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Rezension: Sachbuch : Die letzte Nacht des Elefanten

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Peter L. Bernstein über das Risiko / Von Heinz Bude

          Wir Modernen halten uns einiges darauf zugute, daß wir die Zukunft als Teil der Gegenwart begreifen. Die Geschlossenheit des Kosmos haben wir ebenso hinter uns gelassen wie die Festgelegtheit der Geschichte auf ein Ziel. Der Risikobegriff signalisiert unsere Bereitschaft, die Zukunft zum Spielfeld unserer Projekte und Spekulationen zu machen. Aber auf welcher Grundlage tun wir das eigentlich?

          Peter L. Bernstein, Inhaber einer Beratungsfirma und Lehrer an der New School for Social Research in New York, hat jetzt unsere moderne Selbstverherrlichung durch eine ziemlich groß angelegte Geschichte des Risikos und des Risikomanagements von der Antike bis heute bereichert. Weil die Griechen zu viel von der Wahrheit und zu wenig von der Wahrscheinlichkeit gehalten haben und weil die frühen Christen bei ihrem Blick in die Zukunft sich aufs Jenseits beschränkt haben, konnte erst mit Renaissance und Reformation unsere doppelgesichtige Heilsgeschichte aus Buchhaltertum und Abenteuerlust beginnen.

          Die denktechnische Voraussetzung dafür stellte das indisch-arabische Zahlensystem zur Verfügung, das mit der Null unser Vorstellungsvermögen und unser Fortschrittsverlangen entgrenzte. Zwar stieß die Einführung der neuen Zahlen bis ins frühe sechzehnte Jahrhundert auf erbitterten Widerstand, doch die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern führte allen die Lächerlichkeit des Hantierens mit den römischen Buchstabenzahlen vor Augen. Dieser Durchbruch löste einen gewaltigen Schub geschäftlicher Transaktionen aus, der den Typ des Geschäftsmanns als vorausschauenden Planer hervorbrachte, der aufgrund von Prognosen Güter erwirbt, herstellt und vermarktet, Preise festsetzt und Abläufe organisiert.

          Die Möglichkeit, sich Risiken mit Zahlen zu veranschaulichen, geht auf die lange Geschichte der Wahrscheinlichkeitstheorie zurück. Die erzählt Bernstein von ihren Anfängen bei Fibonacci im frühen dreizehnten bis zu Francis Galton im späten neunzehnten Jahrhundert als eine erstaunliche Evolution kognitiver Kombinatorik vor dem Hintergrund eines wachsenden kulturellen Futurismus. Uns begegnen eine Reihe merkwürdiger Gestalten und eine Ansammlung komischer Objekte: das schwermütige Junggenie Pascal mit seinem magischen Zahlendreieck, Jacob Bernoulli, Sproß eines traditionellen Schweizer Geistesclans, mit seinem Krug mit 3000 weißen und 2000 schwarzen Kugeln, der nonkonformistische Geistliche Thomas Bayes mit seinen Untersuchungen am Billardtisch, der verschlossene und wenig freundliche Carl Friedrich Gauß aus Göttingen mit seiner Glockenkurve und schließlich der englische Snob Francis Galton, ein Vetter ersten Grades von Charles Darwin, der mit Hilfe eines von ihm als Quincux (Fünferding) bezeichneten Apparats die Normalverteilung von Einflußfaktoren anschaulich demonstrierte.

          Das ist alles in eingängiger Wissenschaftsprosa mit bemerkenswertem didaktischen Bemühen erzählt, aber leider nur wenig rätselhaft. Der unkundige Leser mag sich über die Bedeutung des Glücksspiels für diesen Teil der Wissenschaftsentwicklung und die erstaunlichen Denkbemühungen unausgelasteter Rechtsanwälte und findiger Kurzwarenhändler wundern, aber die ganze Geschichte läuft doch auf die Entfaltung jenes wahrscheinlichkeitstheoretischen Instrumentariums hinaus, das uns heute die wunderbare Regelung des Versicherungswesens, der Flugzeugsteuerung und der Kapitalmärkte ermöglicht. So haben uns Eitelkeit und Glücksvertrauen zuverlässige Mittel zur Meisterung einer prinzipiell ungewissen Zukunft beschert. Um dieser Einsicht willen braucht man dieses Buch nicht zur Hand zu nehmen.

          Was man allerdings mit einiger Spannung und manchem Gewinn liest, ist die Selbstrechtfertigung eines jener Ingenieure der Kapitalmärkte, der auf hohem Niveau über Sinn und Unsinn seiner Tätigkeit Auskunft gibt. Bernstein dringt dabei zu einem Zentralthema unserer modernen, kapitalistischen Weltauffassung vor: dem der Rationalität unserer Entscheidungen angesichts einer offenen Zukunft. Dafür steht der etwas technologisch anmutende Begriff des Risikomanagements. Wonach richten sich eigentlich Militärstrategen, Nuklearmediziner und Investmentfondsverwalter, wenn sie ihre in der Regel irreversiblen Entscheidungen auf einer im Prinzip unvollständigen Informationsbasis treffen?

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