seine tut, das, worin er sich auskennt und wofür er sich interessiert. Und Aristoteles hat die Polis als Verschränkung des Herrschers und Beherrschtwerdens beschrieben. Der Staat dagegen, der absolutistische wie der demokratische, fußt auf dem Gedanken einer Willensfreiheit, in der die christliche creatio ex nihilo nur notdürftig säkularisiert ist. So erwächst die Illusion, alles ließe sich zu jeder Zeit machen, und der Drang, bei allem mitzureden.
Bubners Sympathie gilt natürlich den Griechen. Besonders interessiert er sich für den frühneuzeitlichen Aristotelismus, für die Klugheitsliteratur der Moralisten, für Montesqieu, Humboldt, Hegel, dann Arendt, Strauss, Voegelin. Dennoch liegt die Pointe seines Buches in der Darstellung, wie immer neu die politischen Philosophien in Auseinandersetzung mit dem Traditionsbestand nach Lösungen für aktuelle Probleme suchen. Politische Philosophen wollen in die Gegenwart eingreifen. Weil die Gegenwart aber je eine andere ist, können uns überlieferte politische Philosophien immer nur als Vorbilder oder Beispiele dienen: Praktische Philosophie darf nicht nach dem Vorbild der theoretischen entworfen werden.
Weit entfernt davon, Normativität erschleichen zu wollen, möchte Bubner - wie ganz ähnlich der Aristoteliker Bernard Williams - den Gegensatz zwischen Sein und Sollen, Genesis und Geltung als eine uns problematisch gewordene Figur politischen Denkens aufweisen. Konsequenterweise erfolgt dieser Aufweis im Nachvollzug dessen, wie politische Philosophie operiert. So wird der Leser in eine Haltung eingeübt. Der Philosoph dagegen, der als kleiner Gott der Welt meint, wenn er seinen Forderungskatalog nur gut genug begründet hat, könne die Wirklichkeit nicht standhalten, hat ein Stück Säkularisierungsgeschichte nicht mitgemacht.
GUSTAV FALKE
Rüdiger Bubner: "Polis und Staat". Grundlinien der politischen Philosophie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002. 196 S., br., 11,- [Euro].