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Rezension: Sachbuch : Die Berechnung Gottes

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Hermann "der Lahme" von Reichenau · Von Loris Sturlese

          Im elften Jahrhundert nannte man die Dinge beim Namen, ohne Floskeln und Verschönerungen. Als man daher sah, was Hermann, dem Sohn des Grafen von Altshausen, zugestoßen war, tat man die Angelegenheit nicht wohlwollend als "körperliche Behinderung" ab, sondern man sagte, worum es ging: Der Junge war zu einem Krüppel geworden, zu Hermann "dem Lahmen". Amyotrophische Lateral-sklerose heißt heute diese Krankheit. Sie ist selten und unheilbar. Die Gehirnfunktionen bleiben intakt, aber die Muskeln verkümmern rapide, bei den Extremitäten beginnend. Wenn schließlich das Atemsystem erreicht wird, kommt der Tod durch Erstickung. Nur in wenigen Fällen, aus noch unbekannten Gründen, verlangsamt sich die Entwicklung der Krankheit bei jüngeren Patienten derart, daß der Betroffene über Jahrzehnte weiterleben kann. Er bleibt aber an den Rollstuhl gefesselt. Ein berühmter britischer Wissenschaftler lebt seit vielen Jahren in dieser schwierigen Lage. Er kann heute sein Unglück durch den Gebrauch raffinierter elektronischer Instrumente lindern. Aber womit konnte sich der junge pflegebedürftige Hermann in den zwanziger Jahren des elften Jahrhunderts helfen?

          Da waren vor allem die mönchischen Tugenden der Nächstenliebe und Barmherzigkeit gefragt. Hermann, der im Jahre 1020 als siebenjähriger, wahrscheinlich noch gesunder Knabe im Benediktinerkloster auf der Reichenau als Oblatus empfangen worden war, wurde von den Benediktinern nicht im Stich gelassen. Sie boten ihm nicht nur tägliche Pflege, sondern sogar Unterricht an. Ein erfinderischer Bruder bastelte einen tragbaren Sattel zusammen, auf dem der Lahme von Raum zu Raum transportiert wurde. Am häufigsten führte der Weg zur Klosterbibliothek. Denn vom gelehrten Abt Berno hatte Hermann das Lateinlesen und die Grundlagen des damaligen Wissens gelernt. Der arme Krüppel, auf dessen Leben man kaum einen Heller gesetzt hätte, ging seinen irdischen Weg mit eisernem, zähem Willen und mit Hilfe Gottes gut einundvierzig Jahre. Als er anno 1054 starb, war er als Historiker, Philosoph und Naturwissenschaftler bereits weltberühmt geworden.

          Daß sich ein Benediktiner als Chronist und Historiker betätigte, war damals an und für sich nichts Außergewöhnliches. Im elften Jahrhundert suchte jeder fromme Mensch nach Zeichen des Jüngsten Gerichts, aber nicht alle begnügten sich damit, dubiöse Berichte über das Auftauchen von zweiköpfigen Schweinen und würfelförmigen Eiern aufzuzeichnen. Hermann zog es vor, die allgemeine Heils- und Weltgeschichte zu betrachten, gemäß der besten Tradition des Benediktinerordens. Die Benennung Philosoph ("novus philosophus") war für ihn insofern geeignet, als sie um die erste Jahrtausendwende noch nicht den staatsbesoldeten Spezialisten eines universitären Faches, sondern einen Gelehrten bezeichnete, der Wissen und Weisheit und natürlich deren Quelle, Gott, liebte. War nicht jeder Mönch in diesem Sinne ein Philosoph?

          Doch war Hermann ein ziemlich eigenartiger Philosoph. Das Wissen, das ihn interessierte, war ganz besonderer Art. Auf seinen tragbaren Sattel gefesselt, beschäftigte er sich mit astronomischen Instrumenten, mit deren theoretischen Grundlagen und im besonderen mit der Frage, ob und wie eine genaue Bestimmung der Zeit möglich sei. Ein islamisches Gerät - das Astrolab - schien als Zeitmessungsinstrument besonders vielversprechend zu sein. Er sammelte die wissenschaftliche Literatur und wurde von der Ungenauigkeit und der Widersprüchlichkeit enttäuscht. Das erste Desiderat war, in der Materie Ordnung zu schaffen. Dies konnte nur durch ein neues einfaches, klares Buch erfolgen. So entstand der Plan zu einem der bedeutendsten Sachbücher des Mittelalters, Hermanns Schrift "Über das Astrolab".

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