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Rezension: Sachbuch : Die Fußballstadien und ihre Seele

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Ein Stadion ist nicht bloß eine Spielstätte. So eine richtige Fußballarena ist ein Ort der Begegnung, an dem Menschen das Geschehen "auf dem Platz" zum Ereignis gemacht haben, lange bevor das Fernsehen es zum "Event" getrimmt hat. Im Stadion entstehen Legenden der Leidenschaft, die den Besucher zur ständigen Wiederkehr animieren.

          Ein Stadion ist nicht bloß eine Spielstätte. So eine richtige Fußballarena ist ein Ort der Begegnung, an dem Menschen das Geschehen "auf dem Platz" zum Ereignis gemacht haben, lange bevor das Fernsehen es zum "Event" getrimmt hat. Im Stadion entstehen Legenden der Leidenschaft, die den Besucher zur ständigen Wiederkehr animieren. Gemeinsame Freude und geteiltes Leid machen das Stadion zu einem Mikrokosmos, der manchem Fan fast so vertraut ist wie die eigenen vier Wände. Wo die Lieblingsmannschaft ihre Heimspiele austrägt, empfinden viele Menschen Geborgenheit wie sonst nur im Kreis der Familie. Stadien wecken Erinnerungen an große Siege, große Niederlagen, vor allem aber an große Gefühle. Insofern verwundert es, daß im "Fußball-Land" Deutschland eine Abhandlung über die Schauplätze des kickenden Gewerbes bisher fehlte. Inspiriert durch Simon Inglis' Klassiker "The Football Grounds of England and Wales" hat Werner Skrentny das lange Versäumte nachgeholt. Als Ergebnis jahrelanger Recherchen gibt der Hamburger Autor "Das große Buch der deutschen Fußball-Stadien" heraus.

          Vierhundert informative, teilweise unterhaltsame Seiten im Format DIN A4 machen das umfassende Nachschlagewerk buchstäblich zu einem Schwergewicht der deutschen Fußball-Fachliteratur. Die Enzyklopädie berücksichtigt insgesamt 342 Stadien - alle Erstligastadien der Bundesrepublik Deutschland und der einstigen DDR seit Entstehen der Oberligen nach 1945 sowie die bundesdeutschen Zweitliga-Arenen von 1963 an. Darunter finden sich auch jene, die längst verblichen sind wie die "Plumpe" in Berlin oder das berühmte Stadion "Rothenbaum" in Hamburg. Skrentny und andere Autoren beschreiben nicht nur das Leben solcher Fußballplätze, sondern auch ihr Ableben. Am Rothenbaum etwa blieben alle Rettungsversuche erfolglos. Gerade seine Geschichte zeigt, wie tief Skrentny zuweilen ins Detail geht. Er nennt sogar die Preise für die 127 Eigentumswohnungen, die mittlerweile auf dem Gelände stehen - anstelle der ursprünglich geplanten Senioren-Appartements. "77 Quadratmeter kosten 500 000 Mark." Die Artenvielfalt deutscher Stadien reicht von der baufälligen Anlage irgendwo in der Provinz bis zum Leipziger Zentralstadion, diesem Symbol der "Stein gewordenen Phase des Stalinismus", bis zur Hamburger "AOL-Arena" oder der Spielstätte "AufSchalke", die der königsblauen Fußballtradition ein futuristisches Zuhause bietet und - zumindest technisch - die meisten Superlativen auf sich vereinigt. So groß die Vorfreude (nicht zuletzt auf höhere Einnahmen) in Gelsenkirchen sein mag: Oft werden gerade kleine, enge Stadien zu Kultstätten, deren Nutzer sich mehr auf das Arbeiten als auf das Spielen verstehen. Am Aachener Tivoli etwa oder am häufig totgesagten "Millerntor" in St. Pauli entsteht jene besondere, vom Lokalkolorit geprägte Atmosphäre, die das Stadion als solches berühmt macht, weil die Begeisterung auf den Rängen dort regelmäßig größer ist als der Fußball, der auf dem Rasen geboten wird.

          Zu diesen kleinen, nicht feinen Stadien gehört auch das "Städtische Stadion an der Grünwalder Straße" in der Münchner Arbeitergegend Giesing. Das "Sechz'ger" hat aus Altersschwäche in den Ruhestand für die erste Liga treten müssen; seine Überlebenschancen gelten als gering. Skrentny schildert den Kampf um den Erhalt solcher Stätten. Wo sich Kult und Kultur mit letzter Kraft gegen den Kommerz auflehnen, ergreift der Autor eindeutig Partei. "Noch steht das Sechz'ger: gewissermaßen ein Mahnmal für jene Zeit, als Fußball und Viertel noch miteinander zu tun hatten, Spieler und Fans ebenso, und das Heimspiel am Wochenende noch ein Ereignis war und kein aus Sicht finanziell unersättlicher Klubs unnötiger Annex zu irgendwelchen TV-Geld-Ligen." Im "Großen Buch der deutschen Fußball-Stadien" leben sie alle friedlich nebeneinander: die alten Mythen und die modernen Projekte, die nicht mehr Stadion oder Kampfbahn heißen, sondern "Arena", "Multi Casa" oder "Sport Dome". Ob groß oder klein, ob alt oder neu: "Ein Stadion besitzt auch so etwas wie eine Seele", schreibt Skrentny. Er beruft sich auf Mario Basler. Nach einer Heimniederlage des 1. FC Kaiserslautern habe der Profi einmal gesagt: "Schade für das Stadion."

          RICHARD LEIPOLD

          Besprochenes Buch: Werner Skrentny (Herausgeber), Das Große Buch der deutschen Fußball-Stadien, Verlag "Die Werkstatt", Göttingen, 400 Seiten, 78 Mark.

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