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Rezension: Sachbuch : Die Hellwache wurde nicht kontaktiert

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Volker Braun läßt den Metaphysiker und den Utopisten um die Wette rennen / Von Peter Demetz

          Auf dem schwankenden Boden einer veränderten Gesellschaft sind alte Formen unbrauchbar, und es spricht für die Glaubwürdigkeit Volker Brauns, daß er sie nach der Liquidation der DDR noch seltener braucht als vorher. Er hat, unter den Betroffenen, seine besonderen Schwierigkeiten, denn er hoffte auf die Wende, die ihn bitter enttäuschte - nach einem schwebenden Moment, "Volkseigentum plus Demokratie" (in seinen eigenen Worten), war dann bald, unter Zustimmung von mehr als achtzig Prozent seiner ehemaligen Mitbürger, alles anders und nicht so, wie er es wünschte.

          Er war ehemals unter jenen jungen Poeten gewesen, die (nach der Zerstörung der alten Sozialdemokratie) reinen Tisch für den Sozialismus forderten, aber in der Zeit des Einmarsches der Warschauer Truppen in Prag begann er an einem System zu zweifeln, das die Menschen manipulierte, ohne auf ihre Wünsche hinzuhören; und seine Illusion von der innigen "Verbundenheit der (tschechischen) Partei mit ihrem Volke" drängte ihn in eine merkwürdige Zwischenwelt, in welcher er seiner eigenen "verwirrten Partei" ins Gewissen zu reden hoffte, auch er halb geduldet, halb preisgekrönt, und nie gewiß, wann eines seiner Stücke aufgeführt werden durfte. Er erzählte manche seiner Erfahrungen von 1989 auf traditionelle Art, so in "Worauf es hinausläuft" (1992), einer lesbaren Geschichte über einen "abgewickelten" Schulrat, aber für seine Entwicklung war es entscheidender, daß er die narrativen Möglichkeiten des zerfleddernden Monologs, der sarkastischen Epigrammatik, "der Sozialismus geht, und Johnny Walker kommt", oder eine Syntax bodenloser Sätze erprobte, um das noch "Ungewisse" zu zeigen.

          Sein neuer Prosaband "Das Wirklichgewollte" besteht aus drei Stücken, die ich als short stories zu lesen beginnne, ehe ich nach dem dritten Satz begreife, daß es der Autor strikt ablehnt, mir Begebenheiten, Figuren und Sinn ins Haus zu liefern, und mir lieber Schwierigkeiten bereitet, um mich vor voreiligen Schlußfolgerungen zu bewahren. Diese Prosastücke sind alle Variationen auf ein Thema, nur welches, das ist nicht leicht zu bestimmen - jedenfals geht eine entleerte Lebenswelt zu Ende, in der Toscana, in Sibirien und in einem brasilianischen Architekturbüro; das Neue ist gewaltsam und hat eine geradezu sinnliche Anziehungskraft. Ein pensionierter italienischer Universitätsprofessor (sein Vater war Maurer, für Braun immer eine mythische Figur) hat sich mit seiner Frau auf sein Landgut zurückgezogen, seine Vorlesungen über die Revolution sind längst schal geworden, und findet sein Haus plötzlich von zwei albanischen Flüchtlingen okkupiert; ein alternder sowjetischer Ingenieur lebt mit seiner Frau in einem ausrangierten Eisenbahnwaggon, und nicht weit davon ein Haufen "vollgelaufener" Arbeitsloser, "der Abhub der Bohrlöcher", wilde Leute ohne Ordnung und Gesetz; und in der dritten Geschichte ein alter brasilianischer Stadtplaner, der einen verwahrlosten Jungen von der Straße holt, um ihm Lesen und Schreiben beizubringen, und sich plötzlich mit einer ganzen Street-Gang konfrontiert findet, die in sein Büro einbricht. Was wird geschehen? Gerade dort, wo die abgelebte Ordnung mit ihren Widersachern dramatisch aneinandergerät, bricht der Text ab, ohne Interpunktion, und entläßt uns, die Lesenden, in die frostige Freiheit unseres ungegängelten Denkens. Wider einmal, wie in Brauns "Unvollendeter Geschichte" (1975), die ihn zum ersten Male, auch im Westen berühmt machte, geht eine Story zu Ende und andere, in unserem Kopfe, beginnen.

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