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Rezension: Sachbuch : Der verklärte Hunger-Meister des Schachs

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Carl Schlechter zwischen Wahrheit und Fiktion

          Vor der zehnten und letzten Partie des Zweikampfes um die Weltmeisterschaft lag der Wiener Großmeister Carl Schlechter 5:4 in Führung. Alles, was ihm an jenem Februartag des Jahres 1910 fehlte, um dem Deutschen Emanuel Lasker den Titel abzunehmen, war ein Remis. Aber Schlechter spielte nicht auf Remis. Nicht, weil er das nicht gekonnt hätte. Er konnte das im allgemeinen recht gut. Die Stellung war einfach nicht danach. Im 35. Zug verkalkulierte sich Schlechter und überzog seinen Angriff. Einige Züge später hätte er immer noch ein Remis erzwingen können. Durch den eben bemerkten Lapsus aus dem Gleichgewicht geraten, reagierte er instinktiv, aber falsch. Lasker konnte seinen König vor den Schachgeboten verstecken.

          Dramen wie dieses haben sich unzählige Male auf den schwarzen und weißen Feldern abgespielt. Aber kaum eines hat mehr Phantasien, mehr Spekulationen ausgelöst. Menschliche Unvollkommenheit durfte diesmal nicht als Erklärung genügen. Wollte Schlechter nach acht Remispartien und einem einzigen, dazu glücklichen Sieg das Match auf ehrenvolle Art entscheiden? Brauchte der österreichische Herausforderer zwei Siege Vorsprung, um Lasker abzulösen? Oder stand der Weltmeistertitel am Ende gar nicht auf dem Spiel? Weil das Reglement des Zweikampfes nie veröffentlicht wurde, schien keine Theorie zu abwegig.

          Die Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg werden oft als "goldenes Zeitalter des Schach" beschrieben. Es war die Zeit, in der viele Meister zu Zeitungskolumnen kamen. Nur wenige beschränkten sich auf die technische Analyse des Spiels. Die Kolumnisten warben in eigener Sache oder setzten vom Hörensagen, mitunter auch ohne jede Grundlage, Anekdoten und Legenden in die Welt. Diente es der Förderung des Schachspiels, war Wahrheit nicht gefragt. Schlechter und sein Match gegen Lasker waren ein dankbares Thema für die schreibenden Meister. Sie verklärten ihn zum Meister des Remis, der Bescheidenheit und des Hungerns.

          Der steirische Schriftsteller Thomas Glavinic hat den Schlechter der Kolumnisten in seinem ersten Roman "Carl Haffners Liebe zum Unentschieden" verdichtet. Der Name ist nicht aus der Luft gegriffen. Haffner war der Künstlername von Schlechters Großvater, der für Boulevardtheater Stücke schrieb. Mit Ausnahme Schlechters alias Haffner und des Kolumnisten Georg Marco, den er Hummel nennt, beläßt Glavinic den Figuren ihre historischen Namen.

          So hat er die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion in der Tradition der Schachkolumnisten bewußt verschleiert. Quellen nennt er nicht. Das erlaubt zwei Lesarten, einerseits als Lebensgeschichte Schlechters, andererseits die seines literarischen Stellvertreters Haffner. Manche Anekdote hat Glavinic verworfen. Eine Begebenheit münzt er von Milan Vidmar, einem Zeitgenossen Schlechters, auf Haffner. Doch im wesentlichen, und das ist die größte Schwäche dieser leicht dahin gleitenden Erzählung, folgt Glanivic den Legenden.

          Die meisten Schachspieler kennen Schlechter nicht nur als unglücklichen Verlierer einer Weltmeisterschaft, sondern vor allem als Prototyp des Berufsspielers, den das Schach nicht mehr ernähren kann. Während des ersten Weltkriegs gab es kaum noch internationale Turniere. Im Herbst 1918 trafen sich vier führende Großmeister in Berlin. Lasker, der immer noch Weltmeister war, gewann den ersten Preis, 1000 Zigaretten. Auf einem Foto der Teilnehmer sieht der damals 44jährige Schlechter rund zwanzig Jahre älter aus. Wenige Wochen nach Kriegsende erleidet er in Budapest das wohl schlechteste Resultat seiner Karriere. Kurz nach dem Turnier wird der ausgemergelte Wiener in ein Budapester Hospital eingeliefert und stirbt. Im Totenschein steht "Lungenkrankheit". In der Überlieferung heißt es ohne Wenn und Aber, Schlechter sei verhungert.

          Auch Glavinic hat seinen Haffner verhungern lassen. Nicht nur 1918, sondern auch einmal zuvor: während des Wettkampfes mit Lasker. Der wirkliche Schlechter, obwohl selbst Kolumnist, hat sich nie zu seiner Niederlage erklärt. Seinen Appetit auf Wahrheit stillte er durch technische Analyse. STEFAN LÖFFLER

          Besprochenes Buch: Thomas Glavinic: "Carl Haffners Liebe zum Unentschieden", Verlag Volk und Welt, Berlin, 230 Seiten, 30 Mark.

          Carl Haffners Liebe zum Unentschieden

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.05.1998, Nr. 122 / Seite 40

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