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Rezension: Sachbuch : Die Handwaffe der eisernen Lady

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Von Margaret Thatcher wird die Geschichte erzählt, daß sie während einer Diskussion den Redner brüsk unterbrach, ihre Handtasche öffnete, ein Buch von Friedrich August von Hayek herauszog und rief: "Das ist es, woran wir glauben!" In der Tat setzte sie alles daran, die wirtschaftspolitische Theorie ihres Lieblingsautors in praktische Politik umzusetzen.

          Von Margaret Thatcher wird die Geschichte erzählt, daß sie während einer Diskussion den Redner brüsk unterbrach, ihre Handtasche öffnete, ein Buch von Friedrich August von Hayek herauszog und rief: "Das ist es, woran wir glauben!" In der Tat setzte sie alles daran, die wirtschaftspolitische Theorie ihres Lieblingsautors in praktische Politik umzusetzen. Ihre Maxime lautete: Rolling back the state. In der Bundesrepublik hingegen waren die Konservativen über Jahrzehnte einem ganz anderen ökonomischen Leitstern gefolgt, nämlich der Ordnungstheorie Walter Euckens, die Ludwig Erhard in praktische Wirtschaftspolitik umsetzte und zum Erfolgsmodell der "Sozialen Marktwirtschaft" machte. Euckens Losung lautete: Ökonomische Prosperität bedarf der sozialen Sicherheit, und diese gibt es nicht ohne einen potenten Staat.

          Auf den ersten Blick scheinen sich die Konzepte Euckens und Hayeks also zu widersprechen. Aber so unterschiedlich ihre Konsequenzen auch sind, haben sie doch viele Gemeinsamkeiten. Sie zeigen sich vor allem in ihrer Frage nach den politisch-ökonomischen Bedingungen einer freiheitlichen Ordnung. Nicht zuletzt die Entwicklungen in der internationalen Wirtschaftspolitik haben in den letzten Jahren zu einer Renaissance der ordnungspolitischen Fragestellung beigetragen. Damit sind auch Eucken und Hayek wieder verstärkt ins Blickfeld der Ökonomik gerückt. Nachdem in den letzten Jahren bereits eine Fülle von Studien zu den beiden Klassikern erschienen sind, versucht Ingo Pies nun einen genaueren Vergleich.

          Seine Interessen sind klar verteilt. Während er Eucken, der seit den dreißiger Jahren in Freiburg seine ordoliberale Schule um sich scharte, eingehend würdigt, kommt Hayek, der Jahrzehnte in London und Chicago lehrte, bevor er in den sechziger Jahren auf Euckens alten Freiburger Lehrstuhl berufen wurde, deutlich zu kurz: Er muß sich mit dreißig Seiten begnügen. Überdies beschränkt sich der Autor auf eine kleine Auswahl von Hayeks Schriften der dreißiger und frühen vierziger Jahre, so daß wichtige ordnungspolitische Schriften späterer Jahre unter den Tisch fallen. Die Sozialismuskritik, die Hayek zeit seines Lebens beschäftigte, kommt ausführlich zur Sprache - nur ist sie in Hayeks ordnungspolitischer Konzeption eigentlich nicht der springende Punkt. Die in diesem Kontext elementare Theorie der "spontanen Ordnung" hingegen bleibt unterbelichtet.

          Daß die beiden Klassiker in diesem Buch nacheinander vorgestellt und anschließend erst verglichen werden, führt zu unnötigen Wiederholungen. Der Verfasser läßt Eucken ausführlich zu Wort kommen und kann ihn durchaus von einigen ideologischen Schuttschichten der Sekundärliteratur befreien, etwa von der Etikettierung als Vertreter eines "autoritären Liberalismus". Häufig verwendet er allerdings viel Mühe darauf, veraltete Kritik umständlich zu widerlegen. So kann etwa keine Rede mehr davon sein, daß die Eucken-Kritik Hajo Rieses aus den siebziger Jahren die "Standard-Referenz der neueren Sekundärliteratur" sei. "Wenn man die Biographie eines Freundes schreibt, muß man das so tun, als wollte man ihn rächen", schrieb einst Flaubert. Ingo Pies scheint einer solchen Devise zu folgen, wenn er Eucken verteidigt.

          Dabei schießt er gelegentlich über das Ziel hinaus. So ist seine These, daß die heutige Literatur Eucken nicht mehr "als konzeptionellen Denker ernst nehme", ziemlich befremdlich angesichts der Tatsache, daß man Eucken für Konzepte jeder Art in Anspruch nimmt - vom Ideenlieferanten für New Labour bis hin zum Ahnen einer "grünen Ordnungsökonomik". Auch fragt man sich, warum sich der Autor so verbissen um den Nachweis bemüht, daß Eucken "völlig metaphysikfrei" argumentiere. Als ob Metaphysik etwas Kompromittierendes wäre. Der tief religiös geprägte Eucken beklagte die Verdrängung der Religion und beobachtete bereits 1932, daß der Glaube "an den totalen, alles beherrschenden Staat ... weitgehend zum Religionsersatz geworden" sei.

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