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Rezension: Sachbuch : Der Kantor war Prophet

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Jacobo Kaufmann porträtiert mit Isaac Offenbach nicht nur den Vater des Komponisten

          "Schon sind Befehle sie zu morden, / Fort gesandt auf weit und breit; Und so, daß man an allen Orten / Sie tödtet, zu gleicher Stund und Zeit . . . Alle Juden sind geschlachtet, / Das Land nun ist von Juden rein". Das ist kein Vernichtungsbefehl eines SS-Gewaltigen aus den frühen vierziger Jahren unseres Jahrhunderts, sondern eine Passage aus dem Purim-Spiel "Ester, Königinn von Persien" (1833) von Isaac Offenbach (um 1780 bis 1850). Daß Jakob (Jacques) Offenbach, der geniale Komponist, in seinem Vater einen umsichtigen Impresario hatte, der ihn und seinen Bruder Julius (Jules), den späteren Geiger und Opernkapellmeister im Schatten des bedeutenderen Bruders, umsichtig und erfolgreich managte, wußte man wenigstens umrißhaft: Isaac ließ die begabten Söhne und die Tochter Isabella schon als Kinder in Kölner Unterhaltungs-Etablissements konzertieren und setzte für Jakob, sein "Köbelchen", gegen anfänglichen Widerstand des Hochschuldirektors Luigi Cherubini 1833 das Cellostudium am Pariser Conservatoire durch.

          Dem Regisseur Jacobo Kaufmann, Offenbach-Enthusiast und Leiter der Opernabteilung der Jerusalemer Rubin-Musikakademie, gelingt es in seinem Porträt von Isaac Offenbach, auf der Grundlage jahrelanger Forschungsarbeit in Europa und Nordamerika (wohin drei Töchter Isaac Offenbachs mit Originalhandschriften ihres Vaters auswanderten) diese Umrißlinien zu beleben. Der fromme, vielseitig gelehrte Vater, mit seiner gerühmten Tenorstimme dreißig Jahre lang Kantor in der jüdischen Gemeinde zu Köln, außerdem Dichter und Komponist, gewinnt bisher unbekanntes Profil.

          Isaac Eberst(adt), der ungefähr bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr in Offenbach am Main lebte und sich seit 1808 auch "Offenbach" nannte, arbeitete sich aus mühseligen Anfängen als Wandersänger in Synagogen und als Musikant bei geselligen Anlässen zum festangestellten, wenn auch kärglich entlohnten Kantor hoch. Kaufmann nimmt diese Berufsrichtung zum Anlaß für ein umfassend und lebendig geschildertes jüdisches Kulturpanorama. Den Familienvater von zehn Kindern und Synagogenkantor in Deutz und von 1806 an in Köln stellt der Autor in ein soziokulturelles Umfeld samt Gottesdienstformen und innerjüdischen Umbrüchen durch Aufklärung, Reformbewegung und zunehmender Anpassung an die christliche, schon damals antisemitische Umgebung. Isaac hat die aktuellen Ereignisse mit wachem Verstand verfolgt und in seinen biedermeierlichen Reimen oft ironisch, aber auch sorgenvoll glossiert.

          So spiegelt der Vernichtungsfuror, den Offenbach dem Persischen Minister Haman in seinem "Ester"-Stück in den Mund legt, die latente Pogromstimmung in Deutschland, hundert Jahre vor Hitlers Machtergreifung. Hamans Begründung vor Königin Ester, nicht minder beklemmend, entspricht tief verwurzeltem antisemitischen Vorurteil: Die Juden seien ein Fremdkörper, der "in Allem von uns abweichet", sie seien "Schädlinge, giftigste Pflanzen", die "sämmtlich auszurotten" seien, "um das Reich von einer Plage zu befreien". Die nationalsozialistische Ideologie hat ihren Rassenhaß nicht anders formuliert.

          Aber auch die problematische innerjüdische Situation nimmt der alte Offenbach aufs Korn: die reformjüdische Verwässerung des überlieferten Glaubens im "Humoristischen Gedicht eines polnischen Seforim" (Buchhändlers) oder den Sittenverfall im "Humoristischen Gedicht eines Antiquaren", eine Kurzfassung der biblischen Geschichte mit Seitenhieben auf die Gegenwart. "Auf solche Weise wurde seitdem kein Rock mehr verdorben, / Denn die keusche Josephs sind leider! alle ausgestorben", heißt es im Hinblick auf den standhaften Bibelhelden beim Verführungsversuch durch Potiphars Gemahlin.

          Offenbachs Texte, darunter auch Reden zu Bar Mitzwa (der Einsegnung des religionsmündigen Knaben), Hochzeit und Begräbnis in Familie oder Gemeinde, sind keine dichterischen Meisterwerke, sondern Gebrauchsliteratur mit aufklärerisch-pädagogischer Absicht, doch von nicht unbeträchtlichem kulturgeschichtlichen Wert. Kaufmann hat sie aufgespürt, viele von ihnen in seinem Buch erstmals veröffentlicht und sorgfältig kommentiert. Außerdem sind die Erinnerungen von Offenbachs jüngster, um 1890 ebenfalls nach Amerika ausgewanderter Tochter Julie Grünewald (1823 bis 1907) an ihre Kölner Kindheit und Jugend erstmals vollständig wiedergegeben.

          Weniger plastisch fällt die musikalische Seite von Offenbachs Persönlichkeit aus. Kaufmann erwähnt zwar immer wieder die stimmlichen, musikpädagogischen und kompositorischen Fähigkeiten des Kantors und die Beherrschung mehrerer Instrumente, geht aber auf die Kompositionen nicht näher ein. Sie waren ebenfalls Gebrauchsarbeiten für Gottesdienst oder familiäre Anlässe. Wie sich das musische Familienklima auf Jacques' Komponieren auswirkte, wird ebenso wenig konkretisiert. Daß Jacques Offenbach neben der deutschen und der französischen auch von der jüdischen Kultur beeinflußt wurde, bleibt deshalb vorerst eine Behauptung. Denkbar wäre, daß die Erfahrungen des jungen Cellisten Jacques Offenbach im popularmusikalischen Milieu und mit der Synagogenmusik, in die sein Vater Melodien rheinisch-volkstümlicher Herkunft oder von Schubert, Schumann und Carl Maria von Weber einfließen ließ, in seinen Pariser Operetten analysierbar sind. Es dürfte sich lohnen, dieser Frage nachzugehen, um so mehr, als Jacques nicht selten ebenfalls in Synagogen sang - noch als arrivierter Komponist bei Besuchen im Kölner Vaterhaus. ELLEN KOHLHAAS

          Jacobo Kaufmann: "Isaac Offenbach und sein Sohn Jacques oder ,Es ist nicht alle Tage Purim'". Max Niemeyer Verlag Tübingen 1998. Conditio Judaica Band 21, 226 S., zahlr. Abb., br., 136,- DM.

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