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Rezension: Sachbuch : Die Hygiene des Taktes

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Bis in die siebziger Jahre hinein wurde das erstmals 1924 im Bonner Cohen-Verlag erschienene Büchlein als Geheimtip unter Kennern gehandelt: 1972 überraschte der Bouvier-Verlag als Nachfolger Cohens Helmuth Plessner zu dessen achtzigstem Geburtstag mit einer kleinen Neuauflage des Bandes "Grenzen der Gemeinschaft".

          Bis in die siebziger Jahre hinein wurde das erstmals 1924 im Bonner Cohen-Verlag erschienene Büchlein als Geheimtip unter Kennern gehandelt: 1972 überraschte der Bouvier-Verlag als Nachfolger Cohens Helmuth Plessner zu dessen achtzigstem Geburtstag mit einer kleinen Neuauflage des Bandes "Grenzen der Gemeinschaft". Damals bemerkte Plessner: Er "war lange Zeit vergriffen, wird aber immer wieder verlangt. Offensichtlich ist das Büchlein immer noch oder gerade wieder aktuell." Nachdem das Buch von seiner früh einsetzenden, nachhaltigen Wirkungsgeschichte her alsbald den Rang eines soziologischen Klassikers beanspruchen konnte, hatte der entlegene Ort der Publizierung immer etwas Verwunderliches. Hatte es doch beim Erscheinen die Aufmerksamkeit von Rezensenten wie Kracauer, Tönnies und Wust gefunden, abgesehen davon, daß die Plessnerschen Theoreme eine große Bedeutung für die soziologische Rollen- und Interaktionsdebatte der sechziger Jahre gewannen. Die Parallelen zu Goffman wurden bald bemerkt.

          Besser spät als nie - wie schon Anfang der neunziger Jahre die Parole lautete, unter welcher eindrucksvolle Plädoyers für die Relecture Plessners verfaßt wurden - sind die "Grenzen der Gemeinschaft" nun für ein breites Publikum bei Suhrkamp erschienen, zusammen mit einem materialreichen Band, der die Stimmen der Rezeption dokumentiert. Plessner selbst, so vermutet Joachim Fischer im Nachwort der "Grenzen"-Ausgabe, mochte sich gegen eine breitenwirksame Veröffentlichung seiner Schrift gestellt haben: Er schwankte beständig zwischen dem Vollbewußtsein eines sozialanthropologischen Treffers, den er mit ihr gelandet hatte, und der Einsicht in die Angreifbarkeit der forciert essayistischen Durchführung.

          Die "Kritik des sozialen Radikalismus", wie der Untertitel schließlich hieß, war - entlang der Tönniesschen Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft - der Versuch, gegenüber der fachlich wie publizistisch eingeschliffenen Präferenz der Gemeinschaft ein Gegengewicht zu setzen. Plessner begrenzt die sich in den jugendbewegten zwanziger Jahren an das Gemeinschaftsethos knüpfende Erwartung der radikalen Auflösung aller Fremdheit und legt den Akzent auf ein Gesellschaftsethos. Gesellschaft als die "kalte Form" der Geselligkeit soll die Einsicht "Der Mensch ist von Natur aus künstlich" lebbar machen. Denn es gibt eine Adäquatheit zwischen der Unergründlichkeit der "Seele" und den "künstlichen" gesellschaftlichen Formen ("Wege zur Unangreifbarkeit: Zeremoniell und Prestige", "Die Logik der Diplomatie: Die Hygiene des Taktes", "Der Kampf ums wahre Gesicht: Das Risiko der Lächerlichkeit").

          Damit beschreibt Plessner, so bemerken die Herausgeber des Rezeptionsbandes, zwischen der Zone der Vertrautheitsgemeinschaft und der Zone der Sachgemeinschaft "Distanzrituale und maskierten Ausdruck als Zone der Öffentlichkeit: In ihr verschonen sich die Menschen um ihrer Würde willen durch Spielregeln voneinander." So tritt hier zwischen zeitdiagnostischer Analyse, philosophischer Begründung und essayistisch-diabolischem Tonfall seine Sozialtheorie in ihrer frühesten Form hervor. Plessners Schlüsselkategorie der "exzentrischen Positionalität" als Kennung des Menschen zeigt sich so auch genuin sozialtheoretisch konzipiert.

          Als man vor zehn Jahren wieder über die "Grenzschrift" zu sprechen begann, annoncierte man sie durchaus widersprüchlich: als eine in der deutschen Geistesgeschichte eher seltene "Sozialphilosophie mit liberalem Ethos, antitotalitär und antikommunitär gesonnen"; aber auch als Ausdruck einer "theoretischen Allianz" zwischen Plessner und Carl Schmitt, zumindest entdeckte man in manchen Passagen ein Textkontinuum zwischen der "Grenzschrift" und dem "Begriff des Politischen". Daneben kam Mitte der neunziger Jahre die entschiedene Lesart des Plessner-Büchleins als Schlüsselbuch einer "Verhaltenslehre der Kälte" im neusachlichen Jahrzehnt auf, deren anthropologisches Modell des "gepanzerten Ichs" auf die politische Formation der dreißiger und vierziger Jahre vorverweise, die Plessner selbst ins Exil gezwungen habe - so die im Rezeptionsband kontrovers diskutierte These Helmut Lethens.

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