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Rezension: Sachbuch : Deutscher durfte er nicht werden

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Die Erinnerungen des israelischen Historikers Evyatar Friesel

          Kindheit in Chemnitz, Jugend in Saõ Paulo, Studium und Berufsleben in Jerusalem - die Lebensstationen des Historikers Evyatar Friesel sind nicht untypisch für seine Generation deutscher Juden. Die Entwurzelung und der mehrfache Versuch, neue Wurzeln zu schlagen, gehören zum Emigrantenschicksal unseres Jahrhunderts. Wie die meisten der im ersten Drittel dieses Jahrhunderts in Sachsen aufgewachsenen Juden war Friesel kein in Deutschland "Verwurzelter". Seine Eltern kamen aus Galizien, im Familienkreis sprach man Jiddisch, und wenn man zum Beten ging, dann nicht in den deutsch-jüdischen "Tempel" mit Orgel, sondern in das ostjüdische "Schtibl" mit den altbekannten Melodien. Der 1930 geborene Friesel jedoch sollte, wäre es nach den Eltern gegangen, ein deutscher Jude werden. Siegfried nannten ihn die Eltern, schickten ihn auf eine deutsche Grundschule und waren daran interessiert, daß er seinen Goethe und Schiller vermittelt bekam.

          Bereits die ersten Kindheitserinnerungen zeugen von einem anderen Deutschland: Der Fünfjährige erlebt Hitler während einer Massenveranstaltung in Nürnberg, der Achtjährige wird Zeuge, wie die Chemnitzer Synagoge brennt und die Fensterscheiben am Geschäft der Eltern eingeworfen werden. Das Schlimmste blieb den Friesels erspart. Im März 1939 konnten sie nach Brasilien emigrieren, wo der junge Siegfried sein erstes Geld als Zeitungsreporter verdiente. Seine Träume gehörten allerdings einem anderen Land. Als Mitglied der sozialistisch-zionistischen Jugendorganisation Dror bereitete er sich auf die Einwanderung in den jungen Staat Israel vor, die er 1953 verwirklichte. Im Kibbuz Bäume zu pflanzen erschien ihm nun als Lebensziel.

          So machte er sich - ausgestattet lediglich mit Tolstois "Krieg und Frieden" und dem dritten Band von Max Webers "Religionssoziologie" - auf den Weg, die Negev-Wüste zum Blühen zu bringen. Freilich sollte der jugendliche Idealismus nur so lange anhalten, bis Friesels Hebräischkenntnisse ausreichten, um Kurse an der Hebräischen Universität in Jerusalem zu besuchen. Aus Siegfried war inzwischen Evyatar geworden, wenngleich er sich nie ganz mit diesem Identitätswandel anfreunden konnte und bekennt: "Der neue Name klingt mir immer noch künstlich. Meine engeren Bekannten nennen mich auch heute Sigi."

          Friesels Weg zum Professor an der Hebräischen Universität war weder vorgezeichnet noch geradlinig. Erst auf den Umwegen als Journalist und Landarbeiter im Kibbutz begann er ein systematisches Universitätsstudium, eignete sich die Sprache seiner neuen Umgebung an und kämpfte sich Schritt für Schritt innerhalb der akademischen Landschaft Israels nach oben. Daß er es schließlich schaffte, Teil des akademischen Establishments zu werden, schildert er mit jener Nüchternheit, die den Grundtenor des gesamten Buches bildet: "Ich arbeitete gern, hatte manchmal gute Ideen und ein gewisses Maß an gesundem Menschenverstand. Und aufs Ganze gesehen hatte ich viel Glück."

          Mit eben jener Nüchternheit beurteilt Friesel auch seine eigene Zunft. "Historiker neigen zu konservativer Haltung", schreibt er, "denn sie haben gelernt, die Flachheit der meisten Revolutionen zu durchschauen." Allerdings mahnt er seine Kollegen auch vor intellektueller Unbeweglichkeit: "Historiker haben Respekt vor der Tradition gelernt, vor den Werten, welche die Gesellschaft zusammenhalten und ihr ihren unverwechselbaren Charakter verleihen. Allerdings ist das eine Tendenz, die streng unter Kontrolle gehalten werden muß. Man sollte nie vergessen, daß Tradition nur dann fruchtbar wird, wenn man sie erschüttert. Tradition, die sich selbst überlassen bleibt, führt über kurz oder lang zur Inquisition."

          Friesels Erinnerungen ergeben kein spektakuläres Buch. Ihr Autor ist als Leiter des israelischen Staatsarchivs zwar etabliert, aber keiner der ganz Großen im öffentlichen Leben Israels. Für kaum einen deutschen Leser sind die zahlreichen Lehrer und Kollegen, auf die Friesel näher eingeht, ein Begriff. Gerade darin liegt der Reiz jener "Ballade des äußeren Lebens". Sie wiederholt nicht Altbekanntes, sondern bietet einen nüchternen Einblick in die israelische Geschichtswissenschaft, kompetente Analysen des amerikanischen Judentums wie des Nahostkonflikts und auch sehr persönliche Eindrücke von einem längeren Lehraufenthalt in Heidelberg. Vor allem in der Wiederbegegnung mit Deutschland dringt Friesel über das äußere Leben hinaus und läßt den Leser auch an seinen Emotionen teilhaben.

          Während des einjährigen Besuches wird er wieder mit seinen Wurzeln konfrontiert - und mit seiner Wurzellosigkeit: "Über Jahre hinweg ist es mein bewußtes Anliegen gewesen, Wurzeln zu schlagen, zur ,Normalität' zu gelangen. Heute habe ich begriffen, daß dieses Bemühen zum Scheitern verurteilt war, sobald ich es ausdrücklich als Ziel formuliert hatte . . . Wenn die Wurzellosigkeit einen Einfluß auf mein Leben hatte, dann hat sie es bereichert." MICHAEL BRENNER

          Evyatar Friesel: "Ballade des äußeren Lebens". Memoiren. Aus dem Amerikanischen von Dafna Mach. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 1997. 260 S., geb., 49,- DM.

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