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Rezension: Sachbuch : Deutsche Historie ist billig zu haben

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Die Kataloge moderner Antiquariate erzählen mitunter Geschichten von hohen Ansprüchen, gewandelten Zeiten und ermattetem Aufgeben. Seit kurzem wird die "Propyläen Geschichte Deutschlands" in diesen kalkulierten Auffangstellungen des Buchhandels feilgeboten, neun Bände mit roten Lederrücken, einzeln oder im Paket für knapp vierhundert Euro, einem Drittel des alten Ladenpreises.

          Die Kataloge moderner Antiquariate erzählen mitunter Geschichten von hohen Ansprüchen, gewandelten Zeiten und ermattetem Aufgeben. Seit kurzem wird die "Propyläen Geschichte Deutschlands" in diesen kalkulierten Auffangstellungen des Buchhandels feilgeboten, neun Bände mit roten Lederrücken, einzeln oder im Paket für knapp vierhundert Euro, einem Drittel des alten Ladenpreises. Das Reihenwerk reicht zurück in die frühen achtziger Jahre, als es um Deutungshoheiten und Museumsprojekte ging und als deutsche Geschichte in repräsentativer Darbietung Antworten auf die diffusen Fragen nach Identität, geschichtlicher Kontinuität und dem "deutschen Sonderweg" versprach. Trotz oder gerade wegen des hohen Anspruches - jeder Autor sollte eine neuartige Gesamtinterpretation des behandelten Zeitraumes und zugleich neue Forschungsergebnisse in allgemeinverständlicher Form vorstellen - gelang der Start nicht so recht. Wolf Jobst Siedler traf mit seinem ein Jahr früher gestarteten Konkurrenzunternehmen "Die Deutschen und ihre Nation" den Nerv der Zeit besser, obwohl seine Autoren das im Reihentitel Versprochene nur gemäßigt einzulösen gewillt waren. Doch sie legten binnen fünf Jahren vier Bände über die Zeit vom Wiener Kongreß bis zum Ende des Deutschen Reiches vor, mithin über Kernepochen des öffentlichen Interesses an Geschichte, wobei die Bücher von Michael Stürmer und Hagen Schulze zudem durch pointierte Thesen Aufsehen erregten. Propyläen schaffte in nur vier Jahren ebenso viele Bände über die Jahrhunderte von den Saliern bis zum Hubertusburger Frieden, die freilich in erster Linie Fachkollegen begeisterten. Dem sprichwörtlichen Zahnarzt und dem Studienrat, auf die Golo Mann und Alfred Heuß um 1960 die über alle Maßen erfolgreiche "Propyläen Weltgeschichte" ausgerichtet hatten, blieben die anspruchsvollen, sozial- und verfassungsgeschichtlich ausgerichteten Synthesen mit Titeln wie "Von offener Verfassung zu gestalteter Verdichtung" weitgehend verschlossen. Dann war auch bereits der Anfangsschwung erschöpft. Während es dem Verleger Siedler gelang, seine inzwischen um "Das Reich und die Deutschen" auf insgesamt zwölf Bände erweiterte Reihe 1991 abzuschließen und vor kurzem durch eine magistrale Analyse der Epoche von 1945 bis zur staatlichen Einheit zu ergänzen, drehte sich bei Propyläen das Autorenkarussell, leider kaum je so zum Vorteil der Reihe wie beim brillanten ersten Band "Der Weg in die Geschichte" von Johannes Fried (F.A.Z. vom 28. September 1994). So mußte eine Lücke zwischen 1763 und 1850 mit der Übersetzung eines Buches von James Sheehan gefüllt werden (F.A.Z. vom 2. März 1995), das am Ende brutal trunkiert und so ausgerechnet seiner spannenden These beraubt wurde, daß die Geschichte der Deutschländer nach der Revolution von 1848 keineswegs auf die kleindeutsche Reichsgründung zulief. Zur Tragikomödie geriet schließlich ausgerechnet das Ringen um die beiden abschließenden Bände über die Zeit des Nationalsozialismus und das geteilte Deutschland. Seitdem der Verlag das ohne Wissen des Reihenherausgebers von einem neuen Lektor bestellte und bei Erscheinen heftig angegriffene, dabei über weite Strecken durchaus seriöse Werk aus der Feder eines jungnationalen Publizisten über die NS-Zeit zurückgezogen und eingestampft hatte, ruht der See. Auch von der Nachkriegsgeschichte ist keine Rede mehr. Der Weg ins Moderne Antiquariat scheint nun anzudeuten, daß die Vollendung des Gesamtwerkes aufgegeben ist. Ein geschätztes Kind des Hauses war es kaum; allein so ist zu erklären, daß nicht von allen Bänden preiswertere Sonderausgaben herauskamen, diese aber gleich in vier verschiedenen Formaten. Sollte es also künftig überhaupt keine Propyläen-Reihenwerke mehr geben? Eine moderne Universalgeschichte und eine Geschichte Europas zwischen Handbuch und Essay sind eigentlich dringend erwünscht.

          UWE WALTER

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